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MIitten in der Region:Drachensteigen für Anfänger

Wenn der Wind streikt, dann muss Mutter laufen. Aber auch das nutzt manchmal nichts

Kolumne von FRANZISKA LANGHAMMER

Da schaut man gar nicht schnell genug, und schon steht der Herbst vor der Tür. Und mit ihm alles, was das Kinderherz begehrt. Es beginnt die Hochzeit fürs Kastaniensammeln oder dem Kindergarten-Brüll-Klassiker "Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da!" Diese Jahreszeit bringt nämlich - so will es das Lied - nicht nur Spaß, sondern sie rüttelt auch an den Zweigen und lässt die Drachen steigen. Heia hussassa!

Tja, da ist nun die Sache mit dem Drachen. Der alte kaputt, zerknoddelt, nicht mehr entwirrbar. Ein neuer muss her. Eddi kommt eines Tages angeflogen, ein Drachen mit einem Tyrannosaurus Rex als Konterfei, die Zähne so spitz, dass man sich kaum hinzulangen traut. Nun kann man in allen einschlägigen Foren lesen, wie sinnvoll es ist, noch Fransen am Drachen als Verlängerung zu befestigen, das stabilisiert angeblich den Drachenflug. Pfff. Schon auf dem Weg zur nächstgelegenen Großwiese gibt es Geschrei und einen kleinen Sturz, weil Eddis Fransen sich wirklich um jeden noch so kleinen Fuß wickeln und einen beim Gehen destabilisieren.

Das nächste Geheule, das nicht der Wind entfacht, wartet dann schon kurz vor dem ersten Flugversuch. "Fliegt auch bei wenig Wind", steht nämlich auf der Verpackung von Eddi. Man braucht den Finger gar nicht prüfend in die Luft halten, heute weht noch nicht mal ein laues Lüftchen. Trotzdem hat die Tochter Angst, dass Eddi wegfliegt. Diese Befürchtung legt sich auch im weiteren Verlauf des Nachmittags nicht. Erst recht nicht, als sie angewiesen wird, den Eddi erst festzuhalten und dann loszulassen. Sie lässt natürlich nicht los. Eddi fliegt nicht. Der kleine Bruder heult.

Man versucht es jetzt per Laufen, mit einem herzzerreißenden Schluchzer wird Eddi schließlich losgelassen, er saust nach oben und - landet schon wieder im nächsten Moment auf der Erde. Wumms. Beim nächsten Versuch will der Kleine mit auf den Arm. Kind auf dem Arm, Drachenleine an der Hand, und ab geht die Luzie! Klingt nach Super-Work-out, sieht aber bestimmt nicht so fancy aus, wie es klingt, und bringt, drachentechnisch gesehen, gar nichts. Die Tochter sitzt mittlerweile gelangweilt im Gras und sagt: "Ich will nach Hause." Eddi sieht das genauso.

Zuhause angekommen, regt sich plötzlich ein kleines Windchen, rüttelt an den Zweigen. Sollen wir's noch mal versuchen, Eddi? Der Tyrannodrachus zeigt seine Zähnchen, und man stimmt ganz mit ihm überein: Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist auch noch morgen da.

© SZ vom 18.09.2020
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