Kommentar:Reichlich spät

Seit fast acht Jahren diskutiert und plant der Gemeinderat einen zweiten Supermarkt im Ort. Dass er sich die Arbeit nicht kaputt machen lassen will, ist verständlich

von Christine Setzwein

Wenn Bürger mitreden, dann meistens, weil ihnen etwas nicht passt. Nix gschwätzt, isch gnuag globt, drückt es der sparsame Schwabe aus. Nahezu alle Bürgerbegehren und Bürgerentscheide richten sich darum gegen etwas, wollen etwas verhindern oder zu Fall bringen. Aber das ist gelebte Demokratie. In Wörthsee haben 850 Menschen mit ihrer Unterschrift erklärt, dass sie keinen Supermarkt dort wollen, wo ihn der Gemeinderat will. Weil er ihrer Meinung nach zu groß ist, weil Bäume fallen müssen, weil er Verkehr anzieht und sie sich grundsätzlich schlecht informiert fühlen.

Seit fast acht Jahren diskutiert und plant der Gemeinderat Wörthsee einen zweiten Nahversorger für die Gemeinde. Die Unterlagen des betreffenden Bebauungsplans wurden mit allen Stellungnahmen und Gutachten zum ersten Mal am 2. Juli 2020 öffentlich ausgelegt. Das Vorhaben war davor Thema in zig Gemeinderatssitzungen. Wer sich interessiert, konnte und kann sich informieren. Beschlüsse fallen nicht vom Himmel.

Dass sich die Gemeinderäte ihre jahrelange Arbeit nicht kaputt machen lassen wollen und ein Ratsbegehren auf den Weg bringen, ist verständlich und gehört auch zur Demokratie. Die Gemeinde verknüpft die Entscheidung über den Nahversorger mit dem Bau von Genossenschaftswohnungen. Eine Finte vielleicht, aber keinesfalls eine "Erpressung". Schließlich haben die Gemeinderäte bereits im Sommer die Änderung des Flächennutzungsplans beschlossen und aus einer "Vorbehaltsfläche für Nahversorgung" ein "Sondergebiet Lebensmittelmarkt und Wohnen" gemacht. Einkaufen und Wohnen in dem neuen Quartier sind als Gesamtkonzept angelegt.

Über die Größe eines Supermarkts lässt sich sicher streiten. Regionale Lebensmittel wünscht sich jeder, in Plastik eingeschweißte Gurken und gefrorene Semmelrohlinge aus wer weiß woher braucht niemand. Aber jetzt den Dorfladen in Steinebach wieder ins Gespräch zu bringen, der sich nicht einmal zwei Jahre halten konnte, ist schon ein bisschen blauäugig. Hätten all die Unterzeichner regelmäßig im Dorfladen und in den Tante-Emma-Läden in Etterschlag und Walchstadt eingekauft, gäbe es sie vermutlich noch heute.

© SZ vom 22.01.2021
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