Kommentar Autoverkehr bevorzugt

Radfahrer haben noch immer eine schlechtere Lobby

Von Michael Berzl

Die Wende in der Verkehrspolitik ist da: In München ist jetzt von Schnellwegen für Radfahrer die Rede, der Starnberger Vize-Landrat trifft sich mit engagierten E-Mobilisten und klappert Stromladestationen im Fünfseenland ab, und die Stadtradler wetteifern jedes Jahr mit sportlichem Ehrgeiz darin, Kilometer zusammenzuzählen. Es ist ein einziges Schnurren und Surren, und überall sausen die Menschen mit ihren Fahrrädern umher. Schön wär's ja.

Das Klappern und Rattern ist lauter: Südlich von Weßling schieben die Bagger gerade den Humus ab, um Platz zu schaffen für eine neue Einfahrt in eine neue Umgehungsstraße, die knapp neun Millionen Euro kostet. Im Landkreis Starnberg entsteht ein Netz von Umfahrungen. Um Hanfeld, Pöcking und Unterbrunn geht es schon flott vorbei, gerade entsteht mitten im Wald ein Verkehrskreisel für die Starnberger Westumgehung, eine Trasse an Gilching vorbei soll folgen. Dem Auto eine Bresche. Jede Entlastung für Orte belastet die Natur, für jede Umfahrung werden hektarweise Flächen zuasphaltiert. Welche Verwüstungen man anrichtet, damit das Autofahren attraktiv bleibt, ist gerade an der Dellinger Höhe wieder zu besichtigen.

Währenddessen genießen die Teilnehmer beim Stadtradeln das gute Gefühl, etwas umweltpolitisch Sinnvolles getan zu haben, addieren Strecken, die sie ohnehin mit dem Rad gefahren wären, kommen auf erhebliche theoretisch vermiedene Schadstoffmengen und Landrat Karl Roth lobt die Aktion, die dazu beigetragen haben soll, dass auch Politiker nun ein Ohr für den Radverkehr hätten.

Ohr schon, aber Geld haben sie mehr für den Autoverkehr. Symbolische Aktionen vermitteln manchmal den Eindruck, allein die Ausholbewegung leite bereits eine Wende in der Verkehrspolitik ein. Die Fakten indes sprechen eine andere Sprache: Während von Radfernwegen geredet wird, werden Umgehungsstraßen gebaut.