Kabarett in Seefeld:Nachrichten eines Mietshaus-Misanthropen

Seefeld: Comedian Matthias Egersdörfer

Selbst als Puppe hat die Mutter das letzte Wort: Matthias Egersdörfer verdankt dem Aufwachsen als "Vorstadtprinz" Zweifel, Selbstmitleid und Depressionen. Im neuen Bühnenprogramm findet der als polternder Wutbürger bekannte Franke auch viele leise, melancholische Töne.

(Foto: Nila Thiel)

Matthias Egersdörfer gilt als Wutfranke der deutschen Kabarettszene und ist als Leiter der Spurensicherung im Franken-"Tatort" bekannt. In Seefeld arbeitet sich das "Bubbele" an seiner "Mudder" in Puppengestalt ab

Von Armin Greune, Seefeld

Einen guten Rat gibt er dem Publikum am Ende noch mit: "Basteln Sie keine Puppen!" Matthias Egersdörfer hat in der pandemiebedingten Bühnenabstinenz eine Pappmaché-Kameradin geschaffen, an der er sich nun im aktuellen Programm "Nachrichten aus dem Hinterhaus" abarbeitet - schließlich ist die Dialogpartnerin auf der Hand des dilettierenden Bauchredners die eigene Mutter. So viel hätte aus dem als Vorstadtprinz aufgewachsenen 51-Jährigen werden können, wäre "das Bubbele" nicht unter ihrer Kuratel gestanden: "Arzt, Landrat, Bischof oder gar Weinkönigin." Stattdessen gilt er seit dem Bühnendebüt 2004 als Wutfranke der deutschen Kabarettszene vom "Quatsch Comedy Club" über "Scheibenwischer" bis zur "Anstalt". Dem Fernsehpublikum ist er zudem seit sechs Jahren als Leiter der Spurensicherung im Franken-"Tatort" vertraut.

Dass sich aber unter der harten Schale des Cholerikers mit Backenbart und finsterem Blick "ein dünnhäutiger, papierner Poet" verberge, "nimmt niemand zur Kenntnis", klagt Egersdörfer bei seinem Auftritt in Seefeld. Als Vorstadtprinz aufgewachsen steht der 51-Jährige immer noch unter der Kuratel der längst toten "Mudder"; ein "freies Radikal, niemand hat ihr Einhalt geboten". Auch nicht im Seefelder Pfarrgemeindesaal, als sie eine Frau im Publikum auffordert, beim Bubbele in der Pause "den Samenstau zu beheben".

In seinem 2019 erschienenen Roman "Vorstadtprinz" hat Egersdörfer Teile seiner Jugend verarbeitet. Auch im neuen Soloprogramm kommt unter anderen eine längere Szene vor, die einen Supermarktbesuch mit der Mutter aus kindlicher Sicht wiedergibt, wobei sich Realität und Fantasie zunehmend vermischen. Es gehört zu Egersdörfers besonderen Stärken, in seinen Erzählungen absurde Wendungen zu nehmen: etwa wenn er, statt mit der Frau Fernsehkrimis zu gucken, aus dem Schlafzimmerfenster blickt und über die fehlende Altenpflege für Amseln philosophiert. Oder sich als Bayern-4-Klassik-Fan in Betrachtungen über die Rundfunksprecherin verliert, wie sie sich die Nägel feilt und Borscht kocht. Um dann über "die jungen Spargel, die Ranunkeln aus dem Radio" zu räsonieren, die Mozart-Hörer duzen.

Derart klassisch-egersdörfische Entgleisungen sind auch in "Nachrichten aus dem Hinterhaus" wieder mitzuerleben. Insgesamt aber dominieren Selbstmitleid und eine fast poetische Melancholie über den polternden Zyniker und Mietshaus-Misanthropen im neuen Programm. Als roter Faden dient sein in den "Monaten der Entbehrungen" entstandenes Manifest, dass sich hinter den berühmten Vorbildern aus Kunst und Politik "in keinster Weise verstecken muss", versichert Egersdörfer. Den Zitaten aus den Werken von Marx und Engels, Breton, Gropius, Valie Export und des als "Unabomber" bekannten Terroristen Ted Kaczynski stellt er sein "Manifest des idealen Sonntags" gegenüber. Die 25 Thesen offenbaren zwischen "Du sollst mit Deinem Weibe frühstücken", Gottesdienst- und Wirtshausbesuch und "Beischlaf veranstalten" freilich auch ermüdendende Redundanzen. Aber davon abgesehen kann man dem Verein "Räsonanz" nur dazu gratulieren, Egersdörfer nach der langen Zwangspause zum Auftakt der neuen Saison gewonnen zu haben.

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