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Gedenken:Die Vergessenen

Eine digitale Ausstellung dokumentiert Schicksale jüdischer Menschen im Würmtal. Für die Verfolgten und Getöteten gibt es bis heute kein sichtbares Gedenken, nicht einmal eine schlichte Tafel

Von Rainer Rutz

Erinnerte Gegenwart" - so nennt sich eine bemerkenswerte Ausstellung im Planegger Kupferhaus zum Ghetto Theresienstadt mit Dokumenten über jüdische Schicksale und Bildern der Münchner Künstlerin Marlies Poss. Ursprünglich hätte sie am 9. November eröffnet werden sollen, doch nun wird sie vorerst nur digital zu sehen sein, sogar ein paar Tage früher als die ursprünglich geplante Vernissage. Analog, so darf man hoffen, wird die Schau im Mai 2021 gezeigt.

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Die Geschwister Werner, Ruth und Ernst Grube wurden als Juden verfolgt.

(Foto: Privat)

Zumindest eine der Schautafeln hätte auch einen anderen Namen verdient, etwa: "Die Vergessenen". Denn nachgespürt wird den Schicksalen von rund 30 Würmtaler Juden, die entweder in Theresienstadt zu Tode kamen, in ihrer Heimat in den Selbstmord getrieben wurden oder durch rechtzeitige Emigration als Partner einer sogenannten "Mischehe" oder als "Mischlinge" vor der Deportation gerettet wurden. Für diese Menschen aus dem Würmtal gibt es bis heute kein sichtbares Gedenken, nicht einmal eine Straßenbenennung oder eine schlichte Gedenktafel.

Ein Auszug aus einem Brief von Margarete Mühlstein nach ihrer Befreiung.

(Foto: Privat)

Dass sich das ändert, hoffen die Veranstalter vom Verein "Gedenken im Würmtal" um Hans-Joachim Stumpf sowie Jan Mühlstein, ehemaliger Vorsitzender der Liberalen Jüdischen Münchner Gemeinde Beth Shalom, die Planegger Gymnasiallehrerin und Gemeinderätin Angelika Lawo und Thomas Schaffert, der engagierten Leiter der Planegger Musikschule. Zu der Ausstellung, die auch schon in anderen deutschen Städten gezeigt worden ist, war eine ganze Reihe von Veranstaltungen geplant, die nun wohl erst im Mai 2021 stattfinden können.

Familie Mühlstein: Tochter
Eva, Robert mit Frau Margarete
und Sohn Jan ca. 1960

Robert Mühlstein mit Frau und Tochter.

(Foto: Privat)

"Wir waren überrascht, wie viele Namen jüdischer Mitbürger aus dem Würmtal wir gefunden haben, denn eigentlich erinnert hier nichts an sie", sagt der Journalist Mühlstein. Eine Ausnahme gibt es: die Familie von Hirsch und deren Mitglieder Freiherr Rudolf von Hirsch und Freiherr Karl Moritz von Hirsch.

Rudolf, der mit 99 Jahren 1975 in Planegg starb, entstammte ursprünglich einer jüdischen Familie, deren Planegger Zweig katholisch wurde. Für die Nazis war er Halbjude, entsprechend wurde er verfolgt und nach einem Überfall auf das Schloss an der Bräuhausstraße an der Grenze zu Krailling in der Pogromnacht inhaftiert. Karl Moritz wurde dabei am Kopf verletzt und in die Würm geworfen, 1942 kam er mit seinem Bruder nach Theresienstadt, wo er 1944 aufgrund der unerträglichen Lebensbedingungen starb.

Robert Mühlstein (rechts) mit seinem
Bruder Josef Viktor (1939 Flucht nach
Palästina, 1946 Rückkehr), seiner
Schwester Anna (1944 ermordet in
Auschwitz), seinem jüngsten Bruder
Hanus Alfred (1944 ermordet in
Auschwitz).
Robert Mühlstein (right) wit

Als Juden verfolgt: Mitglieder der Familie Mühlstein (hier Robert Mühlstein mit Brüdern und Schwester).

(Foto: Privat)

Die Zahl der in den Suizid getriebenen Würmtaler Bürger ist groß: Erich Aschenheim aus Krailling, Emanuel Ast aus Gräfelfing, Ernst Darmstaedter aus Stockdorf, das Ehepaar Mannheimer, das sich 1941 vor einen Zug auf der Strecke Stockdorf-Gauting warf, oder Helene Eleonore Wohlfeiler aus Planegg. Friderike (Ricca) Traut aus der späteren Planegger Hofmarkstraße, die nach kurzem Aufenthalt in Theresienstadt 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde, oder die Tochter von Ricca und Berthold Traut, Eugenie Rosalie, die 1941 im KZ Kaunas umgebracht wurde. Dazu die vielen Menschen, die, oft in letzter Minute, noch flüchten konnten: "Sie alle wurden im Würmtal als Juden oder Menschen jüdischer Herkunft verfolgt", sagt Mühlstein. "In Theresienstadt erlebten sie die Vorhölle zu den Vernichtungslagern". Thomas Schaffert erinnert daran, dass es gerade auch die eigenen Nachbarn waren, unter denen die jüdischen Bürger oftmals leiden mussten; er nennt in diesem Zusammenhang den "Planegger Nazi-Bürgermeister Karl Tries", von dem die Planegger Chronik verzeichnet, auf seine Veranlassung sei eine damals 86-jährige kranke Mitbürgerin "mit einem Transport in unbekannte Richtung verschleppt" und in Treblinka ermordet worden.

Lediglich in der Planegger Chronik, die 2009 nach viel Fleißarbeit eines eigens gegründeten Arbeitskreises erschien, finden sich auch ein paar Zeilen über jüdische Schicksale. "Im öffentlichen Raum gibt es keinen Hinweis", sagt Mühlstein.

Die Münchner Professorin und Künstlerin Marlies Poss ist die Großnichte von Berthie Philipp, die in Theresienstadt als Krankenschwester arbeitete und heimlich Listen führte, die sie nach dem Krieg im Roman "Die Todgeweihten" verarbeitete. Poss zeigt zur Ausstellung Arbeiten, die der Erinnerung an jüdische Schicksale während der NS-Zeit gemahnen. Das Leid, sagt Poss, "soll sinnlich erfahrbar sein". Das Thema sei ihr "eine Herzensangelegenheit". Poss hat zusammen mit Blanka Wilchfort die Gedenk-Skulptur "Gebeugter leerer Stuhl" geschaffen, von der Exemplare am Pasinger Rathaus, an der Kirche Leiden Christi in Obermenzing und in Gräfelfing an der Stefanusstraße stehen.

Die digitale Version der auf Mai 2021 verschobenen Ausstellung ist im Internet unter www.gedenken-im-wuermtal.de zu sehen.

© SZ vom 07.11.2020
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