Erinnerung an Loriot in der Heimat Zum Neujahrstag ein Ständchen

Dirigent, Ehrenbürger und Festredner: In seinem Heimatort Münsing erinnern sich an seinem Todestag alle an Vicco von Bülow alias Loriot - völlig abseits der medialen Wahrnehmung.

Von Wolfgang Schäl

Ehrenbürger, gern gesehener Gastdirigent der örtlichen Blaskapelle, feinsinniger Festredner bei allen möglichen Gelegenheiten - Vicco von Bülow alias Loriot war nicht nur Weltbürger, sondern auch einer, der im Münsinger Gemeindeleben tiefe Wurzeln geschlagen hatte. Am Montag ist von Bülow in seinem Heimatort gestorben, vielen wird er dort in Erinnerung bleiben - abseits von der medialen Wahrnehmung.

Vicco von Bülow alias Loriot ist am Montag in Ammerland am Starnberger See gestorben.

(Foto: dapd)

Seit 1963 lebte er im Ortsteil Ammerland, seit 1993 war er Ehrenbürger. Als einen ganz besonderen Menschen hat ihn der Münsinger Sinologe und Schriftsteller Tilman Spengler erlebt, mit dem er viele Stunden im Gasthaus Limm und beim Fischmeister gesessen hat - "er war einer der interessantesten und kenntnisreichsten Gesprächspartner in Bezug auf Geschichte und auf alles, was mit Musik zu tun hat, ein Mensch von eindrucksvoller Klugheit", sagt Spengler. Er, Spengler, habe großen Respekt vor dem enormen Bildungsfundus, der bei Loriot öffentlich immer zu sehr in den Hintergrund getreten sei. "Was man vom ihm gekannt hat, das war eben doch eher der Mann mit der Nudel."

Den Mann mit der Nudel, vor allem aber die Männer mit der großen Nase hat man in Münsing geschätzt. Schließlich hat er Karikaturen für die örtlichen Vereine gezeichnet, die seinen Humor zu ihrem Markenzeichen machen wollten. Zum Beispiel für die Judokas, die heute immer noch ein von ihm entworfenes Knollennasen-Logo benutzen. Der Judoverein Ammerland-Münsing hat denn auch seinen Stolz darauf in Worte gekleidet, die von Loriot selbst sein könnten: "Wir sind vielleicht nicht der beste Verein", hieß es damals, "aber wir haben mit Sicherheit das beste Logo."

In gewisser Weise hat Loriot auch seinen Heimatort unsterblich gemacht - in seinem Studio am Starnberger See ist das Duo "Wum und Wendelin" entstanden, das als Sympathieträger der damaligen "Aktion Sorgenkind"eine Menge Geld für wohltätige Zwecke eingetragen hat. Besonders engen Kontakt hat er zum Rathaus gepflegt, vor allem zum ehemaligen (und mittlerweile verstorbenen) Bürgermeister und langjährigen Vize-Landrat Silvester Pölt, der wie Loriot selbst zum Ehrenbürger ernannt worden war. Zu dessen 85. Geburtstag trat Loriot im Jahr 2005 ans Rednerpult und setzte einen heiteren Höhepunkt, indem er einen Kindheitsstreich Pölts zutage förderte: Pölt hatte zwei Malern bei der Renovierung der Holzhauser Kapelle die Farbtöpfe vertauscht. Als Strafe sollen die Künstler ihn als kleinen Teufel an der Kirchendecke verewigt haben - Loriot kannte auch die kleinen Episoden, die man sich in der Gemeinde erzählt hat, und gab sie als vergnügter Insider bei passender Gelegenheit zum Besten.

Pölt wiederum erinnerte sich gern an Loriots vierbeinige Begleiter, "so Möpse" seien das gewesen, mit denen seine, Pölts Katzen, ein nicht eben freundschaftliches Verhältnis gepflegt hätten. Auf seine Möpse Emil und Paul freilich ließ Loriot nichts kommen, schon aus weltanschaulichen Gründen: "Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos", lautete eine apodiktische These Loriots.

Falls der Münsinger Altbürgermeister mal schlechte Laune hatte, dann wusste er, was zu tun war. "Wenn ich heutzutage richtig lachen will", so sein Rezept, "dann hole ich mir ein Buch von Loriot aus dem Regal." Dass Loriot zum 80. Geburtstag des Altbürgermeisters die Festrede hielt, verstand sich von selbst. Loriot bedauert darin seinen Freund ob der Mengen des Geschenkpapiers, die dieser nunmehr entsorgen müsse, und der vielen Umarmungen, gegen die er sich nicht zur Wehr setzen könne. Die "geballte öffentliche Zuneigung", die nun auf Pölt einstürme, müsse eben durchgestanden werden, bedauerte Loriot den Altbürgermeister - eine Klage, die gewiss Loriots eigener Erfahrung entsprach.

Als einen "sehr netten, ganz lieben, immer zugänglichen Gast" hat Manuela Müller, Bedienung im Gasthaus Limm, den prominenten Besucher erlebt. Für einen Jungkoch habe er mal eine Serviette bemalt. Auch wollte er es immer genau wissen - "ob die Bohnen auch wirklich klein geschnitten sind, und ob wir Kartoffelpüree haben" zum Beispiel. Besonders in Erinnerung hat die Bedienung behalten, wie Loriot das Wort "Kartoffelpürreh" ausgesprochen hat - das habe geklungen "wie in einem Loriot-Sketch". Ein erklärtermaßen angenehmer Kunde war Loriot auch für die Friseurin Gertraud Oswald, bei der sich Loriot 32 Jahre lang die Haare schneiden ließ. Sie kannte seinen Stil, wusste, welche Zeitschriften er lesen wollte. Zum Schluss durfte sie sogar mal "etwas Gel reintun - nicht mehr so brav wie früher".

Im Gemeindeleben hat man den Mann mit dem hintersinnigen Lächeln bei allen möglichen Gelegenheiten gesehen, beim Ochsenrennen, bei der Einweihung des Pocci-Denkmals und beim "Spiel ohne Grenzen". Als einen "sehr offenen, lustigen Menschen, der in sich ruht", hat Georg Sebald, Vorsitzender der Musikkapelle Münsing und unmittelbarer Nachbar, Loriot im Gedächtnis behalten. Für die Musikkapelle hat es sich von selbst verstanden, den Jubilar nicht nur an runden Geburtstagen zu ehren. Es sei eine feste Tradition gewesen, ihm zum Neujahrstag ein Ständchen zu bringen.

Kein Wunder, dass Loriot bei so viel Sympathie auch im Goldenen Buch der Gemeinde Münsing vertreten ist. Sein Eintrag ist, wie könnte es anders sein, mit einer Karikatur geschmückt - "Moooment", sagt darin ein Rathausmitarbeiter vor einem Wust von Unterlagen.

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