Oskar Maria Graf Ein Prosit auf den Weltbürger

Berg feiert seinen berühmtesten Sohn, den Schriftsteller Oskar Maria Graf, mit zweiwöchigen Festtagen. Auf dem Programm stehen Lesungen, Ausstellungen, anarchische Blasmusik und das Hörspiel "The King is Gone"

Von Gerhard Summer, Berg

Der letzte König von Bayern unternimmt gerade seinen nachmittäglichen Spaziergang durch den Englischen Garten, als er von seiner Absetzung erfährt. Ein Arbeiter macht ihn darauf aufmerksam, dass die Revolution im Gange ist und Ludwig III. sich besser auf die Socken machen sollte. Der Regent kehrt verdattert in seine mehr oder minder verlassene Residenz zurück, warum hat ihn nur keiner vorher benachrichtigt? Die königliche Wagenflotte ist dummerweise noch aufgebockt.

Das lässt sich lösen, doch der vor Selbstmitleid triefende Ludwig III. und der verbliebene Hofstaat stoßen auf ihrer Flucht in Automobilen auf undurchdringlichen Nebel. Einmal endet die Fahrt im Schneckentempo kurzzeitig auf dem Kartoffelacker, und wer weiß, wie alles ausgegangen wäre, wenn nicht der heldenhafte Fahrer Tiefenthaler das Steuer entschlossen im Griff gehabt hätte. Zwischendrin erklingt "He was the King" von Neil Young, der Elvis meint und nicht Ludwig III, was aber auch schon egal ist. Und die "Hochzeitskapelle" spielt elend monotone, lässige und obszön freche Blasmusik, als würde Blasmusik die Groteske um diese saudämliche Flucht erträglicher machen. Die bayerische Geschichte - ein skurriles, manchmal nervenzerreißend schrilles Stück, eine majestätische Posse.

Zu den Akteuren der Graf-Festtage gehört auch Gerd Anthoff.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Andreas Ammers Hörspiel "The King is Gone", das der Schriftstellers und Fernsehproduzent mit den Gebrüdern Acher von der Kultband "The Notwist", Friedrich Ani in der Rolle des Königs und Wowo Habdank als Tiefenthaler umgesetzt hat, gehört zu den Prunkstücken der Oskar-Maria-Graf-Festtage in Berg: einer elfteiligen Hommage an den Weltbürger in Lederhosen, der vor 50 Jahren in New York gestorben ist und seinem Dorf in seiner Autobiografie "Das Leben meiner Mutter" ein Denkmal gesetzt hat, vor dem viele Einheimische heute noch kopfschüttelnd kehrt machen. Graf und Berg - das ist eine schwierige Geschichte. Eine Hassliebe, die viel damit zu tun hat, dass sich beide Seiten unverstanden fühlten: der Autor, der das Leben auf dem Lande doch nur so ehrlich in seiner Unehrlichkeit beschrieben hatte, und sein Personal, das sich gekränkt, bloßgestellt und schlecht behandelt fühlte. Noch dazu von einem, der nicht Tag und Nacht schuftete, bis er niedersank, sondern Bücher las, als wäre er was Besseres. Der berühmte Schriftsteller, dessen Flucht vor den Nazis über Brünn und die Niederlande in die USA sicher nicht so heiter war wie der von Ammer inszenierte majestätische Aufbruch in Richtung Salzburg, gilt einigen heute noch als Nestbeschmutzer, auch wenn das Wehklagen leiser geworden ist.

Die Express Brass Band ist einer der Musikakte zu Ehren Oskar Maria Grafs.

(Foto: Catherina Hess)

Genau diesem komplizierten, einst völlig zerrissenem Verhältnis und Grafs gleichzeitiger Sehnsucht nach Berg gelten einige der Abende und Matineen, die Andreas Ammer, die Journalistin und Kunsthistorikerin Katja Sebald, die Dritte Bürgermeisterin Elke Link und Grafiker Jörn Kachelrieß konzipiert haben. Wobei es die zweiwöchigen Festtage vom 27. Juni bis zum 16. Juli nicht bei der Wiedergabe von Literatur belassen: Das Grundthema spiegelt sich auch in Ausstellungen, Konzerten und in einer Filmvorführung wider. Die Künstler der Ateliertage Berg/Icking beispielsweise präsentieren Arbeiten, die sich mit Graf und dessen Werk auseinandersetzen (30. Juni, Marstall am See, 19 Uhr). Die Kinder der Graf-Grundschule in Aufkirchen laden zu einem Tag der offenen Tür ein und zeigen, was bei ihren Projekttagen zu dem berühmtesten Sohn von Berg und seiner Heimat entstanden ist (30. Juni,9 bis 11 Uhr). Und in der zweiten Festivalwoche läuft Ammers BR-Doku "Braucht Bayern einen Oskar", in der neben Graf auch Gerhard Polt, Konstantin Wecker, Sepp Bierbichler und Luise Kinseher zu Wort kommen (13. Juli, 19.30 Uhr, Marstall).

Berg ehrt Oskar Maria Graf anlässlich dessen 50. Todestages mit Festtagen, bei denen etwa Wowo Habdank auftritt.

(Foto: Arlet Ulfers)

Außerdem sind Auszüge aus den Briefen zu hören, die Graf nach Berg schickte ("Wo spür' ich etwas vom Daheimsein noch?", 6. Juli, 19 Uhr, gelesen von Brigitte Reihl). Ja, es gibt sogar die Gelegenheit, ein historisches Klassenzimmer in der Alten Schule Aufkirchen "in Kleingruppen" zu besichtigen. Muss man da hin? Womöglich, denn vorher gibt es eine musikalische Lesung: Konrad Wipp trägt Texte von Graf und dem Assenhauser Steffe vor, dem Landwirt Stefan Mair. Dazu spielt die Farchner Saitenmusik (9. Juli, 11.30 Uhr, Gemeindebücherei in Aufkirchen)

Zum Auftakt stehen Spurensuche an: eine Ausstellung mit dem Titel "'Das Bier ist gut hier!' - Oskar Maria Graf kehrt heim nach Berg" in der Galerie Wimmer. Zu sehen sind bislang unveröffentlichte Fotos und Briefe, Objekte aus Grafs Nachlass und Leihgaben aus Museen (27. Juni, 19 Uhr, Galerie Wimmer). Katja Sebald lädt außerdem zu drei literarischen Spaziergängen durch Berg ein (1., 8. und 15. Juli, jeweils 16 Uhr, Treffpunkt an der Galerie Wimmer). Nach Ammers Stück "The King is Gone", das mit dem ARD-Publikumspreis ausgezeichnet und für die Festtage mit Graf-Kapiteln ergänzt worden ist (29. Juni, Gasthof Die Post in Aufkirchen, 20 Uhr), kommen zwei große Bewunderer des Revoluzzers auf die Bühne: Schauspieler Gerd Anthoff und Musiker Josef Brustmann. Anthoff liest aus den "Dorfbanditen" und den "Notizen des Provinzschriftstellers" (2. Juli, 19,30 Uhr, Marstall).

Was sonst noch geboten ist? Die Express Brass Band aus München, abonniert auf einen anarchischen Mix aus Jazz, Soul, Afrobeats und Blasmusik, gibt ein Konzert (5. Juli, 19.30 Uhr, Marstall). Und das hat insofern mit Graf zu tun, als er die Gruppe womöglich für eines seiner Atelierfeste engagiert hätte, wenn es sie damals gegeben hätte. Heißt es im Programmheft. Zum Finale stehen Geschichten zwischen Stallerotik, Brautverstecken und vergeblicher Liebesmüh auf dem Programm: Der Schauspieler Wowo Habdank, der in Berg aufgewachsen ist, liest aus dem "Bayerischen Dekameron" (16. Juli, 11.30 Uhr, Gemeindebücherei Aufkirchen). Am Ende dürfte klar sein, was Graf schon geahnt hatte: "Ich habe wirklich eine große Angst vor der Zukunft, denn ich glaube beinahe, daß ich der 'Berühmtheit' entgegenstrebe."

Programm und Karten unter www.omg-berg.de. Bei etlichen Veranstaltungen ist der Eintritt frei.