Ammerseerenade Inbrünstiges Lamento

Beim Kapellentag warten Ana Maria Dias Pires mit schwermütigem Fado und das israelisch-deutsche Duo Folkadu mit einer musikalischen Reise nach Jerusalem auf. Die Verwandtschaft der Stile erstaunt

Von Reinhard Palmer, Aidenried

Wer den Münchner Club do Vinho im Glockenbachviertel kennt, weiß, dass Ana Maria Dias Pires eine Kennerin der Weine ihrer portugiesischen Heimat ist. Für sie gehört aber zum Wein auch ein Stück portugiesische Kultur dazu: der Fado. Den brachte sie nun als Fadista Delphina mit dem Gitarristen Guto Gutenberg an den Start der Ost-Route am Kapellentag der Ammerseerenade mit. Hoch über dem Ammersee in die Aidenrieder Hofkapelle Maria Schnee von 1877, die nur 20 Besuchern Platz bieten kann. Nachdem sich schließlich davor mehr Kapellen-Hopper eingefunden haben, als innen untergekommen waren, musste die Bühne von der zierlichen Altarapsis in den Eingangsbereich verlegt werden, um alle Besucher zum Genuss des ausdrucksstarken Gesangs kommen zu lassen. Den Schatten der Linde hätte man zwar bei der recht kühlen Witterung nicht gerade gebraucht, doch die grandiose Aussicht entschädigte fürs Frösteln.

Fadista zu sein, bedeutet nicht nur, diese melancholischen Lieder zu singen, die meist von gescheiterter Liebe handeln und sich den Weltschmerz auf die Fahnen schreiben. Delphina durchlebte förmlich mit geschlossenen Augen all die Höhen und Tiefen der musikalisch erzählten Geschichten, mit Hingabe für jede noch so kleine emotionale Regung. Von zartem Hauch bis zum inbrünstigen Lamento breitete sie ihre Seele aus, von Gutenberg einfühlsam getragen, wie in "Olhos Negros" (Schwarze Augen) von Teresa Salgueiro, dem tränenreichen Nachtrauern einer großen Liebe, oder im Bekenntnis zum Fado "Que Deus Me Perdoe" (Gott möge mir verzeihen) von Mariza. Delphinas Repertoire stammte vor allem von der Legende des Fado, Amália Rodrigues, die ihn über die Grenzen Portugals hinaus bekannt gemacht und die berühmtesten Stücke sogar selbst geschrieben hatte. Etwa "Tudo isto é Fado" (Alles das ist Fado), in dem es um die Themen dieser Gattung geht, so Liebe, Schmerz, Eifersucht, Freud und Leid des Lebens. Aber Rodrigues schrieb auch beschwingt rhythmische Lieder, die zwar die typische Melancholie wahren, sich dennoch zur Heiterkeit öffnen. "Barco negro" (Schwarzes Schiff) erklang hier davon, auch "Uma Casa Portuguesa" (Ein portugiesisches Haus), wo einen zwei offenen Arme erwarten. Delphina brachte auch ihre Tochter Bea mit, die mit ihrer tiefen Stimme in "Minha mãe, minha mãe", dann a cappella "Menina estás à janela" für Zweistimmigkeit sorgte.

Traumhaft: Die Kapelle Maria Schnee bei Aidenried gehört zu den Stationen des Kapellentags, der traditionell die Ammerseerenade einläutet.

(Foto: Arlet Ulfers)

Während im Spiel die Reise nach Jerusalem nur ein Mitspieler ohne Stuhl bleibt, mussten bei dieser musikalischen Reise nach Jerusalem in der Herrschinger Kirche St. Martin bei über hundert Besuchern weit mehr stehen. Für ein halbstündiges Konzert der zweiten Ost-Routenstation aber kein Problem. Die barockisierte Kirche erinnert im Grunde nur noch im Chorgewölbe an ihren mittelalterlichen Ursprung von 1248. Als Saalkirche bietet sie aber eine gute Akustik, die das israelisch-deutsche Duo Folkadu mit Yael Gat (Trompete und Gesang) und Simon Japha (Akkordeon, Gesang und Percussion), die an der Münchner Musikhochschule zusammenfanden, für die Fülle der "Musik aus dem Heiligen Land" nutzten. Erstaunlich, wie viel Verwandtschaft zum Fado: selbst Heiterkeit in Moll, leidenschaftlich-klagender Grundtenor, melancholische Melodik und stark emotionale Inbrunst. Mit der voluminöseren Instrumentation gab es hier mehr Substanz, die den Raum aber sehr transparent zu füllen vermochte.

Das Repertoire des Duos Folkadu stammt in erster Linie auch von einer Frau, von der großen israelischen Sängerin und Songwriterin Naomi Shemer, die mit "Jeruschalajim schel Sahav" (Jerusalem aus Gold) der Stadt ein musikalisches Denkmal gesetzt hat, das dem Duo als eine elegisch-melancholische Ode, eine stille Hymne über die Lippen ging. Das poetische "Chorshat Ha'Ekaliptus" erinnerte an Shemers Jahre im Kibbuz. Volksliedhaft und heiter beschwingt ging es in "Tilbeshi Lavan" ums Heiraten. Das Duo schlug einen weiten Kreis durch die israelische Kultur, bis hin zum "Bashana Haba'ah", einem Lied zum neuen Jahr, das in Kürze beginnt. Dann ging es weiter zur nächsten Station: Andechser Stubnmusi und Bläser.

Portugals Seele: Ana Maria Dias Pires als Fado-Sängerin Delphina und Gitarrist Guto Gutenberg bei ihrem Gastspiel in Aidenried.

(Foto: Arlet Ulfers)

"Die 24 Kapellen waren durchweg übervoll, unabhängig von der Art der Musik", so die Bilanz der Mitorganisatorin Doris M. Pospischil. Wie viele Tourer zu den 63 Künstlern unterwegs waren, ist nicht nachvollziehbar. In den Kapellen fanden sich summiert 2000 Menschen ein. "Wir freuen uns sehr, dass so viele Menschen den gestrigen Tag genutzt haben, diese besonderen Momente der Gemeinsamkeit in der Verbindung von Kultur und Natur wahrzunehmen", sagt Pospischil. Die fünfte Ammerseerenade geht am 15. September weiter.