Volleyball "Und dann kriegen wir den Ball nicht tot"

TSV-Trainer Adrian Zoppelt über die Angst vor Fehlern, Wetten um seine Haarpracht, und warum Grafing doch noch in der 2. Liga bleibt

Interview Von Sebastian Winter

Die Volleyballer des TSV Grafing haben in der Hinrunde der zweiten Liga Süd nur ein einziges Spiel gewonnen. Der TSV geht als Vorletzter in die Weihnachtspause und schwebt akut in Abstiegsgefahr. Trainer Adrian Zoppelt ist sich der prekären Lage bewusst.

SZ: Herr Zoppelt, wo stecken Sie gerade?

Adrian Zoppelt: Ich bin bei meiner Familie im Westen Rumäniens, in Arad, 1050 Kilometer von München entfernt. Ich bin gleich Sonntagnacht nach dem letzten Spiel mit dem Auto gefahren, musste ja einige Geschenke mitnehmen. Zwei Wochen bleibe ich. Irgendwann muss man den Kopf auch mal freikriegen.

Das dürfte auch nötig sein. Nach den Auswärtsniederlagen in Stuttgart und Friedrichshafen ist Grafing mit nur einem Sieg aus elf Spielen Vorletzter. Was lief schief?

Es war mir klar, dass das ein gewagtes Unterfangen ist mit einer so jungen Mannschaft. Sieben Neue sind dazugekommen, kein einziger hatte Zweitliga-Erfahrung, ob nun Michael Zierhut, 19, Jakob Weiß, 19, Richard Hesse, 20, Yannick Beck, 21, um ein paar zu nennen. Viel kann man da nicht erwarten. Wir haben immer sehr gut mitgespielt und am Ende der Sätze versagt. Von 14, 15 knappen Sätzen, die in die Verlängerung gingen, haben wir nur zwei gewonnen. Es ist genau das Gegenteil von letzter Saison: Wir haben gelernt, zu verlieren.

Auch gegen Stuttgart und Friedrichshafen gab es solche knappen Sätze.

Schauen Sie, gegen Stuttgart führen wir im vierten Satz 24:23, haben eigenen Aufschlag, wehren den gegnerischen Angriff perfekt ab, haben einen Einerblock gegen uns - und kriegen den Ball nicht tot. Solche Situationen sind ein One-Way-Ticket, die kommen nicht mehr. Stuttgart gewann den Satz 27:25, dadurch auch das Spiel 3:1. Und wir haben mal wieder einen Punkt verschenkt. Wir spielen mit angezogener Handbremse, haben Angst vor Fehlern. Es fehlt Abgeklärtheit, Erfahrung, Mut.

Was man von einer so jungen Mannschaft auch kaum erwarten kann, oder doch?

Sicher. Mir war von Anfang an klar, dass wir diese Saison im Abstiegskampf stecken werden. Aber ich dachte bei weitem nicht, dass wir in eine solche Situation kommen. Genickbrechend war das Spiel in Eltmann (0:3, Anm. d. Red.). Das kann man nur als Gehirnaussetzer bezeichnen, da hat nichts funktioniert, wirklich gar nichts. Und dann kamen die Verletzungen.

Adrian Zoppelt trainiert die Volleyballer des TSV Grafing. Der TSV geht als Vorletzter in die Weihnachtspause und schwebt akut in Abstiegsgefahr.

(Foto: imago/Zink)

Sie meinen Felix Langer (Muskelbündelriss) und Christoph Senkenberg (Patellasehnen-Entzündung)?

Wenn zwei so wichtige Außenangreifer so lange Zeit ausfallen, dann ist das ein Problem. Felix ist unser Brecher und Killer auf der Position vier, die Annahme wird durch das Fehlen der beiden geschwächt. So hat sich auch noch keine hundertprozentige Stammmannschaft herauskristallisiert.

Es fehlen also die Führungsspieler?

Ja. Einer wie Langer oder einer wie David Schirmer , der vergangene Saison entscheidende Punkte macht. Solche Spieler wachsen nicht wie Obst auf den Bäumen. Zuspieler Fabian Wagner haben wir noch. Und Konstantin Schmid, aber der ist Mittelblocker, eine Position, die nicht spielentscheidend ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist eine super Truppe, die sich überragend versteht, auch außerhalb des Spielfelds. Da haben sich viele unsichtbare Fäden zwischen den Spielern gebildet, was man in dieser Form selten findet. Aber das hilft alles nichts, wenn du am Ende den entscheidenden Punkt nicht machst.

Was haben Sie der Mannschaft geraten, nun in den Weihnachtsferien zu tun? Am 10. Januar ist ja schon das schwere Derby in Dachau.

Vorläufig müssen die Spieler einen freien Kopf bekommen. Jeder macht sich viel zu viele Gedanken. Sie dürfen sich einfach nicht zu stark unter Druck setzen. Konstantin Schmid ist jetzt nach Istanbul geflogen, ein anderer Spieler ist mit seiner Familie nach Österreich gefahren. Wer trainieren will, der kann zwischen Weihnachten und Neujahr trainieren.

Und danach?

Anfang Januar spielen wir ein Turnier, dann geht die Vorbereitung auf das Derby los. Spiele gegen Dachau stehen ja immer auf des Messers Schneide. Für uns gilt: trainieren, trainieren, trainieren. Irgendwann kommt dann auch wieder der Erfolg.

TSV-Manager Johannes Oswald steht hinter Ihnen, er hat erklärt, dass er "dem Projekt und dem Team zu 100 Prozent" vertraue. Haben Sie trotzdem daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Adrian Zoppelt

Adrian Zoppelt begann als Elfjähriger in seiner Heimat Temesvar mit Volleyball. Er wurde rumänischer Juniorenmeister, ging zu Dynamo Bukarest, gewann Meisterschaft, Pokal und spielte in der Champions League. Nach dem Studium wanderte Zoppelt 1987 nach München aus, spielte dort unter Stelian Moculescu für den TSV 1860 und den TSV Milbertshofen, mit dem er Meister und Pokalsieger wurde. Als sich der TSV 1991 zurückzog, beendete Zoppelt seine Karriere. Als Trainer führte er Dachau und Lohhof in die erste Liga. Der Maschinenbau-Ingenieur wohnt mit seiner dritten Frau Viorella in Gilching. Er hat zwei Kinder aus zweiter Ehe, Adrian, 17, und Louisa, 14, und einen Stiefsohn. sewi

Nein, um Gottes Willen. Warum soll ich hinschmeißen? Ich habe mir doch genau so eine junge Mannschaft gewünscht, die man formen kann. Klar, der Erfolg bleibt gerade aus, aber das braucht halt Zeit und Geduld. Ich stehe voll hinter meiner Mannschaft und werde meine Aufgabe erfüllen bis zum Ende, mein Vertrag läuft bis 2016. Das ist der Reiz an dieser Sache. Wir müssen jetzt da durch, und das wird schon klappen.

Ein mögliches Abstiegsszenario haben Sie also nicht im Kopf?

Das ist kein Thema. Wir werden es schaffen, in der Rückrunde Eltmann und Waldgirmes hinter uns zu lassen. Mehr noch: Ich glaube, dass Grafing viel Potenzial hat und für jüngere Spieler mit großer Perspektive zurzeit die beste Adresse im Raum München ist. Wir haben es in den letzten drei Jahren geschafft, Strukturen aufzubauen und in der Jugend Erfolg zu haben. Auch die Zuschauer kommen, weil sie junge Spieler sehen, eigene Gewächse.

Sie sind seit 40 Jahren im Volleyball-Geschäft, haben selbst in der Champions League gespielt, Pokale und Meistertitel gewonnen. Als Trainer führten Sie Dachau und Lohhof in die erste Liga. Reizt es Sie nicht, mal wieder eine erstklassige Mannschaft zu coachen, wie ihr guter Freund Stelian Moculescu?

Mensch, ehrlich gesagt hätte ich jetzt schon mal wieder Lust. Das würde mich reizen. Aber da muss die Familie mitmachen, da muss es passen. Ich habe mich ja mit Stelian in Friedrichshafen wieder über Gott und die Welt unterhalten. Aber die erste Liga ist jetzt kein Thema. Jetzt möchte ich die Spieler in Grafing dahin bringen, wo sie hinkommen können.

Und einen neuen Rekord aufstellen, wie 1999 als Trainer des ASV Dachau, der mit 44:0 Punkten und nur einem Satzverlust in die erste Liga aufgestiegen ist?

Das habe ich natürlich nicht vergessen. Ich habe ein Elefantengedächtnis, was Volleyball angeht. Damals habe ich sogar Glückwunsch-Faxe aus Argentinien und China bekommen.

Warum haben Sie eigentlich damals diesen einen Satz verloren?

Ich hatte vor dem allerletzten Spieltag gegen Rüsselsheim eine Wette mit den Spielern laufen. Sie sagten, wir steigen ohne Satzverlust auf. Ich sagte, okay, das müsst ihr dann alleine schaffen. Ich coache euch nicht und wette dagegen. Wir wetteten um meine Haarpracht und verloren postwendend den ersten Satz. Ab dem zweiten Satz habe ich sie dann wieder gecoacht. Wir haben das Spiel 3:1 gewonnen.

Wie sieht Weihnachten bei Familie Zoppelt in Rumänien aus?

Oh, sehr schön. Wir haben ein Schwein geschlachtet und werden uns mit Leckereien verwöhnen. Es ist immer schön, diese staden Tage in der Familie zu verbringen, in die Kirche zu gehen, gut zu essen. Aber ich denke ständig an Volleyball. Das ist meine Aufgabe als Trainer. Und, noch einmal: Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben.