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Coaches' Challenge:Mehr als Kampf und Kunst

Für besondere Momente: Daniel da Silva beim Capoeira.

(Foto: privat/oh)

Capoeira verbindet Tanz, Akrobatik und Kampf. Im Zentrum steht für den Trainer Daniel Valin da Silva aber das bedingungslose Miteinander.

Von Alina Götz, München

Im Rahmen der "Coaches' Challenge" haben die Dr.-Ludwig-Koch-Stiftung und die Süddeutsche Zeitung seit Anfang März besonders engagierte Übungsleiter gesucht. Die zwölf von der Jury ausgewählten Preisträger, bei deren Finanzierung die Münchner Stiftung die Vereine nun ein Jahr lang unterstützt, werden aktuell in der SZ vorgestellt. Hier Teil fünf: Daniel Valin da Silva.

Wenn Daniel Valin da Silva unterrichtet, wird er zu Contramestre Sabiá Senzaleiro. "Beim Capoeira bekommen wir Spitznamen", erklärt Sabiá. Der Nachname kommt von der Gruppe, bei der er gelernt hat: Senzala. So hießen in Brasilien die Hütten der Sklaven, die sich neben den Herrenhäusern auf den Plantagen befanden. Die Gruppe Senzala ist die älteste offiziell registrierte Capoeira-Gruppe Brasiliens, erklärt Sabiá auf seiner Internetseite. Gegründet in den 1960er Jahren von einer Gruppe Jugendlicher in Rio de Janeiro, gehören ihr heute weltweit Tausende Schüler, Lehrer und Meister an.

Die brasilianische Kampfkunst Capoeira verbindet Tanz, Kampf, Musik und Akrobatik, sie schult Koordination, Körper- und Rhythmusgefühl. Genau diese Vielfältigkeit mag der 41-jährige da Silva. Dadurch sei es jedem möglich, mitzumachen. "Selbst wenn ich unmusikalisch bin, finde ich meinen Platz beim Capoeira. Auch, wenn ich nicht so beweglich oder verletzt bin."

Fairplay und Respekt sind beim Capoeira wichtig: "Wenn zwei Capoeristas miteinander spielen, ihre Kollegen mit den Instrumenten den Rhythmus vorgeben, alle anderen zusammen einen Kreis bilden und die Spielenden durch rhythmisches Klatschen und Gesang unterstützen, dann schaffen alle miteinander einen Moment, der nur durch den Beitrag jeder und jedes Einzelnen realisiert werden kann." So steht es auf der Webseite von da Silvas Verein Urucungo.

Die Musik wird beim Training meist live gespielt. Dadurch sei jeder stets aktiv, sagt da Silvas Schüler Markus Verma, ebenfalls 41. Er hat seinen Lehrer bei der "Coaches' Challenge" angemeldet. Vermas Frau ist Brasilianerin; um sich mit ihrer Kultur zu beschäftigen, sind die beiden vor sechs Jahren gemeinsam beim Capoeira gelandet. Bei da Silva eher zufällig: "Es lag am nächsten an unserer Wohnung." Besser hätten es die beiden aber wohl nicht treffen können: "Er ist sehr qualifiziert und hat viele verschiedene Methoden, uns die Technik und die Rhythmen beizubringen", sagt Markus Verma. Sein Wissen sei enorm, auch bezogen auf die Geschichte, Kultur und Musik seines Sports. "Er weiß, was die Lieder bedeuten."

Er gibt jedem die Möglichkeit, sich auszudrücken, "was er fühlt, was er denkt, wie er versteht, was er gerade sieht."

Daniel Valin da Silva ist in der brasilianischen Stadt Foz do Iguaçu geboren, später ging er nach Rio und lernte von einem der weltweit bekanntesten Meister der Senzala. Nach Deutschland verschlug es ihn zweimal: "Einmal wegen meiner Ex-Freundin", erklärt er. Ein zweites Mal, weil ein Verein ihn kontaktierte und bat, für ein Capoeira-Projekt zurückzukommen. Das war Anfang 2011. Seit zehn Jahren ist er nun hauptberuflich Capoeira-Lehrer in München. Nicht nur in seinem eigenen Verein Urucungo, bei dem er Vorsitzender ist, unterrichtet er Kinder, Jugendliche und Erwachsene, auch in anderen Einrichtungen und Schulen. Aktuell bietet er online Trainings an.

Vor der Pandemie war da Silva vier Jahre lang in Gemeinschaftsunterkünften für geflüchtete Menschen unterwegs. "Ich habe Trainings angeboten, Musik gemacht oder eine Vorführung gegeben und dabei immer versucht, sie mit einzubeziehen." Er versucht, Capoeira möglichst frei und kreativ zu gestalten, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken: "Was er fühlt, was er denkt, wie er versteht, was er gerade sieht."

Urucungo ist seit 2016 Mitglied im "Netzwerk Morgen", das die Arbeit mit Migranten in München koordiniert. Aber schon 2013 gab es vom Kreisverband München den Stern des Sports, als Anerkennung für die Integrationsprojekte des Vereins. Urucungo bietet seit der Gründung nicht nur Trainings für Kinder aus schwierigen Verhältnissen an, sondern hilft auch bei alltäglichen Dingen wie Hausaufgaben. Auch Markus Verma, inzwischen Kassenwart von Urucungo, und seine Frau, die beruflich Kinderpflegerin ist, sind in die Projekte involviert.

Da Silva arbeitet auch mit jungen Menschen mit Behinderung. Jeder kann im Capoeira etwas beitragen, heißt es bei Urucungo, "unabhängig des sozialen, kulturellen, sprachlichen Hintergrunds, unabhängig vom Alter, vom Geschlecht, von körperlichen und geistigen Voraussetzungen". Da Silvas "interkulturelle Kompetenz", so beschreibt Verma ihn, hilft ihm dabei.

Aktuell liegen diese besonderen Projekte auf Eis, das virtuelle Training ist nur für die Vereinsmitglieder. Knapp die Hälfte von ihnen ist dabei, sagt Sabiá, aber für die ist das Angebot breit: Akrobatik, Musik, Geschichte. Nicht das gleiche natürlich, sagt Schüler Verma, aber "wir müssen auf nichts verzichten".

© SZ/lib/sewi
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