Boule: KWU München "Schießer sind dominant, die Leger sind devoter"

Raphael Gharany von Bundesliga-Aufsteiger KWU München über Psychologie, Promille - und was es mit dem FCBayern des Boule auf sich hat.

Interview: Marco Maurer

Seit 25 Jahren gibt es die 1. Münchner Kugelwurfunion (MKWU). In diesem Jahr hat sich der mehrfache bayerische Mannschaftsmeister erstmals für die Bundesliga qualifiziert. Raphael Gharany, siebenfacher bayerischer Meister im Pétanque, einer Spielart des Boule, ist der Kapitän des Teams. Mit vier Siegen in fünf Spielen hat der 21-jährige Germeringer maßgeblich zum Aufstieg beigetragen. Im Gespräch mit der SZ schildert Gharany die Pétanque-Szene, den psychischen Druck beim Spiel, und was es mit dem FC Bayern des Boule auf sich hat.

Volle Konzentration: "Boule ist ein Präzisionssport", sagt Raphael Gharany, 21, Kapitän der Münchner Kugelwurfunion.

(Foto: GUIDO KRZIKOWSKI)

SZ: Herr Gharany, erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg. Aber gleich die Nachfrage: Der DPV, der Deutsche Pétanque Verband, hat angekündigt, dass bei der Aufstiegsrunde in Düsseldorf möglicherweise nicht spielberechtigte Sportler eingesetzt worden sind und unter Umständen Mannschaften disqualifiziert werden. Sind Sie betroffen?

Raphael Gharany: Das waren wir nicht, Gott sei Dank, sondern entweder Lübeck oder Saarlouis. Entweder haben die Spieler ohne gültige Lizenz oder gesperrte Spieler eingesetzt.

SZ: Wofür kann man beim Boule gesperrt werden?

Gharany: Entweder wegen eines positiven Dopingtests, wegen Schlägereien auf dem Bouleplatz oder wegen Beleidigung des Schiedsrichters.

SZ: Bei Ihnen geht es ja fast zu wie beim Eishockey!

Gharany: Schlägereien passieren, aber selten. Und zum Doping: Momentan sind zwei Spieler aus Deutschland gesperrt. Das waren aber eher Drogenvergehen, also nicht zur Leistungsförderung, sondern eher der Freude wegen. Die sind erwischt worden. Boule ist ja eher Breitensport. Aber unser Verband ist dort dahinter, sie wollen, dass Boule olympisch wird.

SZ: Für ein ruhiges Händchen hilft nach wie vor ein Schluck Pastis?

Gharany: Das hilft, ja. Wissenschaftler haben mal herausgefunden, dass man mit 0,1Promille im Blut ruhiger wird. Alkohol ist bei Deutschen Meisterschaften verboten, also wenigstens der Konsum in der Halle. Das führte dann dazu, dass es zwar einen Pastis- und Weinstand in der Halle gab, aber man musste vor die Tür gehen, um ein Gläschen zu trinken.

SZ: Wie bei den Rauchern also.

Gharany: Ein bischen Irrsinn. Vor ein paar Jahren war der Deutsche Meister mal so betrunken, dass er fast vom Siegertreppchen gekippt wäre. Er hat zwischen den Spielen immer mal wieder vom Pastis genippt. Ich bin dafür, den Alkohol ganz zu verbieten.

SZ: Im Boule gibt es zwei Arten von Spielern: den Pointeur, der seine Kugel möglichst nahe an die Zielkugel, die "Sau", legt, und die Tireure, die versuchen, die gegnerischen Kugeln wegzuknallen. Sie sind ein Tireur, ein Schießer - gibt es charakterliche Unterschiede zwischen den beiden Typen?

Gharany: Man sagt, die Schießer sind dominanter und die Leger devoter. Aber als solider Spieler kann man eh beides.

SZ: Vergangene Saison in der Aufstiegsrunde hat es nicht so gut geklappt, es gab sogar Tränen bei den Spielern?

Gharany: Da musste ich einfach nur legen, ja. Ich hatte 50 Zentimeter Platz, eine Menge, und habe es nicht gebacken bekommen. Am Ende hat ein Zentimeter zum Aufstieg gefehlt. Ich habe nicht die Nerven behalten. Das war ein Drama. Das hat mich noch Wochen später gefuchst. Wir haben ein Jahr lang darauf hingearbeitet, haben uns als Bayerischer Meister qualifiziert. Und am Tag selbst flossen dann schon ein paar Tränen, ja.

SZ: Dieses Jahr hatten Sie Ihre Nerven besser im Zaum?

Gharany: Ja, endlich. Man spielt zwei Tage, bis zu 20 Stunden, voll am Limit. Das ist immens. Wenn man diesen Sport nicht betreibt, kann man sich das nicht vorstellen. Boule ist eine Psychosache. Ein Tag ernsthaft Boule am Stück ist wie den ganzen Tag lang Klausuren schreiben oder Profigolf spielen. Es ist eine Präzisionssportart.

SZ: Wie knapp war der Aufstieg?

Gharany: Es ist immer knapp. Hätten wir das erste Spiel am zweiten Tag verloren, wären wir raus gewesen. Wir waren schon 0:2 hinten. Am Ende haben wir es in einen 3:2-Sieg umgebogen. Der Modus ist ähnlich wie im Tennis-Davis-Cup, nur gibt es keine Einzel, sondern Zweier- und Dreierteams.

SZ: Was wird sich in der Bundesliga ändern?

Gharany: Das Niveau steigt. Zehn Mannschaften, drei steigen ab.

SZ: Gibt es einen FC Bayern des Boule?

Gharany: Ja, die TSG Weinheim-Lützelsachsen bei Mannheim. Da vereinen sich die ganzen Stars der Boule-Szene. Das ist ein wenig ein Legionärstrupp, die Spieler kommen aus ganz Deutschland, deswegen sind die so stark. Auf die freu' ich mich.

SZ: Ihr Saisonziel?

Gharany: Da ist alles offen. Oben bleiben, mitspielen. Vielleicht sogar Meister werden.