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Behindertensport:Schlau in eine neue Ära

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Nur einer bleibt: Iguanas-Trainer Sebastian Magenheim (re.) muss künftig auf dem Spielfeld wohl auf Florian Mach und Laura Fürst verzichten.

(Foto: Lackovic/Imago)

Die Rollstuhlbasketballer der München Iguanas ziehen sich aus der ersten Liga zurück - auch weil viele wichtige Spieler gehen. Der Neuaufbau soll zusammen mit dem USC München erfolgen, jenem Klub, von dem sie sich 2013 abgespalten haben.

Von Thomas Jensen, München

Im vergangenen Herbst hatten sich die RBB München Iguanas, Bayerns einziger Klub in der Rollstuhlbasketball-Bundesliga, entschlossen, die Hinrunde auszulassen. Die Hygienemaßnahmen der Liga hatten ihnen nicht ausgereicht. Nach einer sieglosen Rückrunde haben sie sich nun zu einem weitaus folgenschwereren Schritt entschlossen: die kommende Saison in der zweiten Liga zu verbringen. Ohne Zwang, denn Absteiger gab es aufgrund der Pandemie nicht.

"Es ist das Ende einer Ära", sagt Trainer Sebastian Magenheim. Vier Jahre spielten die Leguane in der Bundesliga. Das jüngste sportliche Abschneiden hatte nun eine Rolle für den Rückzug gespielt, entscheidend waren jedoch personelle Gründe. Mehrere wichtige Spieler wären in der ersten Liga nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung gestanden.

Kapitän Kim Robins bereitet sich mit der australischen Nationalmannschaft aktuell auf die Paralympics vor, nach Tokio wird er seine Karriere beenden. Laura Fürst, die mit den deutschen Frauen ebenfalls in Tokio spielt und eine wichtige Rolle im gemischten Münchner Bundesliga-Team hatte, möchte sich künftig vermehrt auf ihren Vollzeitberuf konzentrieren, für die zweite Liga hat sie jedoch zugesagt. Florian Mach und Gabriel Robl werden beruflich bedingt wohl auf Rollstuhlbasketball verzichten. Sie alle gehörten zum Stammpersonal, teilweise schon seit der Vereinsgründung 2013. Nur wenige Spieler bleiben übrig, wie der Trainer und ehemalige Kapitän Magenheim, der ehemalige Spieler, Trainer und aktuelle Vorstand Benjamin Ryklin sowie einige jüngere Spieler.

Vor allem diese mussten von der zweiten Liga überzeugt werden, gibt Trainer Magenheim zu: "Das war keine Diskussion von fünf Minuten, sondern schon eine emotionale Sache. Aber am Ende haben alle eingesehen, dass es der gesündere Schritt ist." Wichtig sei dabei das Ziel gewesen, wieder aufsteigen zu wollen, sagt der 32-Jährige: "Denn wir wollen jetzt die nächste Ära aufbauen. Und um das zu schaffen, müssen wir schlau sein."

"Das war keine Diskussion von fünf Minuten, sondern schon eine emotionale Sache. Aber am Ende haben alle eingesehen, dass es der gesündere Schritt ist."

Der Neuaufbau soll nicht nur sportlich gelingen, sondern auch strukturell. Nach wie vor funktioniert der Verein ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis. Spieler und Trainer erhielten für ihr Engagement keinen Cent - eine Ausnahme in der Profiliga. Die Weiterentwicklung, um mit den anderen Vereinen auch strukturell auf Augenhöhe zu sein, ist bis jetzt nicht gelungen. Beweis sind nun die Weggänge aus Gründen der Unvereinbarkeit von Beruf und Profisport.

Dabei waren Professionalisierung und bessere Vermarktung zwei der Motive, warum sich die RBB München Iguanas 2013 gegründet haben. Mehrere Spieler spalteten sich damals von ihrem alten Verein, dem USC München, ab. Dieser spielte bis 2017 in der ersten Bundesliga und war über Jahrzehnte mit 14 deutschen Meistertiteln die erste Adresse im Münchner Rollstuhlbasketball.

Initiator der Abspaltung war der jetzige Iguanas-Vorstand Ryklin. Ein Aspekt des Neuaufbaus fühlt sich für ihn daher wie ein "kleiner Schritt zurück" an. Denn ab der kommenden Saison ist eine Kooperation mit dem USC geplant. Alle Spieler, bei denen es möglich ist, also die unter 22-jährigen, werden mit Doppelspielrecht gemeldet. Möglicherweise rückt dann auch Nachwuchs des USC in die künftige Zweitligamannschaft. "Natürlich passiert dieser Schritt auch mit der Aussicht, dass irgendwann alle Kapazitäten zusammengelegt werden und es in München wieder einen Standort für Rollstuhlbasketball gibt", führt Ryklin aus. Magenheim, der wie Ryklin Erfahrungen als Spieler in beiden Vereinen gesammelt hat, wird noch deutlicher: "Es ist mein Wunsch, dass beide Vereine richtig fusionieren. Alles andere macht keinen Sinn."

Künftig sollen die Kräfte in München wieder gebündelt werden

Auch der USC ist offen für eine noch engere Zusammenarbeit, bestätigt der Vorsitzende Wolfgang Schäfer, der einschränkt: "Die Gegebenheiten müssen dann aber passen und Punkte, die damals zur Trennung geführt haben, im Vorhinein geklärt werden." Die Kooperation sei ein erster Schritt in diese Richtung. Überrascht habe ihn die Annährung der Iguanas nicht: "Es war ja von Anfang an klar, dass es irgendwann mal wieder sinnvoll sein könnte, die Kräfte zu bündeln. Rollstuhlbasketball ist kein Massensport."

Gebündelte Kräfte könnten den beiden Vereinen schon in naher Zukunft helfen, wenn es darum geht, "die während Corona entstandene Leere in den Vereinen wieder zu füllen", sagt Ryklin. Da Rollstuhlbasketball als Kontaktsport in der Halle zählt, existiert immer noch kein Datum oder eine Perspektive für eine Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs. Einzig die als Profimannschaften geltenden Bundesligateams konnten in den vergangenen Monaten trainieren und spielen.

© SZ/sewi/lein
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