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Sichtachsen in München:Architektonisches Erbe als schwierige Herausforderung

SZ-Leser debattieren über die wiederkehrende Frage nach Hochhäusern und deren städtebauliche Konsequenzen, über liebgewonnene Stadtperspektiven und mutige Bauwerke.

Taugen neue Hochhäuser als Wahrzeichen - oder gefährden sie die lieb gewonnenen Sichtachsen einer Landeshauptstadt?

(Foto: Heinz Gebhardt/Imago)

"Eine Frage der Perspektive" vom 30./31. Januar:

Münchens Seele retten

Brienner Straße mit Obelisk und Propyläen, Ludwigstraße mit Siegestor, Maximilianstraße mit Maximilianeum, nicht zu vergessen die Prinzregentenstraße mit dem Friedensengel sind mit ihren Landmarks (Wahrzeichen; d. Red.) in sich geschlossene, einmalige Ensembles. Zu ihrer Zeit waren sie die innovative Stadtplanung. Die Struktur der Altstadt blieb aber unangetastet. Die Ludwigstraße wurde bewusst nicht bis zum Max-Joseph-Platz oder gar bis zum Marienplatz geplant. Das ist eben "münchnerisch": Neues ja, aber mit Respekt vor dem Gewachsenen.

Im Gegensatz zu Paris. Hier ließ Haussmann seine Avenuen brachial in die gewachsene Struktur der Pariser Altstadt schlagen. Als in München dann der Altstadtring zwischen Isartor und Prinz-Karl-Palais "à la Haussmann" geplant Gestalt annahm, wurden die Münchner/innen wach und verhinderten Ähnliches am Viktualienmarkt und an der Uni.

Die 225 Meter hohe "Tour Montparnasse", gebaut in der achtgeschossigen Pariser Stadtlandschaft 300 Meter vom Eiffel-Turm entfernt, kann uns nur als Negativ-Beispiel dienen. Und München? Nachdem man sah, dass die sogenannten "Highlights Towers" das Ensemble Ludwig-/ Leopoldstraße beeinträchtigten, wurden die Münchnerinnen und Münchner wieder wach. Es gab das Volksbegehren wegen des Uptown-Towers. Und wieder fragen wir uns: Soll durch zwei 155 Meter hohe Türme, 2000 Meter entfernt vom einmaligen Ensemble Schloss und Park Nymphenburg dieses ebenso Schaden nehmen? Wo ist der Nutzen für die Stadtgesellschaft?

Ich hoffe, München bleibt künftig so "provinziell" wie Rom - mit nur zwei "Wolkenkratzern", kleiner als die Münchner, aber weit außerhalb des Zentrums, oder wie Berlin - mit 120 statt 150 Metern am Alexanderplatz. Sicher eine Frage der Perspektive! Udo Bünnagel, München

Hysterische Denkmalschützer

Was für ein wunderbarer Artikel. Mit seiner erstklassigen historischen Analyse wird den fast schon hysterisch kreischenden Denkmalschützern der Kopf zurechtgestutzt. Dem Satz "ohne Wandel, ohne Veränderung ist eine Stadt keine Stadt mehr, sondern ein Freilichtmuseum" ist fast nichts hinzuzufügen. Konzentrieren wir uns also aufs Wesentliche, auf die für eine Stadt notwendigen Luftschneisen oder andere ökologische Aspekte, anstatt ein Hickhack um Höhen und Sichtachsen zu zelebrieren. Karsten Neumann, Nürnberg

Mehr Respekt tut not

Sichtachsen empfindet Stephan Handel als vordemokratische architektonische Machtgesten der Herrschenden und als anorganischen Gegenpol zu "natürlich" gewachsenen Stadtorganismen wie Dinkelsbühl. Das kann man so sehen, ist aber eine etwas einseitige Betrachtungsweise. Die Sichtachsen-Straßen Münchens (Ludwigstraße, Brienner Straße, Maximilianstraße, die Prinzregentenstraße würde ich auch dazuzählen) sind anerkanntermaßen große Stadtbaukunst. Unsere kunstsinnigen Herrscher des 19. Jahrhunderts haben glücklicherweise die Notwendigkeit planvoller Stadtentwicklung erkannt und die besten Architekten damit beauftragt. Diese Straßen waren einerseits die Entwicklungsachsen neuer Stadtteile, andererseits ein wichtiges Gegenüber zur "natürlich" gewachsenen Altstadt. Sie haben Großzügigkeit, Noblesse und durchaus auch Weltläufigkeit in die Stadt gebracht. Dieses Nebeneinander von Bürgerstadt und Königsstadt trägt maßgeblich zur Besonderheit und dem Charme Münchens bei. Es gäbe also gute Gründe, die damit verbundenen wichtigen Sichtbezüge vor Beeinträchtigungen durch eine Moderne zu schützen, die damit nicht kompatibel ist. Dieses wertvolle und rare architektonische Erbe, das Krieg und Nachkriegszeit wundersamerweise überlebt hat, zu bewahren, würde die Stadt keinesfalls zu einem Freilichtmuseum machen.

Die jetzigen Stadtplaner sehen das leider anders und haben, bildlich gesprochen, schon tiefe Kratzer in diesem alten Gemälde zugelassen (Sichtachse Ludwigstraße, Wittelsbacherplatz). Zudem lässt die Stadt es zu und kommt sich dabei sicher sehr volksnah vor, dass ihre nobelsten Plätze Odeons-, Königs- und Wittelsbacherplatz als Kulissen für allerlei Jahrmarktveranstaltungen und als Rummelplatz missbraucht werden. Mehr Respekt hätten diese Plätze wahrlich verdient.

Was wären denn München und andere europäische Städte wie Dresden, Salzburg, Wien, Rom oder Paris ohne die Bauleidenschaft früherer weltlicher und geistlicher Herrscher? Das waren zwar, zeitbedingt, keine Demokraten, aber großartige Bauherren mit Visionen, die Europa eine unendliche Fülle an Schönheit hinterlassen haben. Eben alles eine Frage der Perspektive. Hans Kössler, München

Bitte keine Hochhaus-Viertel

Keine Gefährdung vorhandener Stadtstrukturen! Der interessante und aufschlussreiche Exkurs beim Thema "Sichtachsen in München" erinnert mich an meine ersten städtebaulichen Vergleiche, zum Beispiel mit Paris. Damals animierte mich das neue Hertie-Hochhaus an der Münchner Freiheit. Das Ergebnis: Ich verglich, schwer überheblich, die Achse "Odeonsplatz, Siegestor, Hertie-Hochhaus" mit der Achse "Louvre, Arc de Triomphe, Grande Arche de la Defense". Das Architekturstudenten-Urteil: So nicht! Mit etwas Abstand kann ich heute mit Dank feststellen, dass zum Beispiel die im Bericht gezeigten Hochhäuser nicht exakt auf der Achse der Ludwigstraße liegen, wie es so mancher "Stadtplaner" bedauert. Wenn die einst königlichen und herzoglichen Sichtachsen mit gezielten Hochhaus-Standorten noch zusätzlich Gewicht bekommen, dann, so meine ich, ist die zu erhaltende städtebauliche Kleingliedrigkeit auf der einen Seite und die zentrale Bedeutung des Stadtkerns auf der anderen Seite stark gefährdet. Noch erfreue ich mich jedenfalls immer auf der Garmischer Autobahn an der freien Blickachse zu den Türmen der Frauenkirche. Kein Zweifel, München braucht allein zum Schutz vorhandener Sichtachsen eine abgestimmte Vision beim Umgang mit dem zunehmenden Hochhaus-Druck. Aber: bitte keine Hochhaus-Areale wie in Paris. Stephan Hansen, Ergolding-Piflas

Klima-Wirkung beachten

München will 2035 klimaneutral sein. Wie soll das gehen mit Tonnen von CO₂ emittierenden Riesen aus Stahl, Beton und (wegen Sonnenschutz und Airconditioning) dunklem Glas? Wollen wir mit Technik von Vorgestern Frischluftschneisen zustellen? 1972 wagte München olympische Avantgarde. Wenn es Investor Ralf Büschl, wie er sagt, nicht um den maximalen Gewinn geht, dann sollte er gleich den bayerischen Königen weder Kosten noch Mühe scheuen, den Bürgern etwas von dauerhaftem Wert zu hinterlassen. Damals waren mit Ornamenten verzierte, wohl proportionierte Kunstbauten angesagt, jetzt sind CO₂-sparende Gebäude und City-Greening gefragt. München sollte für künftige Generationen Vorreiter sein, anstatt diese mit ewiggestriger, fantasieloser Bautechnik und Architektur zu belasten.

Klaus Siersch, München

© SZ vom 25.02.2021
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