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Sensationeller Fund in München:Das Bild der alten Dame

Das Bild "Die Bergpredigt" ist wieder aufgetaucht. Es war einst von den Nationalsozialisten gekauft worden und über 60 Jahre verschollen.

Am vergangenen Freitag klingelte bei den Kunstfahndern des Landeskriminalamts das Telefon - und es war der Hinweis, auf den sie gehofft hatten. Eine Frau sagte, sie wisse, wo das einst von den Nationalsozialisten erworbene und für Jahrzehnte verschwundene Bild "Die Bergpredigt" hängt, nach dem die Polizei suchte: im Schlafzimmer ihrer 92-jährigen Cousine.

Die Fahnder fuhren ins Westend - und fanden tatsächlich das auf 100.000 Euro geschätzte Gemälde, das der flämische Maler Frans Francken der Jüngere um das Jahr 1606 geschaffen haben dürfte und das seit Ende des Zweiten Weltkriegs als verschollen galt. So lange, bis es plötzlich im vergangenen Jahr in der Sendung "Kunst & Krempel" im Bayerischen Fernsehen auftauchte.

Bild sollte ins "Führermuseum"

Die Geschichte des Bildes, soweit sie sich bislang rekonstruieren lässt, ist kurios - und wirft eine Detailsicht auf die Raubkunst-Praktiken der Nationalsozialisten. Das Bild befand sich bei Kriegsende in München, es war für ein pompöses Museum aufgekauft worden, das Adolf Hitler in Linz errichten wollte.

Für sein "Führermuseum" installierte Hitler am 21. Juni 1939, kurz vor Kriegsbeginn, den "Sonderauftrag Linz". Den Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, Hans Posse, ernannte er zum "Sonderbeauftragten" für das geplante Museum, das nie verwirklicht wurde. Kunsthändler witterten ein gutes Geschäft: der "Sonderbeauftragte" hatte Geld, um Kunstwerke anzukaufen. Und es gab, vor allem nach Kriegsbeginn, viele Menschen, die dringend Geld benötigten und sich von ihren Gemälden trennen wollten - oder mussten.

Zwangsankäufe von jüdischen Besitzern gehörten zur Tagesordnung. "Viele dieser Ankäufe waren illegal, aber eben nicht alle", sagt die Kunsthistorikerin Monika Flacke vom Deutschen Historischen Museum in Berlin, das seit einem Jahr eine Datenbank mit Bildern der Linzer Sammlung ins Netz gestellt hat.

Im Wirrwarr des Kriegsendes verschwunden

Ob Franckens Gemälde unter Zwang erworben wurde, weiß man bislang nicht. Bekannt ist, dass "Die Bergpredigt" sich 1943 in Privatbesitz in Frankreich befand. Dort kaufte der Agent Theo Hermsen es auf, verkaufte es für 10.000 Reichsmark weiter an den Dresdner Kunsthändler Hildebrandt Gurlitt, der es wiederum weitergab an Hitlers Unterhändler. Das Bild kam erst gegen Kriegsende nach München, lagerte im "Führerbau" am Königsplatz - und verschwand nach dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 im Wirrwarr der Übergangszeit.

Am Abend des 29. April, so hat die Kunsthistorikerin Birgit Schwarz für ihr Buch "Hitlers Museum" recherchiert, drangen Plünderer in den "Führerbau" ein und nahmen mit, was sie finden konnten. 723 Gemälde waren zu dieser Zeit noch im Gebäude. An die 650 dürften an diesem einen Abend entwendet worden sein - "Raubkunst" also aus den letzten Kriegstagen. In den fünfziger Jahren versuchte die Münchner Kriminalpolizei, die Kunstschätze wiederzufinden. Es gelang jedoch nur bei etwa 130 Gemälden.

Wie das Werk des flämischen Meisters in den Besitz der 92-jährigen Münchnerin gekommen ist, ist noch unklar. Die Frau liegt im Krankenhaus, und bislang haben die Beamten nicht mit ihr gesprochen. Verwandten zufolge soll sie es von ihren Eltern bekommen haben. Bei "Kunst & Krempel" hatte ein Cousin das Bild zur Schätzung vorgelegt.

Nur kann der Mann nicht mehr befragt werden. Er ist im Juni gestorben. Vergangene Woche hatte das LKA das Bild und einen Zeugenaufruf veröffentlicht, weil der Bayerische Rundfunk die Daten des Mannes, der das Bild eingereicht hatte, nicht her-ausgeben wollte. Am Ende meldete sich die 67-jährige Cousine, was Franz Weber, Chef der Kunstfahnder beim LKA, als "sehr ehrenhaftes Verhalten" wertet.

Tipp von einem Kunstexperten

Den ursprünglichen Tipp zum verschollenen Bild hatte den Beamten übrigens ein Kunstexperte aus München gegeben. Stephan Klingen arbeitet beim Zentralinstitut für Kunstgeschichte in der Meiserstraße 10 - dem ehemaligen Verwaltungsbau der NSDAP. In dem Gebäude wurde nach Kriegsende von der amerikanischen Militärregierung eine Sammelstelle für die Rückführung der von den Nationalsozialisten erbeuteten Kunstwerke eingerichtet, der "Central Art Collecting Point". Das 1947 eingerichtete Zentralinstitut trat das Erbe der Sammelstelle an und unterstützt bis heute Versuche, die verschollenen Werke wiederaufzufinden.

Stephan Klingen hatte im November vergangenen Jahres die "Kunst & Krempel"-Folge gesehen. Er kochte sich gerade einen Risotto, als ihm das Bild auffiel. Dass es sich um ein Original des flämischen Malers handelt, sei ihm sofort klar gewesen, sagt Klingen: "Ich bin Frans-Francken-Fan." Doch erst einige Monate später kam er darauf, dass das Bild als vermisst gilt. In einem Buch von Hanns Christian Löhr über das "Braune Haus und den Sonderauftrag Linz" war das Gemälde abgebildet, auf Seite 270. Klingen wandte sich ans LKA.

Inzwischen liegt "Die Bergpredigt" in der Asservatenkammer, in einem klimatisierten Raum. Das LKA wird versuchen herauszufinden, wem das Bild gehört - "was äußerst schwierig werden dürfte", wie Klingen sagt. Über den Agenten Hermsen, der das Gemälde seinerzeit in Paris angekauft hatte, sei so gut wie nichts bekannt.

Wären die Amerikaner 1945 in den Besitz des Gemäldes gekommen, würde es heute dem französischen Staat gehören, sagt Monika Flacke. Die amerikanische Militärverwaltung gab jedes Kunstwerk an das Land zurück, aus dem es kam - "egal, ob es legal erworben worden war oder nicht".