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Seit 50 Jahren bei der Theatergemeinde:Treuer Merker

Walter Aumüller, ein Herr über 80,  der seit den 50er Jahren in die Oper geht, und nun die Meistersinger sehen wird

Seit mehr als 50 Jahren Mitglied der Theatergemeinde: Walter Aumüller war schon bei der Wiedereröffnung des Nationaltheaters 1963 dabei.

(Foto: Florian Peljak)

Walter Aumüller sah alle Münchner Meistersinger-Aufführungen

Von Jutta Czeguhn

Die Meistersinger müssen es sein: Walter Aumüller steht um Karten an, von 17 Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen. Gegen 9 Uhr öffnet endlich die Tageskasse. Ungeheuer viel Geld gibt er aus für einen Platz in der zweiten Reihe Parkett. So kann er dem Dirigenten auf den Frack-Rücken schauen, am Pult steht Joseph Keilberth. Ein historischer Moment für München, Wagners "Meistersinger von Nürnberg" bei der Bürgerpremiere, mit der am 29. November 1963 die Wiedereröffnung des Nationaltheaters gefeiert wird. Der 28-jährige Student Aumüller ist dabei, obwohl er sich diese sündteure Eintrittskarte eigentlich nicht leisten kann.

"Bam, bam, ba, bam." Walter Aumüller singt die ersten Takte des Meistersinger-Vorspiels. Recht langsam habe Keilberth damals dirigiert, erinnert er sich und schwärmt vom Bühnenbild mit den monumentalen Fenstern der Katharinenkirche. Aumüller sitzt in seinem Wohnzimmer in Hadern, ein fragiler Mann von 81-Jahren. Wegen einer Krebserkrankung muss er derzeit in Wochenabstand in die Klinik zur Chemotherapie. Die Premiere der neuen "Meistersinger von Nürnberg" am 16. Mai hat er live im Radio verfolgt. "Bam, bam, ba, bam" - sehr flott sei Dirigent Kirill Petrenko das angegangen. "Nach ein paar Takten wusst' ich schon, da ist heut eher Schluss", sagt er, ein Lächeln zieht sich über sein schmales Gesicht. Die "Meistersinger", das ist für Walter Aumüller die Wagner-Oper schlechthin. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat er viele Inszenierungen erlebt und natürlich alle Münchner; die gemütvolle Everdingsche, die spröde Version von Thomas Langhoff. Heuer aber sollte es ihm ergehen wie so vielen Opern-Freunden: kein Ticket für die Neuproduktion der Meistersinger an der Staatsoper, alle Vorstellungen ausverkauft. Er hat es mit Fassung hingenommen.

Nicht aber Michael Grill. Dem Geschäftsführer der Theatergemeinde schien der Gedanken unerträglich: Walter Aumüller, Urgestein des Vereins, nicht dabei bei seiner Herzensoper. Grill griff zum Telefon, schilderte einem verständnisvollen Staatsoper-Menschen den Fall - und irgendwie wurde das Wunder dann möglich gemacht. Wieder Parkett, diesmal Reihe 10, und wie vor 53 Jahren eigentlich jenseits von Aumüllers üblichen Ticket-Budgets. "Aber was soll's, es ist ja etwas Besonderes", sagt er. Bis zu seinem Opernabend sind es da noch knappe zwei Wochen, in denen er täglich hofft, dass seine Blutwerte stabil bleiben.

Musik sei für ihn "ein Jungbrunnen", sieht man einen kraftvollen Walter Aumüller in einem Werbefilmchen für die Theatergemeinde sagen. Da hat er noch eine Haarpracht wie Einstein. Büschelweise sind sie ihm nun durch die Chemo ausgegangen. Er fährt sich mit der Hand über den fast kahlen Schädel. Man möchte etwas erzählt bekommen über seine Liebe zu Musik und Theater, über die Sänger- und Schauspieler-Legenden, die er erlebt hat. Aber der geschickte Pädagoge dreht den Spieß um und fragt sein Gegenüber gierig aus über die Meistersinger-Premiere. Alles will er wissen, ob Regisseur David Bösch schlampig mit dem Werk umgegangen sei, ob das Ensemble überzeugend gesungen hat.

Ein bisschen Biografie entlockt man ihm dann aber doch: Seine erste Oper sieht er im Prinzregententheater, "Hänsel und Gretel". Die Eltern nehmen ihn oft mit. Der Eindruck ist nachhaltig, als Schüler am Theresiengymnasium geht er regelmäßig ins Prinzregententheater. "Ich und ein Freund, wir waren immer auf den beiden äußeren Plätzen links in der letzten Reihe, für 1,05 Mark die Karte." Nach dem Abi geht er auf die Falckenberg-Schule, nach zwei Jahren bricht er ab. "Ich hatte einfach nicht den Background", sagt er. So sieht er das heute. Er studiert Pädagogik, wird Lehrer, später Hochschullehrer mit Stationen in Prag und Rom.

Für eine Karriere als Opern-, Konzert- und Theaterbesucher war Aumüllers Background jedoch genau richtig. Von seinen Eltern erbte er quasi die Mitgliedschaft in der Theatergemeinde, die ihn regelmäßig mit Tickets versorgt. Zudem hat er Abos für die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und für die Staatsoper. Hin und wieder leistet er sich auch Karten für die Salzburger Festspiele oder fährt zur Seebühne nach Bregenz. Natürlich hat er eine große Sammlung an CDs und Schallplatten. "Aber ich brauche das Visuelle zur Musik", sagt er. Oh weh, wie wird er dann wohl diese Neuproduktion finden? Mit einem Hans Sachs, der sich im Schlussbild eine Zigarette ansteckt?

Dann ist der große Tag gekommen. Walter Aumüller ist auf dem Max-Joseph-Platz schon von weitem zu erkennen, zur Tracht trägt er einen großen Hut. Wegen der Haare. Es geht ihm gut. Mit heiterer Gelassenheit verschwindet er im Nationaltheater, wo das Publikum an diesem Abend die bislang beste Vorstellung der Serie erlebt. Nach fünf Stunden wartet Aumüller wie verabredet bei den Säulen vor der Oper. Müde sieht er aus, aber strahlt von innen. "Wenn man alles, was man bisher über die Meistersinger gesehen und gehört hat, vergisst, waren die auch schön", sagt er schließlich leise, "jede Note eine Kostbarkeit."

© SZ vom 02.06.2016
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