Schulnamen Karl Valentin ist noch zu haben

Ob berühmte Wissenschaftler, Künstler oder ehemalige Schüler, sie alle können Namenspatron einer Schule werden. Politiker aber sind in der Regel nicht erwünscht

Von Melanie Staudinger

Am Schluss hat sich Lion Feuchtwanger durchgesetzt - und Schulleiter Wolfgang Fladerer ist heute froh darüber. Vor fast 36 Jahren suchte das Lion-Feuchtwanger-Gymnasium, das damals noch "Gymnasium am Petuelring" hieß, nach einem neuen Namen. Schüler, Lehrer und Direktor diskutierten, und auch der Stadtrat mischte mit. Die SPD favorisierte "Wilhelm-Hoegner-Gymnasium", um damit dem ehemaligen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten und überzeugten Antifaschisten ein Denkmal zu setzen. Die CSU schickte Konrad Adenauer ins Rennen. Auch Ludwig Erhard wurde vorgeschlagen und Karl Valentin. Die Schüler aber wollten Feuchtwanger. Und keine Politiker. Ein Schüler argumentierte damals, er sei schon deshalb dagegen, weil "dies sich dann weiterentwickeln würde und Schulnamen nur noch nach dem Parteienproporz vergeben würden: Wir bekommen Adenauer, ihr kriegt Hoegner, wir Strauß, ihr Schmidt; dann hätten die Schüler keinen Einfluss mehr auf den Namen ihrer Schule, und außerdem wären da mit Sicherheit nicht nur Vorbilder dabei". Der Stadtrat lenkte ein. Zur gleichen Zeit erhielt eine weitere Schule einen Künstler statt eines Politikers als Namenspatron: das Heinrich-Heine-Gymnasium in Neuperlach.

Schulgeschichte spiegelt immer auch Stadt- und Kulturgeschichte, das zeigt sich besonders in Schulnamen. Seit dem 19. Jahrhundert werden in München Schulen benannt und umbenannt - die historische Spanne reicht zurück von Wilhelm V. bis zu Nelson Mandela, wenn der Stadtrat am Mittwoch zustimmt und sich die Wirtschafts-Berufsoberschule an der Schleißheimer Straße in Nelson-Mandela-BOS umbenennen darf. Damit wäre Mandela der zweite hochrangige Politiker mit eigenem Schulnamen in München - dieses Privileg war bisher Altkanzler Willy Brandt vorbehalten, der Patron der Gesamtschule im Norden der Stadt ist. Damit zeigt München seine "rote" Sonderstellung innerhalb des sonst so schwarzen Bayerns. Denn die Gesamtschule hat in der CSU-Bildungspolitik keinen Platz, und dann heißt sie auch noch nach einem SPD-Politiker.

Ein Schultitel soll Identität stiften, die Schule unverwechselbar machen. Die Namen stehen auf Logos, werden auf Shirts gedruckt und kommen in Schulsongs zum Ausdruck. Der Namensgeber soll Vorbild sein und im besten Fall auch noch mit der Schule in Verbindung stehen. Seit 2005 darf er sogar eine noch lebende Person sein. Für Schulnamen gibt es nur eine wirkliche Vorgabe, die es in sich hat. Wird der Name geändert, so müssen der Sachaufwandsträger, also die Stadt München, die Lehrerkonferenz, der Elternbeirat und die Schülervertreter zustimmen.

Vor ein paar Hundert Jahren war das weniger kompliziert. Das 1559 gegründete Wilhelmsgymnasium führte mehr als 200 Jahre lang ein namenloses Dasein, wie Schulleiter Michael Hotz berichtet. Münchens einziges Gymnasium brauchte keinen Namen. München wuchs und so der Bedarf an Schulplätzen. Im 19. Jahrhundert wurden die Schulen nach den Wittelsbachern benannt: nach Maximilian I. Joseph (Max-Joseph-Stift), Ludovika Wilhelmine von Bayern (Luisengymnasium), Ludwig I. (Ludwigsgymnasium), Maximilian II. Joseph (Max-Gymnasium), Luitpold von Bayern (Luitpold-Gymnasium), Therese von Sachsen-Hildburghausen (Theresiengymnasium), Marie Therese (Maria-Theresia-Gymnasium) und nach dem ganzen Adelsgeschlecht (Wittelsbacher-Gymnasium).

Die einzige Gesamtschule Münchens ist nach einem Politiker benannt: Willy Brandt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Später wurden die Schulen freier in ihrer Namenswahl und damit kreativer. Manche benannten sich nach ihren berühmtesten Schülern (Oskar-von-Miller-Gymnasium, Albert-Einstein-Gymnasium), andere wiederum nach Wissenschaftlern und Forschern (Max-Planck-Gymnasium, Rudolf-Diesel-Realschule, Carl-von-Linde-Realschule, Robert-Bosch-Fachoberschule oder Werner-von-Siemens-Realschule und -Gymnasium). Die Salvator-Realschule behielt ihren Namen, obwohl sie vom Salvatorplatz an die Damenstiftstraße umzog. Das Michaeli-Gymnasium lieh sich den Namen bei der barocken Michaelskirche - bei der schulinternen Wahl 1972 fielen Karl Valentin und die Olympischen Spiele durch. Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium benannte sich nach der Malerin und Grafikerin, weil die Schule in deren 100. Geburtsjahr gegründet wurde. Als Alternative kam Thomas Mann infrage, den sicherte sich ein anderes Gymnasium.

Mehr Freiheit bedeutete aber manchmal auch mehr Ärger, wie die Geschichte des Asam-Gymnasiums in Obergiesing zeigt. Die Schule wurde 1935 als Hans-Schemm-Aufbauschule, benannt nach dem damaligen Kultusminister und fanatischen Antisemiten, gegründet. Nach Ende der Nazi-Diktatur hieß die Schule Oberrealschule für Buben an der Frühlingsstraße, obwohl sie am Regerplatz lag. 1964 wurde per städtischer Verfügung das Asam-Gymnasium daraus. Als naturwissenschaftliches Gymnasium hätte man lieber "Fraunhofer-Gymnasium" geheißen. "Heute müssen die schulischen Gremien bei einer Schulnamensgebung mitwirken, damals wurde dekretiert", sagt Direktor Heinz Peter Rothmann. Karlsgymnasium (Karl der Große soll im Würmtal geboren sein) und Sophie-Scholl-Gymnasium hingegen setzten ihre Vorschläge durch.

Das Wittelsbacher Gymnasium kam gut 200 Jahre ganz ohne Namen aus, weil es ohnehin nur ein Gymnasium gab.

(Foto: Robert Haas)

Konfrontativ ging es auch beim Bertolt-Brecht-Gymnasium zu, dem ersten sozialwissenschaftlichen Gymnasium nur für Mädchen in Bayern. "Damals herrschte Aufbruch in der Bundesrepublik", sagt der ehemalige Lehrer Karl-Jörgen Simonsen. Dieser Zeitgeist sollte sich im Schulnamen ausdrücken, man einigte sich schulintern auf Brecht als Namensgeber. "Der war als bekennender Kommunist umstritten", erzählt Simonsen. Der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) und sein Stadtschulrat Anton Fingerle, nach dem heute ein Berufsschulzentrum benannt ist, hätten den Stadtrat aber überzeugt.

Über einen Namensgeber haben sich auch das Gymnasium Moosach und das Gymnasium Fürstenried Gedanken gemacht - und sich dagegen entschieden. "Der Name ist mit großen Emotionen behaftet, wenn man das falsch angeht, kriegt man sofort Unruhe in die Schule", sagt Rupert Grübl, Direktor in Fürstenried. Der Schulname, das Schulgebäude, das die Schüler liebevoll als Bunker bezeichnen - damit identifizierten sich die Menschen im Viertel, und das solle auch so bleiben. "Wir verstehen die Schule explizit im Stadtteil Moosach verankert. Also würde ein Schulname hier fast so wirken, als ob man sich von Moosach lösen wollte", sagt Stefan Illig, Schulleiter des Gymnasiums Moosach.

In Münchens neuestem Gymnasium, dem Gymnasium München-Nord, wird der Name ebenfalls so nüchtern bleiben, wie er ist. Lehrer und Eltern hätten sich schon vorstellen können, die Schule nach einer Persönlichkeit zu benennen, sagt Direktor Leonhard Baur. Die Schülervertreter aber waren dagegen, weil sie die Abkürzung GMN nach nur zwei Jahren schon so lieb gewonnen haben. "Es hat keinen Sinn, so etwas kontrovers zu diskutieren", sagt Baur. Für potenzielle Namenspatrone wird es in der Stadt München aber ohnehin noch viele Gelegenheiten geben. Das Gymnasium Trudering will sich bald auf den Weg machen. Und der Stadtrat lässt gerade für mehrere Milliarden Euro Schulen neu bauen oder generalsanieren - solche Gelegenheiten haben in der Vergangenheit zumindest oft zu neuen Namen geführt. Karl Valentin zum Beispiel wartet noch immer.