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Re­s­tau­rie­rung:Der heilige Gral der Luftfahrt

Die Restauratorin Charlotte Holzer ist dabei, den Originalgleiter von Otto Lilienthal für die Ausstellung im Deutschen Museum zu präparieren. Eine knifflige Geschichte voller Überraschungen

Von Martina Scherf

Charlotte Holzer vor einem der beiden Flügel des Lilienthalgleiters. In der Flugwerft Oberschleißheim haben sie eine Klimakammer für das kostbare Objekt eingerichtet.

(Foto: Gerrit Faust/OH)

Wie eine gestrandete Libelle liegt er da. Zerrupft, gebrochen, von Würmern zerfressen. Der Lilienthalgleiter, das erste Segelflugzeug der Welt. Ganz vorsichtig geht Charlotte Holzer, 31, um die beiden Tische herum, auf denen je ein Flügel ausgebreitet ist. Wie einen Komapatienten begutachtet sie das kostbare Objekt. Der Patient liegt in einer Kühlkammer, 18 Grad, 45 Prozent Luftfeuchtigkeit. "Das ist gut für ihn, weniger angenehm für uns", sagt die schlanke junge Frau und lächelt dabei. Aber er soll ja nicht weiter leiden. In den nächsten ein bis zwei Jahren wollen Holzer und ihre Mitarbeiter ihn so weit wieder aufpäppeln, dass man ihn der Öffentlichkeit präsentieren kann. Denn von diesem Flugobjekt geht eine Aura aus. Es markiert den Beginn der Luftfahrt und soll in der renovierten Ausstellung des Deutschen Museums einen markanten Platz erhalten.

Vorher muss der Hängegleiter erst noch gründlich untersucht werden. Das speckige braune Baumwolltuch, die vom Holzwurm durchlöcherten Streben, die rostigen Drähte, an denen der Pilot in seinem Tragegestell hing - all das liegt jetzt wie ein großes Puzzle auf diesem OP-Tisch in der Flugwerft Oberschleißheim, einer Außenstelle des Deutschen Museums. Charlotte Holzer nimmt immer wieder die Kamera, dokumentiert jedes Detail, sucht, welche Stofffetzen in welche Lücke gehören könnten.

Vor zwei Jahren hatten Spezialisten der Technischen Universität München zusammen mit den Restauratoren des Museums Fragmente des Fliegers im Computertomografen von Airbus in Donauwörth untersuchen lassen. Der Aufwand ist groß, um gerade dieses Objekt zu konservieren. Für Andreas Hempfer, Kurator für historische Luftfahrt im Deutschen Museum, ist dieser Segelgleiter der "Heilige Gral der Luftfahrt".

Konstruktionszeichnung von Lilienthal für den Normal-Segelapparat.

(Foto: Deutsches Museum)

Denn diesen Hängegleiter hat Otto Lilienthal von 1894 an selbst geflogen. Das haben Vergleiche der Einzelteile mit den Fotos seiner Flugversuche ergeben. Und alle Details stammen aus Lilienthals Berliner Maschinenfabrik. Der Erfinder hatte sein ganzes Leben der Sehnsucht nach dem Fliegen gewidmet. Er spannte gewachstes Baumwolltuch auf Weidenholzstäbe mit sechs bis zehn Metern Spannweite und begann mit Stehübungen gegen den Wind. Dann folgten die ersten Sprünge von einem Sprungbrett im Garten seines Hauses. Schließlich ließ er in Berlin-Lichterfelde seinen "Fliegeberg" aufschütten.

Jeden Versuch, jede Änderung oder Verbesserung an seinen Geräten notierte er akribisch in seinen Plänen und Notizbüchern. Die meisten davon liegen im Archiv des Deutschen Museums. Schließlich ließ der Ingenieur seinen "Normalsegelapparat" in seiner Berliner Dampfkessel- und Maschinenfabrik in Serie bauen. Neun Käufer sind namentlich bekannt, Interessenten meldeten sich aus Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland, England, der Schweiz und den USA.

In einer Vitrine der Flugwerft liegt in einem Nachdruck mit grünem Einband Lilienthals berühmtes Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", 1889 veröffentlicht. "Das gilt bis heute als Grundlage der Fliegerei", sagt Holzer, die natürlich auch dieses Werk studiert hat. "Die Brüder Wright sagten später über Lilienthals Tabellen, sie seien über zwei Jahrzehnte das Beste gewesen, das gedruckt vorlag."

Am 9. August 1896 - nach mehr als 2000 Flügen, der weiteste über 80 Meter - passierte es: Lilienthal stürzte aus etwa 15 Metern Höhe ab, weil er eine Windböe nicht aussteuern konnte. Am Tag danach erlag er seinen Verletzungen. Zehn Jahre später kam der Gleiter, der jetzt wieder ins Rampenlicht gerückt werden soll, ins Deutsche Museum nach München.

"Dort wurde er dann ausgestellt, bis man ihn 1944 vor den Bombenangriffen rettete und ins Depot schaffte", erzählt Holzer. Seither lag er in einer Kiste, Motten und Holzwürmer setzten ihm zu. Die Museumsleute hatten andere Sorgen als Klimatechnik und Sterilität. Nur das Gestellkreuz aus Holz und Metall, in dem der Pilot hing, ist in einer Vitrine in der Flugwerft Schleißheim zu bewundern. Zwei gebogene Holzringe, durch die er die Arme streckte, Drähte, die mit den Flügeln verspannt waren. Auch gibt es zwei Nachbauten des Gleiters, einen im Haupthaus auf der Museumsinsel, einen in der Flugwerft.

Lilienthal bei einem seiner Flugversuche.

(Foto: Deutsches Museum)

Weltweit existieren heute nur noch vier Exemplare der Lilienthalgleiter, in Museen in Wien, Moskau und Washington befinden sich die drei anderen. "Aber nur dieser hier", sagt Charlotte Holzer und beugt sich bedächtig über ein Flügelende, "ist noch im Originalzustand." Oder wie man dieses Puzzle aus Fragmenten auch nennen mag.

Die Restauratorin dreht sich um und zieht fast ehrfurchtsvoll eine Abdeckung von einer Glaskiste. Darin liegen noch ein paar weitere Einzelteile. Der berühmte Erfinder hat die Hölzer und Drähte, an denen er hing, während er durch die Luft segelte, mit einfachem Zwirn zusammengebunden. Wie ein Schuljunge, der seinen Drachen baut. Und als Schuljunge hatte Lilienthal, zusammen mit seinem Bruder Gustav, ja auch mit den ersten Flugversuchen angefangen, zu Hause in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern.

"Vor etwa einem Jahr habe ich den Gleiter zum ersten Mal gesehen", erzählt Charlotte Holzer. "Er hat mich sofort fasziniert." Die promovierte Textilrestauratorin kümmert sich um alle Stoffe im Museum - von den Raumanzügen der Astronauten über Sitzbezüge historischer Rennwagen bis zu den vielen Segeln der historischen Schiffe. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über ein Kleid aus Glas, das ein amerikanischer Leuchtenfabrikant für die spanische Königstochter anfertigen ließ. Es war 1892 eine Sensation auf der Weltausstellung in Chicago - zur selben Zeit also, in der Lilienthal in Berlin seine Flugversuche perfektionierte.

Vier Jahre lang hatte sich Holzer mit dem Kleid beschäftigt, genauso lange wird sie nun den Lilienthalgleiter erforschen. "Ich wollte unbedingt sie für diese Aufgabe haben", sagt Kurator Andreas Hempfer. Die 31-Jährige sei "begeisterungsfähig und gleichzeitig hochprofessionell", sie recherchiere extrem gründlich, knüpfe Kontakte nach Washington oder Moskau, prüfe mit unglaublicher Akkuratesse jedes Detail. Holzer selbst ist so viel Lob eher peinlich. Die meisten Textilrestauratoren, sagt sie, mögen am liebsten den Barock, das Mittelalter, "oder noch lieber die Antike". Da haben sie es mit Seide, Damast, Brokat und anderen schönen Dingen zu tun. Die Österreicherin hat sich nun mal in die Welt der Technik verliebt. Sie liest aus diesem speckigen Baumwolltuch die Geschichte der Fliegerei heraus, den Wagemut und den Fortschrittsglauben der Piloten. Fast alles, was zu Lilienthal veröffentlicht wurde, hat sie im vergangenen Jahr gelesen.

"Forschung und Restaurierung gehen hier Hand in Hand", sagt sie. "Wir wollen alle Spuren der Objektgeschichte konservieren." Das heißt: Nichts flicken, kleben oder ergänzen, wie das in der Vergangenheit oft gemacht wurde, sondern zeigen, wie der Erfinder sein Gerät gebaut hat und wie die Restauratoren seinen Kniffen auf die Spur kommen. Holzer arbeitet mit zwei Kollegen zusammen, Quirin Küchle ist für das Holz, Mathias Winkler für die Metallteile des Gleiters zuständig.

Und dann geht es auch um die zentrale Frage, wie man das fragile Objekt in die künftige Ausstellung integrieren kann. Kurator Andreas Hempfer schwebt vor, einen Schuppen nachzubauen, wie ihn Lilienthal einst als Hangar auf seinem "Fliegeberg" hatte. Darin soll der Original-Gleiter dann präsentiert werden, lichtgeschützt, wie in einem Gral. Das Museum hat schon vor einiger Zeit eine Virtual-Reality-Inszenierung erstellen lassen. Mit VR-Brille auf dem Kopf kann man sich darin als Zuschauer an den Fliegeberg beamen und Lilienthal beim Flug beobachten. Oder, in der anderen Version, selbst als Pilot den Hang hinabschweben. Eine wunderbare Ergänzung der geplanten Ausstellungsstation. Eine Nachbildung des Gleiters wird über der Inszenierung schweben, und vielleicht, sagt Hempfer, könnte man auch die Besucher in ein Gestellkreuz einsteigen lassen - "damit sie spüren, wie anstrengend das Fliegen damals war. Lilienthal war topfit."

Bis es soweit ist, wird es noch einige Jahre dauern. Die Abteilung historische Luftfahrt im Deutschen Museum, sie reicht von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg, wird erst im kommenden Jahr ausgeräumt. Dann werden alle Objekte geprüft, gereinigt, konserviert und in neue Ausstellungskonzepte integriert. Die Eröffnung findet frühestens im Jahr 2025 statt, wenn das ganze Museum generalsaniert ist.

Noch haben Charlotte Holzer und ihre Kollegen den gebrochenen Flieger für sich allein. Sobald die Flugwerft Schleißheim nach der Corona-Krise wieder öffnet, können sich aber auch die Besucher ein Bild der Restaurierungsarbeiten machen. Durch das große Fenster in der improvisierten Klimakammer können sie dann die Restauratorin dabei beobachten, wie sie die "Reliquie" behutsam zum Leben erweckt.

Otto Lilienthal

Otto Lilienthal war nicht der erste Mensch, der das Fliegen probierte. Aber er war der erste, der das Prinzip des Vogelflugs erfolgreich umsetzte. Er bewies, dass ein Flugzeug nur dann fliegt, wenn seine Flügel wie die eines Vogels gewölbt sind. Erst diese Ablenkung des Luftstroms schafft Auftrieb und Vortrieb.

Die ersten Versuche unternahm Otto Lilienthal schon mit seinem Bruder Gustav in der Schulzeit in Anklam. Der Vater war früh gestorben, ebenso fünf der Geschwister. Trotzdem ließ die Mutter, eine Musikpädagogin, ihren Söhnen die bestmögliche Ausbildung zukommen. 1881 erhielt Lilienthal das Patent für einen Kleinmotor, gründete eine Firma in Berlin und beteiligte seine 60 Mitarbeiter am Gewinn. Später produzierte er dort seinen Normalsegelapparat in Serie.

In einem Brief an den Offizier Moritz von Egidy schrieb er 1894: "Unser Kulturleben krankt daran, daß es sich nur an der Erdoberfläche abspielt. Die Absperrung der Länder, der Zollzwang und die Verkehrserschwerung ist nur dadurch möglich, daß wir nicht frei wie der Vogel auch das Luftreich beherrschen. (...) Die Grenzen der Länder würden ihre Bedeutung verlieren; die Unterschiede der Sprachen würden mit der zunehmenden Beweglichkeit der Menschen sich verwischen. Die Landesverteidigung, weil zur Unmöglichkeit geworden, würde aufhören, die besten Kräfte der Staaten zu verschlingen, und das zwingende Bedürfnis, die Streitigkeiten der Nationen auf andere Weise zu schlichten als den blutigen Kämpfen um die imaginär gewordenen Grenzen, würde uns den ewigen Frieden verschaffen." Erst zwei Weltkriege später hegten Menschen wieder diese Hoffnung. mse

© SZ vom 18.04.2020
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