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Packen und Aussortieren:Auf Wiedersehen

Die Aufgabe könnte anspruchsvoller kaum sein: Direktor Hans Orgeldinger muss mit seinem Maxgymnasium in Pavillonbauten am Englischen Garten umziehen - dafür hat er knapp sechs Wochen Zeit

Handgemalte Zettel an den Säulen des prächtigen Treppenhauses künden noch von den Aktivitäten derer, die hier täglich ein- und ausgingen. Die besten Waffeln gibt es am Stand der 7a, kann man da erfahren, und dass es kulinarische Konkurrenz gibt aus der Jahrgangsstufe darüber. Die Aushänge vom Sommerfest wirken ein wenig verloren zwischen all dem Durcheinander aus Kartons und zusammengeschobenem Mobiliar - im "Kafenion", der neugriechisch benannten Caféteria im Erdgeschoss, stapeln sich ein paar verbliebene Tische an der Wand. In einem Musiksaal im dritten Stock wartet ein Klavier auf den Abtransport. Das einst so repräsentative Lehrerzimmer direkt über dem Hauptportal wirkt wie der Schauplatz einer wüsten Abbruchparty: Die Schränke, eigentlich Teil der Wandvertäfelung, stehen kreuz und quer, auf dem Boden lagern Kisten und ein Tageslichtprojektor.

Die Schüler, die hier vor kurzem noch Waffeln angeboten haben, werden im Herbst nicht in ihr Schulhaus an der Karl-Theodor-Straße zurückkehren. Das Maximiliansgymnasium in Schwabing wird generalsaniert. Der Unterricht muss deshalb für vier Jahre ausgelagert werden. "Wir machen die Schule fit für die nächsten 50 Jahre", schwärmt Schulleiter Hans Orgeldinger, der in seinem brütend heißen Direktorat im ersten Stock die Stellung hält. Zusammen mit Kollegen, die den Umzug mitorganisieren. Es gilt, ein komplettes Gymnasium einzupacken und in die gerade erst durch das Wilhelmsgymnasium geräumten Pavillonbauten an der Oettingenstraße zu transportieren. Vom Klavier bis zum Skelett aus dem Biologieunterricht, vom ausgestopften Tier aus der Glasvitrine bis zu den Lehrer- und Schülerakten. Ein Klebezettel-System hilft beim Sortieren: Grün markierte Kisten ziehen um, gelb markierte werden eingelagert und rot bedeutet: wegschmeißen. Auf Bitten der Stadt, die an ihre Kosten denkt, soll nur sehr wenig eingelagert werden. Die Tische und Stühle in den Klassenzimmern bleiben ohnehin zurück. Das Interimsquartier an der Oettingenstraße ist voll eingerichtet, und wenn es in vier Jahren zurückgeht ins frisch sanierte Stammhaus in Schwabing, wird dort nagelneues Mobiliar bereitstehen.

Der riesige Gebäudekomplex nahe der Münchner Freiheit, zu dem neben dem humanistischen Max- auch das neusprachliche Oskar-von-Miller-Gymnasium gehört, wurde zuletzt in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren saniert. Damals bei laufendem Schulbetrieb: Jeweils ein Trakt des Hauses wurde für die Bauarbeiter geräumt, in den verbleibenden Räumen rückten Lehrer und Schüler enger zusammen. Wer 1980 seine erste Lateinstunde an der Karl-Theodor-Straße hatte, lernte den anfangs noch mit Bauzäunen abgetrennten Haupttrakt des eigenen Gymnasiums erst Jahre später kennen. Und streifte dann staunend durch ein Schultreppenhaus, das zweifellos zu den schönsten Münchens gehört. Säulen, Büsten, Laternen, ein riesiges Wandbild und bunte Glasscheiben mit lateinischen und griechischen Aufschriften schmücken die Hallen, die 1912 fertiggestellt wurden.

Diesmal wird der Umbau deutlich aufwendiger. Aus dem einst zwei- bis dreizügigen Gymnasium, das in den Achtzigerjahren noch ernsthafte Nachwuchssorgen hatte, ist eine Schule mit drei- bis vier Klassen pro Jahrgang geworden - und selbst jetzt in der Sanierungsphase ist das Interesse an alten Sprachen groß: 101 Neuanmeldungen verzeichnet Orgeldinger für diesen Herbst. Mit enger zusammenrücken ist es da nicht mehr getan, die Kapazitäten des Schulbaus sind endlich. Und dann gibt es ja noch die vielen Verbesserungen, auf die sich der Schulleiter außerordentlich freut, die aber die Bauarbeiten erheblich aufwendiger machen.

Die neue unterirdische Turnhalle etwa, das aufgemotzte Dachgeschoss oder auch die neuen Fachlehrsäle. "Das ist eine ganze Nummer größer als damals", berichtet Orgeldinger. Da können die Schüler nicht im Haus bleiben. Im Kern bleibt das Schulhaus erhalten - mit seinen elegant geschwungenen Gängen, an denen sich die Klassenzimmer aufreihen. Aus der Maxhalle aber, der historischen Turnhalle, soll eine Mensa und Aula werden - je nachdem, was man gerade braucht. Bislang fanden unter dem holzverkleideten Tonnengewölbe neben dem Sportunterricht auch noch Schulfeste, Konzerte und große Veranstaltungen wie etwa die Verleihung der Abiturzeugnisse statt. Auf einem Boden, den man streng genommen nur mit Turnschuhen betreten darf. Nun zieht der Sportunterricht um, unter dem Asphalt des gemeinsamen Pausenhofs entstehen zwei neue Hallen: eine fürs "Max" und eine fürs "Oskar". Die aus neuerer Zeit stammende Doppelturnhalle mit Schwimmbad, die in einem separaten Ziegelbau an der Leopoldstraße untergebracht ist, muss nicht saniert werden und steht daher auch während der Auslagerungsphase zur Verfügung. Für Orgeldinger ist das ganz wichtig: So bleibt die Verbindung der Schüler zum Schwabinger Stammgelände erhalten. Denn der hohe Giebelbau, dessen Freitreppe von zwei steinernen Löwen flankiert wird, ist nun einmal das Markenzeichen des "Max".

Komplett neu gestaltet werden das Keller- und das Dachgeschoss. Die heute etwas düsteren und niedrigen Räume sollen großzügiger werden - dafür müssen die Böden der Kellerräume abgesenkt und die Decken der oberen Klassenzimmer angehoben werden. Die Fachräume für Physik, Biologie und Chemie bleiben im Nordtrakt an der Karl-Theodor-Straße, der mit einer Art Stelzenbau erweitert und mit dem Oskar-von-Miller-Gymnasium verbunden wird. Die Stelzen braucht es, damit die ebenerdige Zufahrt zum Pausenhof nicht blockiert wird. "Max" und "Oskar" verfügen über einen mächtigen steinernen Bogen als Hofeingang, gekrönt von einer kapitolinischen Wölfin. Der soll natürlich erhalten bleiben.

Drei Viertel sind geschafft

Es ist Artikel 3 des bayerischen Schulfinanzierungsgesetzes, der so einigen Schulleitern in München zu schaffen macht. Dieser Passus nämlich regelt, wer für den Sachaufwand an Schulen zuständig ist. Darunter sind alle Aufwendungen zu verstehen "für die Bereitstellung, Einrichtung, Ausstattung, Bewirtschaftung und Unterhaltung der Schulanlage und der Räume für Schulen für Kranke einschließlich der Sportstätten". Und für diesen Sachaufwand verantwortlich ist in kreisfreien Gemeinden wie München die Stadt.

Die Stadt also baut die Schulen und saniert sie auch, sie betreibt die Mehrzahl von ihnen aber nicht. Denn Grund- und Mittelschulen sind alle staatlich, genau wie der Großteil der öffentlichen Gymnasien (25 von 39). Lediglich bei den Realschulen (20 von 23) und bei den beruflichen Schulen unterhält die Stadt die meisten Schulen. Immer wieder war von staatlichen Schulleitern in der Vergangenheit daher der Verdacht geäußert worden, dass die Stadt ihre eigenen kommunalen Schulen bevorzugen würde.

Um mehr Transparenz zu schaffen, hat die Stadt in einer großen Studie sämtliche Schulstandorte Münchens untersucht, Bedarfe und Erweiterungspotenziale ermittelt und eine Rangliste aller nötigen Bauarbeiten erstellt. In den vergangenen Jahren konnten so drei Viertel der mit höchster Dringlichkeit eingestuften Bauprojekte in Angriff genommen werden, auch in mehreren staatlichen Schulen, wie die Stadt unlängst mitteilte. Das dritte und vierte Programm sind in Vorbereitung - erforderliche Machbarkeitsstudien und Untersuchungsaufträge seien bereits abgeschlossen. Bis 2030 soll der Großteil der Arbeiten fertig sein - bis dahin gibt es noch viel zu tun. mest

Derlei Accessoires eines "klassischen" Schulgebäudes fehlen in der Oettingenstraße. Das "Max" muss nun mit einem Zweckbau vorlieb nehmen. Wobei Orgeldinger sehr zufrieden ist, wie alles abgelaufen ist. Anders als das anfangs geplante Ausweichquartier in Freimann sei die Oettingenstraße ja quasi in der näheren Umgebung, und einen zusätzlichen Fachlehrsaal hat der Schulleiter auch noch herausschlagen können. Orgeldinger geht es aber ohnehin vor allem um den Geist der Schule, um das Wir-Gefühl, das es aufrechtzuerhalten gilt. Das ist vor allem für ein humanistisches Gymnasium wichtig, das sich immer wieder gegen das Klischee vom elitär-antiquierten Schulmodell wehren muss. "Das Max ist keine museale Veranstaltung, die die Klassik feiert", beteuert der Schulleiter und verweist auf das umfangreiche Musik-, Theater- und Sprachenangebot seines Hauses. Das nun in den Pavillons der Oettingenstraße fortgeführt werden soll.

Ein bisschen Wehmut befällt Orgeldinger schon, wenn er in diesen Ferientagen durch die verwaisten Räume seines Schulhauses streift. Aber nur ein bisschen. "Es wäre anders, wenn wir nicht mehr zurückkämen", sagt er. So aber freut er sich schon auf die Rückkehr in vier Jahren. Wenn alles neu und modern ist.