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Orkantief "Niklas":München nach dem Sturm

Sturmtief "Niklas" über München, 2015

Der Tag danach: Orkantief "Niklas" hat in München Spuren hinterlassen.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Mehr Einsätze als je zuvor meldet die Polizei, die Feuerwehr rückte rund 2000 Mal aus. Am Tag nach "Niklas" beginnt nun das große Aufräumen.
  • Verletzt wurden in München drei Menschen, ein Arbeiter stürzte vom Gerüst, ein Mann wurde im Auto von einem Baum getroffen und eine Polizistin von herabfallenden Ziegelbrocken.
  • Wälder und Parks sollte man auch in den nächsten Tagen besser meiden.

Der Spielplatz am Rand des Englischen Gartens ist mit Ästen übersät. Ein mächtiger Baum liegt entwurzelt auf dem zerquetschten Eisenzaun, das Eingangstürchen zum Spielplatz ist mit rot-weißem Flatterband versperrt. Die Gefahr, dass Kinder von herabfallenden Ästen getroffen werden könnten, ist auch am Tag nach dem Orkan Niklas groß. Bau- und Kommunalreferat warnen deshalb dringend davor, in den kommenden Tagen im Wald und in Parks spazieren zu gehen. Im Englischen Garten sind am Mittwoch trotzdem viele Münchner unterwegs. Ein Pärchen schlendert an der alten Weide vorbei, die der Sturm gespalten hat. Neben einem riesigen Haufen gesplitterten Holzes fotografiert ein älterer Herr den Schaden, den der Sturm hinterlassen hat.

Wie hoch der ausfällt, das lässt sich am Tag eins danach nicht sagen. Versicherungen, Behörden, Bahn - überall heißt es, man müsse sich erst einen Überblick verschaffen. Auch Polizei und Rettungskräfte können nur eine erste Bilanz ziehen - keine endgültige. Verletzt wurden in München drei Menschen, ein Arbeiter stürzte vom Gerüst, ein Mann wurde im Auto von einem Baum getroffen und eine Polizistin von herabfallenden Ziegelbrocken. Mehr Einsätze als je zuvor meldet die Polizei wegen des Sturms, die Feuerwehr rückte rund 2000 Mal aus.

Für größere Bestandsaufnahmen bleibt keine Zeit, dafür gibt es auch am Mittwoch noch zu viele Einsätze in der gesamten Stadt. Etwa in der Arnulfstraße, die zwischen Donnersberger- und Hackerbrücke stadteinwärts frühestens an diesem Donnerstag wieder freigegeben werden kann. Vom Sturm gelockerte Dachziegel waren auf die Straße gefallen, weitere drohten nachzurutschen.

Feuerwehr im Dauereinsatz

Wie schon am Vortag erhöht die Feuerwehr die Einsatzstärke auf rund 800 Frauen und Männer und aktiviert zusätzlich 82 Einsatzfahrzeuge. Immer wieder sind Sirenen in der Stadt zu hören, am Mittwochmorgen muss die Feuerwehr einen Baum mit einem Spezialkran von einem Hausdach an der Hamannstraße hieven, am Mittag sperren Feuerwehrleute kurzfristig ein Eckhaus an der Rumfordstraße ab. Der Blitzableiter droht herunterzufallen. Neben dem Flatterband sitzen seelenruhig zwei Frauen vor einer Trattoria und trinken Cappuccino.

Auch im Tierpark Hellabrunn, der am Dienstag aus Sicherheitsgründen gesperrt war, laufen noch die Aufräumarbeiten. "Der alte Baumbestand hat den massiven Orkanböen nicht überall standhalten können", sagt Zoodirektor Rasem Baban. Mehrere große Bäume stürzten auf die Wege. "Die Vorsichtsmaßnahme, den Tierpark nicht zu öffnen, hat sich als Weitsicht erwiesen", so Baban. Am Mittwoch ist Hellabrunn wieder geöffnet, allerdings können noch nicht alle Wege wieder benutzt werden, teilt der Tierpark mit.

Schäden im Olympiastadion und am Viktualienmarkt

Im Olympiastadion hat der Sturm zwei Foto-Stelen der Freiluftausstellung "München '72" aus ihren Verankerungen gerissen. Die restlichen 20 der etwa zwei Meter hohen Stelen werden daraufhin vorsorglich abmontiert. Am Viktualienmarkt zerstörte der Sturm zwei große Schirme auf dem Obstfreimarkt und einen weiteren auf dem Marktgelände. Eine vom Sturm betroffene Gärtnerin kommt am Mittwoch im Stand eines Gemüsehändlers unter. Auf 4000 Euro schätzt sie den Schaden an ihrem Standl.

Das Pech der einen ist das Geschäft der anderen. "Bei uns ist es momentan etwas hektisch", sagt Gärtner Frank Dietl. Zwölf seiner Mitarbeiter beseitigen am Mittwoch Sturmschäden in der ganzen Stadt. Eine Kolonne hat er dafür eingeteilt, Schulhöfe und Kindergärten zu sichern. Der Chef muss derweil einen Auftrag am Donnerstag vorbereiten: Ein Baum ist so umgestürzt, dass er über ein 13 Meter hohes Haus gehoben werden muss.

Dafür braucht Dietl mindestens einen 70-Tonnen-Kran und die Genehmigung, eine Seitenstraße zu sperren. Etwa 7000 bis 10 000 Euro koste es, den Baum per Kran wegzuräumen, schätzt Dietl. Wäre Niklas nicht über München gefegt, würden seine Mitarbeiter heute Blumen pflanzen, gerade ist Pflanzzeit. "Wegen der Sturmschäden verschieben sich alle anderen Aufträge um mindestens eine Woche", sagt Dietl.

Wer vom Sturm profitiert

Auch manche Handwerker werden in den Osterferien nicht allzu viel frei haben. "Das Telefon klingelt bei uns den ganzen Tag", sagt Filiz Kiziltas vom Dachdecker-Unternehmen a+b Pertler am Telefon. "Wir sind sicherlich für die kommenden zwei Wochen ausgelastet." 30 Mitarbeiter des Unternehmens sind unterwegs, um abgedeckte Ziegeldächer und abgebogene Bleche zu reparieren. Mehr sagen will Filiz Kiziltas nicht, denn die Leitung soll schnell wieder frei sein für neue Kunden.

Profitiert haben von dem Sturm auch die Hoteliers am Hauptbahnhof, wo nach der Sperrung viele Reisende festsaßen. Wer am Dienstagabend spontan ein Hotelzimmer suchte, musste mancherorts Schlange stehen - etwa vor dem Inter City Hotel in der Bayerstraße: Ungefähr 80 Leute drängten sich abends vor dem Hotels. Etwa die Hälfte davon habe noch ein Zimmer bekommen, sagt Direktor Thorsten Scheer. Auch ein paar Hausnummern weiter, im Europäischen Hof, standen Zimmersuchende vor der Tür, bis das Haus komplett ausgebucht war. Im Munich Inn und dem Arthotel profitierten gestrandete Reisende davon, dass andere mit der Bahn gar nicht in München ankamen und gebuchte Zimmer stornieren mussten.

23 Kindern und ihren zwei Betreuern aus der Kita "Spatzennest" in Augsburg gewährte die Polizeiinspektion im Hauptbahnhof Asyl. Sie waren am Nachmittag nach einem Ausflug dort gestrandet. Die Züge fuhren nicht mehr, die Kinder kauerten auf dem kalten Boden des Starnberger Flügelbahnhofs - ins Freie konnten sie bei Sturm und Starkregen auch nicht. Die Polizeibeamten öffneten ihren frisch geputzten Asylraum und gewährten den Kindern Unterschlupf, bis sie von Eltern in Fahrgemeinschaften abgeholt wurden.

© SZ vom 02.04.2015/mmo
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