bedeckt München 17°

Null Acht Neun:Stimmung fürs Stadion

Vieles kann man sich nach einem Jahr Pandemie schon gar nicht mehr vorstellen. Doch die EM beflügelt die Fantasie von Politikern und Funktionären

Kolumne von Anna Hoben

Bei vielen hat in der Pandemie die Fantasie gelitten. Was können wir uns alles nicht mehr vorstellen: morgens zur U-Bahn hetzen. Bei einem Konzert verschwitzt in einer Menschenmasse stehen. Überhaupt: Menschenmassen. Andere wiederum können sich nicht vorstellen, was das mit diesem exponentiellen Wachstum bedeuten soll. Da ist es umso schöner, wie gerade der Fußball, der ja genauso weltverbindend ist wie eine Pandemie, bei manchen die Vorstellungskraft ankurbelt. Er könne sich bei der Europameisterschaft im Juni 10 000 Zuschauer im Münchner Stadion vorstellen, sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in dieser Woche der Zeitschrift Kicker. Man könnte ja jeden siebten Platz besetzen. Das wäre "stimmungsmäßig ein großer Gewinn gegenüber einem völlig leeren Stadion".

Theaterintendanten, Konzertveranstalter und Kinobetreiber fänden wahrscheinlich auch, dass es stimmungsmäßig ein großer Gewinn wäre, wenn ihre Schauspieler und Musiker vor Zuschauern spielen dürften, wenn Filme vor Publikum gezeigt werden dürften. Aber genug abgeschweift. Wer mag, findet verschiedene Gründe für Herrmanns Rechnereien: Es ist auf Dauer langweilig, jeden Tag dasselbe Zahlenspiel zu spielen - jenes, das mit Inzi anfängt und mit Denz aufhört. Außerdem ist es fies, wenn es immer nur bei den bundesweiten täglichen Neuinfektionen in die Zehntausenden geht. Da stellt man solche Zahlen lieber in einen positiven Zusammenhang. Das bringt auch stimmungsmäßig in der dritten Welle einen großen Gewinn!

Und schließlich kann nicht jeder Politiker den Druck von den Fußballverbänden Uefa und DFB so stoisch hinnehmen wie der Oberbürgermeister bisher. Dieter Reiter könnte sich vermutlich auch allerhand vorstellen, wiederholt aber gerne, dass die Umsetzung dieser Vorstellungen vom weiteren Verlauf der Pandemie abhänge. Während das Land über Impfquoten spricht, während das Pflaster auf dem Oberarm zum Statussymbol geworden ist wie der Lamborghini bei den Spitzenfußballern, will DFB-Chef Fritz Keller eine garantierte Zuschauerquote. 20 Prozent der Kapazität müssten es schon sein, "wenn die Pandemielage es erlaubt". An dieser Stelle kann man einen Blick in die USA werfen: Dort waren ein Drittel der Zuschauer beim Superbowl geimpfte Mitarbeiter von medizinischen Einrichtungen, die die Tickets als Dank für ihren Einsatz kostenlos erhielten. Das ist mal eine Idee mit Vorstellungskraft.

© SZ vom 17.04.2021
Zur SZ-Startseite