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Neuanfang:Auffangen

In Bayern lebten 2013 etwa 850 000 Witwen und Witwer - eine große Zielguppe für Gerlinde Meier und ihr Projekt Sprungtuch.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nach Scheidung, Trennung oder Tod eines nahen Angehörigen fühlen sich viele plötzlich alleine. Für diese Menschen initiierte Gerlinde Meier die Internetseite "Sprungtuch" - mit Tipps für jede Lebenssituation

Gerlinde Meiers Mann hatte Krebs, aber er glaubte nicht, dass er sterben würde. Sechs Wochen vor seinem Tod fuhren sie in den Golf-Urlaub. "Er war ein Weltmeister im Verdrängen", sagt sie. Dann starb Gerhard Meier. Er hatte sich nicht darum gekümmert, was nach seinem Tod sein würde. Es gab kein Testament. Nichts. Seine Frau hatte nicht bloß einen großen Schmerz zu bewältigen - sie hatte auch noch Dinge zu erledigen, von denen sie keine Ahnung hatte: Erbschaftssachen, Banksachen, Versicherungssachen. "Ich habe mich eineinhalb Jahre durchgewurstelt", sagt Gerlinde Meier, "und am Ende dachte ich: Was hat mich das Kraft gekostet."

Sie beschloss, Menschen zu helfen, die ähnliche Probleme haben. Es vergingen noch einmal eineinhalb Jahre, in denen sich Gerlinde Meier auf diese Hilfe vorbereitet hat. Jetzt kann man die Webseite "Sprungtuch - Wir fangen Sie auf!" anklicken. Dort findet man die Kontaktdaten von Psychologen, Anwälten, Immobilienmaklern, Umzugsfirmen oder Trauerrednern. Gerlinde Meier nennt sie Kooperationspartner. "Meines Wissens gibt es deutschlandweit keine Stelle, die trauernde Menschen so umfassend berät", sagt sie. "Kirchen und Wohlfahrtsverbände decken einen Teil davon ab, aber nirgends bekommt man die Hilfe gebündelt." Dabei geht es nicht nur um Todesfälle, sondern auch um Trennungen oder Scheidungen.

Gerlinde Meier hat eine Werbeagentur mitten in der Altstadt, am Altheimer Eck. Hohe Räume, Parkettboden, viel Licht, Behaglichkeit. Meier, eine schlanke, dunkelhaarige Frau um die Sechzig, raucht erst mal eine Zigarette, bevor sie von ihrem Mann erzählt. Gerhard Meier ist 43, als er Darmkrebs bekommt. "Danach ging es sechs Jahre rauf und runter", sagt sie. Er gilt schon als geheilt, als die Ärzte wieder Metastasen finden. In der Lunge. In der Leber. "Es war ein aggressiver Krebs, er ist im Körper explodiert", sagt Gerlinde Meier. Ihr Mann hat keine Chance. Aber er will es nicht glauben.

Die beiden Kinder, damals Mitte 20, sind in dieser Zeit beim Studium in Sydney. "Mein Mann hat mit ihnen geskypt", erzählt Gerlinde Meier, "und zuvor hat er mich immer gefragt: Sehe ich gut aus? Die Kinder sollen sich keine Sorgen machen." Als es zu Ende geht, kommen sie nach München.

Gerlinde Meier wacht in der Palliativstation bei ihrem Mann. Eines Nachts, gegen zwei Uhr, kommt der Arzt zu ihr und sagt: "Wenn Sie weiterhin bei ihm im Bett liegen, wird er nicht gehen." Gerlinde Meier verlässt das Bett, um vier Uhr stirbt ihr Mann.

Die Kinder ziehen aus Sydney nach München, um der Mutter beizustehen. Es ist emotional eine brutale Zeit, das muss man eigentlich gar nicht erwähnen. Und dann kommt auch noch das Bürokratische dazu. Gerlinde Meier verdreht die Augen, als sie daran denkt. Man merkt: Das war damals gar nicht ihr Ding. Sie sei immer "die Kreative" gewesen, sagt sie; ihr Mann habe sich um den Papierkram gekümmert. "Die Trauerfeier - das kriegst du noch gebacken", sagt sie weiter. "Aber es ging schon damit los, den Trauerredner zu finden - wir sind ja nicht in der Kirche."

Und dann erst die Versicherungen, die Vereinbarungen mit den Banken, die Verträge, wo es ums Abbezahlen des Hauses ging, die Handwerker-Rechnungen. "Es gab keine Ordner", sagt Gerlinde Meier, "mein Mann hatte alles eingescannt, und wir standen dann da und konnten in den Scheiß-Rechner nicht rein."

Gerlinde Meier scheut sich nicht, Scheiß-Rechner zu sagen. Sie wirkt wie eine Frau, die kein Drumherum-Gerede mag, sondern die klare Sprache liebt. Zupackend, ja, diese Zuschreibung fällt einem ein. Offen. Stark. Zwischendurch geht sie noch einmal raus und raucht eine Zigarette. Lebensfroh. Das war sie sicher auch einmal. "Aber es gab nach dem Tod meines Mannes eine Zeit, da hat mich Jean-Pierre nicht wiederkannt - da habe ich den Alltag kaum hingekriegt", sagt sie. Jean-Pierre ist Jean-Pierre Bourbon, mit dem sie seit 22 Jahren die Werbeagentur führt. Bourbon sitzt dabei. Er hilft ihr jetzt bei der Homepage "Sprungtuch".

Gerlinde Meier geht nach dem Tod ihres Mannes zu einem Erbanwalt - und wird dort schlecht beraten. Sie haben Glück, dass der Notar das Geburtsdatum der Kinder falsch eingetragen hat und ein Vertrag, der ihnen Nachteile gebracht hätte, deshalb nicht gültig ist. Und was ist eine "große Witwenrente"? Bekommen die Kinder eine Halbwaisenrente? "Kein Mensch sagt dir so etwas", sagt Gerlinde Meier. Und wenn man es dann weiß: Dann muss man Formulare ausfüllen. "Formulare, Formulare, Formulare", sagt sie, so wie Helmut Markwort vom Focus einmal "Fakten, Fakten, Fakten" gesagt hat.

Sie verkauft das Haus in Harlaching. Sie braucht einen Immobilienmakler. Sie mietet eine Wohnung in Haidhausen. Sie braucht eine Umzugsfirma und Handwerker. Es bleibt noch Geld übrig. Sie braucht jemanden, der ihr sagt, wie sie es am besten anlegen kann. Sie kommt in eine neue Steuerklasse und muss mit dem Finanzamt dies und das regeln. Sie braucht einen Steuerberater. "Das kann man dann überall suchen - aber man hat nichts gebündelt", sagt sie. Man braucht also eine Stelle, wo man alle findet, Psychologen, Anwälte, Handwerker, Steuerberater. Und deshalb hat sie "Sprungtuch" gegründet. "Wir wollen den Leuten einen Leitfaden geben, damit sie nicht vor einem riesigen Berg stehen", sagt Gerlinde Meier.

Bei "Sprungtuch" werden nicht 469 Psychotherapeuten angeboten, wie es laut Meier bei den Gelben Seiten der Fall ist, sondern nur fünf pro Stadt. "Fünf sind genug Auswahl", sagt sie, "wichtig ist, dass die Qualität stimmt." Einmal war sie bei einem Psychotherapeuten, der habe "ständig auf die Uhr geschaut und war unsympathisch", erzählt sie; "so einen" könne man nicht in die Webseite aufnehmen. "Wir haben auch darauf geachtet, dass die Psychologen eine entsprechende Ausbildung zur Trauerbewältigung haben", sagt Gerlinde Meier, "wir nehmen da nicht einfach einen Therapeuten, der sagt: Trauerbewältigung mache ich auch mit." Manche potenzielle Partner habe sie selbst aufgesucht; manche habe sie auf Empfehlung genommen; manche fand sie gut, weil sie sehr viele positive Blog-Einträge zu ihnen gelesen hatte. "Das heißt aber natürlich nicht, dass unsere Anwälte jeden Prozess gewinnen", sagt sie.

Jean-Pierre Bourbon hat den Laptop angeschaltet, der auf dem Tisch steht. Bourbon, ein unaufgeregter, präziser Mann, und Gerlinde Meier präsentieren ihr Projekt am Bildschirm, und sie zeigen erst mal Zahlen: In Bayern lebten 2013 etwa 850 000 Witwen und Witwer. Und es würden in Oberbayern pro Jahr etwa 8500 Ehen geschieden, also kämen 17 000 Menschen dazu, die alleine klar kommen müssten. "Das ist insgesamt eine sehr große Zielgruppe", sagt Gerlinde Meier.

Wer bei Sprungtuch Hilfe sucht, muss nur seine E-Mail-Adresse eingeben - für den Fall, dass Meier und Bourbon mit den Betroffenen in Kontakt treten wollen; und die Postleitzahl, damit der Filter Kooperationspartner in der Nähe der Hilfesuchenden findet. Momentan ist Sprungtuch auf München plus 100 Kilometer im Umkreis beschränkt, bis zum Ende des Jahres sollen die Experten oberbayernweit angeboten werden.

Geplant ist auch, dass man Gerlinde Meier persönlich kontaktieren kann, und geplant ist, dass es einen Chatroom geben wird, damit Leute, die trauern, mit anderen Leuten, die trauern, in Verbindung treten können. "Wir haben unsere Visionen, aber anfangs wollen wir uns nicht verzetteln", sagt Gerlinde Meier. "Zunächst gibt es die Basics, die Kontakte zu den Experten, dann bauen wir das aus."

Die Präsentation ist beendet. Gerlinde Meier blickt vom Laptop auf den Gesprächspartner. "Mir ist wichtig, dass die Homepage für Betroffene kostenfrei ist", sagt sie. "Sprungtuch finanziert sich über die Kooperationspartner, aber das ist nicht sehr viel - mit den ersten Klienten, die Psychologen oder Anwälte über die Homepage bekommen, haben sie das Geld wieder herinnen."

Gerlinde Meier sagt heute, dass sie auf der Palliativstation im Krankenhaus Harlaching "sehr viel Zeit zum Abschied nehmen" hatte; und dass alles für ihren Mann getan worden sei, "um in Würde und ohne Schmerzen zu sterben". Sie habe seit dieser Erfahrung keine Angst mehr vor dem Tod.

Und was das Bürokratische angeht: Sie hat alles geregelt für den Fall, dass sie stirbt. "Sollte es so weit sein, brauchen meine Kinder nur an den roten Ordner zu gehen - sie wissen, wo er liegt", sagt sie. "Und dort finden sie alles: Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, Testament, Versicherungen, Stammbuch und Geldanlagen bis hin, wie ich mir meine Beerdigung vorstelle." Das sei ein gutes Gefühl.

Weitere Informationen auf der Homepage www.sprungtuch.info