bedeckt München 18°

Nähkurse:An der Nadel

Claire Massieu bringt Hobbyschneiderinnen in ihrem Atelier den Umgang mit der Nähmaschine bei. Die Nachfrage nach solchen Workshops in München ist groß - allein die Volkshochschule hat die Zahl ihrer Kurse verdoppelt

Stich um Stich rattert die Nadel durch den Stoff, gleitet rhythmisch durch die Hügel aus geblümter Baumwolle, die Kerstin Müller ihr hinschiebt. Die junge Frau mit der Brille hat es nicht eilig an dieser komplizierten Stelle. Soll die Dirndlschürze später schön fallen, müssen die Falten möglichst dicht und akkurat an den Bund genäht werden. "Puh", sagt Müller. Nach den ersten Zentimetern atmet sie einmal durch, vielleicht lässt sich der Respekt vor dem Gerät ja abschütteln. Dann zuckelt die Nähmaschine weiter.

Über kurz oder lang, so hatte Claire Massieu eingangs erklärt, nähten die meisten am liebsten mit Höchstgeschwindigkeit. Die Frauen, die sich im Nähatelier "Louloute" an der Gollierstraße zum Workshop eingefunden haben, recken die Hälse, wollen nichts von dem verpassen, was Kursleiterin Massieu ihnen an der Maschine vormacht. Die 31 Jahre alte Modedesignerin dreht an diesem und jenem Knopf, lässt das Füßchen auf und nieder schnellen, demonstriert die Funktion von Ober- und Unterfaden, wie man unfallfrei um die Ecke näht und dass Rüschen mit einer Stichlänge von fünf Millimetern besonders schön geraten. "In fünf Stunden habt ihr eine Schürze", sagt Massieu. Dann gibt es kein Pardon mehr, die Frauen müssen selber ran. "Gaspedal", ruft eine übermütig und wickelt das Kabel ab.

Gemeinsam mit Monika Peter hat die gebürtige Französin Massieu im Sommer 2013 Louloute eröffnet, Nähatelier und Laden in einem. Die Freundinnen sahen eine Nische für ein Kursangebot, bei dem zugleich die Utensilien bereitgestellt werden. "Gerade Anfängerinnen wissen oft nicht, was man braucht", sagt Peter, die für die Organisation zuständig ist. Die Workshops richten sich an Ungeübte und Fortgeschrittene. Man kann aber auch einfach nur einen Nähplatz mieten.

Auch andernorts in der Stadt haben Nähschulen eröffnet: Seit Mai 2014 gibt es zum Beispiel "Näh dir was" an der Georgenstraße, seit Juli 2014 die Nähwerkstatt "Nähhausen" an der Pappenheimstraße. Und "Roly Poly", gegründet als Kinderlabel, bietet an der Klenzestraße neben Stoffen inzwischen zu neun Terminen in der Woche Nähkurse. Ein Ende der Nachfrage? Nicht in Sicht. Das bestätigt auch die Münchner Volkshochschule, die im aktuellen Programm mit 150 Nähkursen beinahe doppelt so viele anbietet wie noch drei Jahre zuvor. Beim Verlag Gräfe und Unzer ist im Herbst 2014 eine eigene Reihe mit Kreativratgebern erschienen. Der Münchner Moser Verlag gibt seit 2009 das aufwendig gestaltete Magazin "Cut - Leute machen Kleider" heraus, das dem Leser zwei Mal pro Jahr Interviews mit Designern, Schnittmusterbögen und Anleitungen zu Dingen bietet, die man sonst noch selber machen kann.

Die Lust am Selbermachen ist ungebrochen. Dass Stricken, Häkeln und eben auch Nähen seit Jahren eine Renaissance erleben, verknappt die Lifestyle-Branche mit dem englischen Begriff "DIY" - "Do it Yourself". Und die Faszination am Handarbeiten, so heißt es gerne, resultiert in Zeiten von Internet und Globalisierung aus dem Wunsch nach Weltflucht, die diese unaufgeregten Tätigkeiten bieten. Einmal an nichts anderes denken müssen, als an den nächsten Stich. Darin besteht auch für die Näherinnen bei Louloute ein besonderer Reiz. Geredet wird nicht viel, in manchen Augenblicken ist es so still, dass man die Stecknadeln auf die Tischplatte fallen hört.

Sarah Jäger nimmt am Kurs teil, weil sie Lust auf Kreativität hatte und etwas tragen will, was sie selbst gemacht hat. Eine Teilnehmerin will einfach nur ausprobieren, ob ihr das Nähen überhaupt liegt. Die 24 Jahre alte Kerstin Müller hat schon ein wenig Erfahrung. "Das ist ein Hobby, bei dem man ein Ergebnis hat, und das ist schön", sagt sie . Neben ihr sitzt Verena Bauer und nickt. Sie studiert BWL und hat bereits "im Selbstversuch" ausprobiert, eine Schürze zu nähen. "Aber nie vollendet." Nun wolle sie sich anleiten lassen. Dann wendet sie sich wieder ihrem Stoff zu, auf den Millimeter genau legt sie das Geodreieck an der Webkante an, greift zur Nähkreide und zieht einen langen, blassen Strich - so wie Massieu es gezeigt hat.

In kleinen Schritten führt die Kursleiterin die Frauen an die Schneiderkunst heran. Massieu befreit eingeklemmten Stoff und entwirrt verhedderte Fäden. Und als sich Sarah Jäger vorschnell ans Zuschneiden machen will, springt sie herbei und dreht den Stoff so, dass die Köpfe der Vögel darauf nach oben zeigen. Jeder Arbeitsschritt erfordert Präzision, und jeder ist wichtig. "Alles, was man vorher richtig gemacht hat, taucht beim Nähen nicht als Problem auf", sagt Massieu. Welche Tugenden sonst noch zählen beim Nähen? Geduld und Gelassenheit. Fehler passierten nun einmal. Und es gebe beim Nähen immer noch zig Möglichkeiten, etwas zu korrigieren, ohne alles auftrennen zu müssen, sagt sie. Verena Bauer ist bereits recht zufrieden mit ihrem Werk. Den Bund hat sie schon angenäht. So langsam erinnert das textile Gebilde an eine Schürze. "Krass!", sagt sie und hält es hoch. Zu dem Eifer in ihrem Gesicht gesellt sich noch eine Gefühlsregung. Es ist Stolz.

© SZ vom 30.10.2015
Zur SZ-Startseite