Münchner Wissenschaftstage Den Sinn im Wust der Daten suchen

Der Soziologe Andreas Boes über die Herausforderungen, die aus der Digitalisierung erwachsen

Interview von Sabine Buchwald

Andreas Boes, 59, ist einer der hochkarätigen Referenten der Münchner Wissenschaftstage. Der Soziologe arbeitet am Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF). Er ist außerplanmäßiger Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt und Direktoriumsmitglied des im Sommer gegründeten Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (BIDT). Am Dienstag, 10.45 Uhr, spricht er über neue Berufsfelder, die durch die Digitalisierung entstehen und fragt: "Wer sind die Gewinner?"

SZ: Wer sind denn die Gewinner der Digitalisierung? Wer die Verlierer?

Andreas Boes: Die gängige Antwort, wer die Technik beherrscht gewinnt und wer sich ihr verschließt, bleibt auf der Strecke, ist mir zu einfach. Es wird vielmehr viele Gewinnerwege geben. Von denen haben erst einmal viele gar nicht so viel mit Technik im engeren Sinne zu tun. Ein erfolgreicher Berufsweg muss also nicht zwingend in eine Ausbildung zum Computerspezialisten münden, sondern kann auch zu einer komplementären Entwicklung führen. Zum Beispiel wird das Bedürfnis nach Körperlichkeit immer größer: Man geht abends ins Fitnessstudio oder zur Massage, macht Yoga. Damit eröffnen sich andere Möglichkeiten.

Andreas Boes arbeitet seit dem Jahr 2000 in München am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung. Seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 2006 trägt den Titel "Informatisierung und gesellschaftlicher Wandel".

(Foto: Ingo Cordes/oh)

Wenn ich kein Interesse an digitaler Technik habe, verliere ich meinen Job und werde Yoga-Lehrer?

Nein. Idealerweise machen Sie einen super spannenden Job und abends helfen Sie Menschen, Yoga zu machen. Die Frage ist: Was ist Digitalisierung? Heißt das, Maschinen nehmen uns die Arbeit weg? Das ist altes Denken. Im Grunde begreift man dann die Digitalisierung im Denkmuster der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, als Maschinen Textilarbeiter ersetzten. So entsteht die Angst, überflüssig zu werden.

Was macht die Digitalisierung denn aktuell aus?

Die aktuelle Digitalisierung hat mit den Maschinen des 19. Jahrhunderts nichts zu tun. Digitalisierung, das heißt heute vor allem, dass mit dem Internet ein globaler Informationsraum entstanden ist, über den Milliarden Menschen zueinander in Beziehung treten können. Dieser Informationsraum hilft uns, Informationen aus allen Lebensbereichen zu vernetzen. Es geht also primär gar nicht um Technik, sondern um Kommunikation, um Miteinander, um Ausprobieren, um neue Ideen.

Die Wissenschaftstage – zum letzten Mal

Vier Veranstaltungstage, mehr als 20 Informationsstände, 28 Fachvorträge, vier Themenabende, dazu Werkstätten und Workshops für Kinder, so lässt sich das Programm der Münchner Wissenschaftstage in Kürze zusammenfassen. Die Langfassung des Programms von Samstag, 10., bis Dienstag, 13. November, ist sehr viel umfangreicher und lässt sich auf www.muenchner-wissenschaftstage.de nachlesen. Dort steht aber nicht, dass dies die letzten Wissenschaftstage ihrer Art auf der Theresienhöhe sein werden: Die Veranstalter, Frank Holl und Steffi Bucher, geben nach 18 Jahren auf. "Es ist bedauerlich", sagt Holl, aber die Finanzierung sei Jahr um Jahr schwieriger geworden. Obwohl die Veranstaltung von Ministerien, Stadt, Universitäten und vielen privaten Sponsoren unterstützt wird, fehlen die nötigen Mittel, um so weitermachen zu können wie bisher. "Es haben sich trotz intensiver Suche keine neuen Großsponsoren finden lassen, die eine Fortsetzung ohne finanzielles Risiko für uns privat möglich machen", sagt Holl. Er wünsche sich, dass sich andere Organisatoren finden, die "das Ganze neu durchdenken" und wieder auf die Beine stellen. Zuletzt zogen die Wissenschaftstage 30 000 Besucher an.

Von "neuen Triebkräften" und "erweiterten Realitäten" handeln die ersten Referate am Samstag von 10 Uhr an. Der erste Themenabend mit anschließender Diskussion widmet sich der Frage, wie Roboter die Arbeitswelt verändern. Am Sonntag geht es vornehmlich um Gesundheitsthemen und psychische Beanspruchung. Möglichkeiten für Fabriken in einer digitalisierten Zukunft, Chancen für Migranten und Genderfragen sind weitere Themen, bis am Dienstag die Wissenschaftstage mit einem Vortrag und einem Podiumsgespräch über Ethik in der Arbeitswelt enden (Beginn 19 Uhr). Die Organisatoren betonen: Alle Veranstaltungen seien für Laien verständlich. Und kostenlos zugänglich sind sie obendrein. bub

Damit ändert sich unsere Arbeitsweise.

Wir werden immer vernetzter arbeiten und digital in Beziehung zu anderen Menschen treten. Dazu braucht der Einzelne ein viel höheres Maß an Empowerment, also die Bereitschaft und die Rahmenbedingungen, um Eigenverantwortung zu übernehmen. Die Unternehmen brauchen offene, kommunikative, empathische Menschen, die in der Lage sind, Wissen zu teilen. In den Schulen, wo es so sehr um Noten geht, wird das kaum gelehrt. Erfolgreiche Unternehmen tun wahnsinnig viel dafür, das Versagen des Bildungssystems in puncto Kreativität, Teamarbeit oder Neudenkenlernen auszugleichen.

Worauf kommt es dann in Zukunft an?

Die Kunst bei der Digitalisierung ist nicht, die Technik zu bedienen, sondern aus Daten Informationen zu machen. Denn Maschinen verarbeiten nur die Daten. Auch wenn wir neuerdings so gerne von Künstlicher Intelligenz sprechen: Maschinen verstehen nichts von Informationen. Der Unterschied zwischen Daten und Informationen ist der Sinn, und den begreifen Maschinen nicht. Im Wust der Daten müssen wir Informationen erzeugen und immer wieder neu entscheiden, ob irgendwelche Daten nützlichen Informationsgehalt haben. Das geht nur im aktiven Austausch mit anderen Menschen. Das ist eine große Herausforderung. Da sind auch die Medien gefordert, Aufklärung zu schaffen. Eine gute Zeitung soll mir Informationen nahe bringen, von denen ich noch nicht mal wusste, dass ich sie interessant finde.

Wie bilden wir die Menschen dafür aus?

Wichtige Bildungsziele der Zukunft wären beispielsweise Werte, Überzeugung, unabhängiges Denken, Teamwork und Mitgefühl. Statt einer immer weitergehenden Spezialisierung brauchen wir den Rückbezug zum Humboldtschen Bildungsideal inklusive Sport und Körperlichkeit.

Und wenn wir das nicht hinkriegen?

Dann geht das alles in Richtung Verdummung und wir haben keinen Zugewinn an Klugheit und Wohlfahrt für die Gesellschaft.