"Münchner Seiten" Stadt der Spione

Agenten, Mörder und Revolutionäre - der Soziologe Rudolf Stumberger erzählt in seinem Stadtführer von einem München jenseits touristischer Klischees und den üblichen Schwärmereien. Es ist ein politisches Buch geworden

Von Jakob Wetzel

An diesen Orten in München sucht man Touristen wohl vergebens. An der Leopoldstraße Ecke Martiusstraße zum Beispiel, wo zwei Polizisten in der Nacht auf den 22. Juni 1962 fünf junge Gitarristen am Klampfen hindern wollten und dabei die nächtelangen "Schwabinger Krawalle" lostraten. Die Unruhen gelten heute als eines der aufsehenerregendsten Ereignisse im Aufbegehren der Jugend in der jungen Bundesrepublik. Doch an der Kreuzung erinnert an sie nichts.

An der alten Oberpostdirektion an der Arnulfstraße 60 ist es nicht anders. Hier, in Sichtweite der Hackerbrücke, hatten die USA bis 1968 eine der größten Zensurstellen in Deutschland eingerichtet, sie durchsuchten Millionen Briefe nach Propaganda. Das vom Grundgesetz geschützte Briefgeheimnis interessierte sie nicht, Grundlage war Besatzungsrecht. Der Ort könnte heute beispielhaft stehen für die Stadt im Propagandakampf des Kalten Kriegs. Aber auch hier ist diese Vergangenheit nicht mehr präsent; das Gebäude ist kürzlich renoviert worden, nennt sich heute "Art Déco Palais" und beherbergt Büros.

Der Soziologe Rudolf Stumberger hat Orte wie diese gesammelt und in einem Stadtführer beschrieben, der im Grunde mehr ein Geschichtsbuch ist. Er zeigt ein anderes München als jenes, das gemeinhin von Touristen frequentiert wird. Er wolle die Stadt kritisch beschreiben, schreibt er, also von unten - ohne die Klischeebilder der Tourismusindustrie, ohne monarchieduselige Elogen auf die bayerischen Könige, ohne Schwärmereien von der Lebenswelt der Schönen und Reichen. "München ohne Lederhosen" heißt das schmale Buch; es beschäftigt sich mit der Zeit von der Novemberrevolution 1918 bis zu den Sechzigerjahren. Ein zweiter Teil soll später von dort bis in die Gegenwart führen.

Es ist ein politisches Buch, schon weil Geschichte immer politisch ist: Sie besteht nicht einfach aus dem, was geschehen ist, sondern aus dem, was erinnert wird. Manches gerät aus dem Blick, ob bewusst oder unbewusst. Stumberger aber steuert gegen. Zwar ist nicht alles, was er nennt, vergessen. Auf vielen Seiten erzählt er etwa von der Räterevolution, vom Aufstieg der Nazis und von Münchner Widerständlern. Aber der Soziologe geht darüber hinaus: Er zeichnet nach, wie die Stadt mit linken Traditionen und den Verbrechen der Vergangenheit umgeht. Dabei sieht er immer wieder Anzeichen eines Kulturkampfs zwischen der SPD-dominierten Stadtspitze und der jeweiligen CSU-Staatsregierung - ob im Streit um das "den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration" gewidmete Denkmal am Marstallplatz oder auch beim Gedenken an die beim Hitlerputsch vor der Feldherrnhalle getöteten Polizisten.

Auch im eigentlich Bekannten findet der Band eigene Wege. Dem Nationalsozialismus etwa gibt er Münchner Gesichter. Das des gebürtigen Münchners und SS-Chefs Heinrich Himmler und das der Arbeiterin Walburga Weber, die im Jahr 1943 nach wiederholtem Diebstahl von Lebensmitteln und Geld als "Gewohnheitsverbrecherin" in Auschwitz umgebracht worden ist. Stumberger erzählt auch von der wundersamen Verwandlung des Jahres 1945, als aus überzeugten Nazis plötzlich unpolitische Mitläufer wurden, die dann weitgehend unbehelligt in führende Positionen aufsteigen konnten, ob in der Stadtverwaltung, in der Universität, bei der Polizei oder auch in den Geheimdiensten.

Mitunter rührt der Autor an unfassbare und im öffentlichen Bewusstsein doch wenig präsente Geschehnisse. Zum Beispiel daran, wie 1949 die Polizei, in der viele frühere Nazis Dienst taten, in Bogenhausen gegen etwa 1000 Juden vorging, die gegen Antisemitismus demonstrieren wollten. Die Polizisten bedrängten die Menge zunächst auf Pferden; als sich die Demonstranten wehrten, fielen Schüsse. Am Ende schritt die amerikanische Militärpolizei ein.

Seine stärksten Momente hat das Buch, wenn es berichtet, wie die Stadt nach 1945 in den Sog des Ost-West-Konflikts geriet. "War Berlin im Kalten Krieg die Frontstadt, war München die Stadt der Spione und der Propaganda", schreibt Stumberger. Saß doch in Pullach der Bundesnachrichtendienst, für den sich die östlichen Geheimdienste interessierten, und schickten doch die Amerikaner aus ihrem Konsulat an der Königinstraße die Voice of America in den Äther sowie aus ihren Studios an der Oettingenstraße ihr Radio Free Europe und ihr Radio Liberty.

Zusätzlich sammelten sich antikommunistische Emigranten aus Osteuropa in München, schon wegen der Nähe zum "Eisernen Vorhang". Der Autor zählt 35 Exilregierungen in der Stadt, die alle mithilfe der CIA die Regierungen ihrer Heimatländer stürzen wollten. Unter den Emigranten waren auch mutmaßliche Kriegsverbrecher wie der Ukrainer Stepan Bandera, der an der Kreittmayrstraße wohnte und dort 1959 von Agenten vergiftet wurde.

Auch deutsche Rechtsextreme fanden hier zusammen. An der Paosostraße in Pasing etwa, in einem Gebäude zwischen Einfamilienhäusern, einer Klinik und einem Studentinnenwohnheim, publizierte der spätere Gründer der "Deutschen Volksunion" Gerhard Frey die National Zeitung, die noch immer vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Freys Verlag, so die Staatsschützer, war lange "das bedeutendste rechtsextremistische Propagandainstrument in Deutschland".

Das hier skizzierte München der Fünfziger- und Sechzigerjahre war ein konspiratives und gefährliches Pflaster. Agenten trafen sich in als Wäschereien getarnten Anlaufstellen. Und Stumberger schreibt von Attentaten und Bombenanschlägen an der Zeppelinstraße in der Au, an der Paul-Heyse-Straße, an der Wallnerstraße in Freimann oder auch am Böhmerwaldplatz in Bogenhausen. Er erzählt die Geschichte des Agenten Otto Freitag, der für die Stasi und den sowjetischen Geheimdienst Akteure der Unabhängigen Arbeiterpartei Deutschlands beschatten sollte. Die 1951 gegründete Partei versuchte sich als linke, antistalinistische Kraft jenseits von KPD und SPD zu etablieren. Um die Konkurrenz zurückzudrängen, schreckten die Spione auch vor Mord nicht zurück. Später sollte Freitag BND-Chef Reinhard Gehlen entführen - wozu es dann nicht kam, weil die Bundesrepublik 1955 diplomatische Beziehungen zu Moskau aufnahm. Zurück in Ost-Berlin, arbeitete Freitag später erstaunlicherweise als Doppelagent für den bayerischen Verfassungsschutz.

München, eine Stadt der Mörder, Spione und Extremisten? Stumbergers Buch antwortet darauf: Nicht nur, aber auch. Er wolle andere Stadtführer nicht ersetzen, aber sie ergänzen, schreibt der Autor. Und bei aller kritischer Betrachtung: "München ohne Lederhosen" ist keine Abrechnung mit der Stadt, in der Stumberger selbst geboren ist. Der Autor bettet die Geschichte ein in zuweilen geradezu liebevolle Schilderungen des Alltags, von Kindern, die zwischen Trümmerbergen und auf Baustellen spielten, von Familien und Freunden, die sich zum gemeinsamen Fernsehen trafen, von über die Stadt verteilt entstehenden Kleinkinos. Ihm zufolge sind diese freilich zum großen Teil längst zu Filialen von Supermärkten geworden.

Rudolf Stumberger: München ohne Lederhosen. Ein kritisch-alternativer Stadtführer 1918-1968. Von November 1918 bis in die 60er Jahre, Aschaffenburg: Alibri-Verlag, 199 Seiten, 16 Euro.