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Münchner Oktoberfest-Attentat 1980:Eine Gedenktafel nach 38 Jahren - das reicht nicht

SZ-Leser beklagen, dass die Opfer allein gelassen werden

Vor 38 Jahren geschah das Oktoberfest-Attentat – und noch immer streiten Opfer um ihre Ansprüche: Ins Gedenken mischen sich bittere Gefühle.

(Foto: Florian Peljak)

"Splitter in der Seele" vom 6./7. Oktober über die Opfer des Münchner Oktoberfestattentates von 1980:

Erschütterndes Versagen

Der Bericht über die Behandlung des Terroropfers Robert Höckmayr durch staatliche Stellen war der erschütterndste und deprimierendste seit langem. Andererseits ist er auch sehr erhellend, denn er zeigt, dass der rechte inhumane Geist, den der NSU durch brutale Taten ausgelebt hat und den die AfD seit Jahren ganz offen verbal praktiziert, nicht das "ganz Andere", sondern offenbar das "ganz Übliche" ist. Die Behandlung der Opfer des Oktoberfestattentats beweist, dass dieser Geist offenbar Konsens ist bei allen, die in unserem Land, auch in Bayern, auch in München, etwas zu sagen und zu bestimmen hatten und haben.

Ja, es gibt in München unter den 1,7, Millionen auch ein paar tausend Menschen, die gegen diesen Ungeist demonstrieren. Die wenigsten von ihnen dürften jedoch in beruflichen Positionen sein, in denen sie über Schicksale wie das von Herrn Höckmayr etwas entscheiden können. An den geistigen Wurzeln der zitierten Ärztin im Versorgungsamt 1980 kann man nicht zweifeln: kalt, empathielos und nur der eigenen Karriere verpflichtet. Die sozialdemokratischen Oberbürgermeister haben seit 1981 wohl auch nicht mehr zustande gebracht als eine Steintafel am Rathaus, nach 38 Jahren. Wie viele Millionen an Gewerbesteuern hat die Stadt München seit 1981 durch das Oktoberfest kassiert? Das wäre mal eine interessante Information. Dagmar Schön, München

Wut und Scham

Schwankend zwischen Wut, Scham und Tränen habe ich diesen Bericht gelesen. Und voller Unverständnis, dass nicht - ohne Zutun der Betroffenen - schleunigst für Anerkennung dieses seelischen und körperlichen Leidens und für ausreichende finanzielle Unterstützung bis zum Lebensende gesorgt wird! Die jetzige Gedenktafel soll bitte nur der Anfang sein! Anne Marie Schleicher, München

Kleinlich zu den Opfern

Großzügig zu den politisch motivierten Tätern, kleinlich bei den Opfern. In dieses Kartell des Schweigens und Verschweigens fällt auch das Oktoberfest-Attentat von 1980. Es ist zutiefst beschämend, wie menschenverachtend die verschiedenen Behörden Bayerns mit den Überlebenden und Angehörigen der Opfer umgegangen sind und immer noch umgehen. Gleiches gilt auch für das Olympiaattentat von 1972. Beide Male haben sich die zuständigen Sicherheitsbehörden und ihre politischen Dienstherren nicht mit Ruhm bekleckert. Und beide Male gingen Opfer und Angehörige sprichwörtlich leer aus.

Dabei waren jedes Mal die Opfer der Anschläge Stellvertreter von jedem von uns. Gelten doch solche Anschläge und Terrorakte unserer Demokratie und unserem festen Glauben daran. Genau deshalb haben die körperlich und seelisch oft schwer verletzt überlebenden Menschen und deren Familien allerhöchstes Anrecht auf unseren kollektiven Beistand und jede erdenkliche Hilfestellung. Stellvertretend für uns Bürger hatte und hat diese Aufgabe der Staat zu übernehmen - und ist wie so oft kläglich gescheitert, eingeschlossen die bedingungslose Aufklärung. So geschah die Wiederaufnahme der eingestellten Ermittlungen 2014 alles andere als freiwillig, sondern auf Privatinitiative hin.

Noch eine Lehre ist daraus zu ziehen: Wie die meisten andere Sterblichen auch, sollten Gutachter schon längst für ihr hoch dotiertes Handeln auch haften. So manches der genannten Bespiele stellt einen klaren und vorsätzlichen Verstoß gegen unsere Grundrechte dar und ist schadensersatzpflichtig.

Ferner darf nicht weiter der nach diesem Beitrag nicht unberechtigte Eindruck bestehen, es gäbe einen Kabinetts- beziehungsweise Stadtratsbeschluss dahingehend, eine reichlich verspätete Gedenktafel wäre allemal die günstigste und längstlebige Variante einer zeitgemäßen Betroffenheitskultur. Dr. med. Christian Deindl, Nürnberg

Respektabler Richter

Es ist sehr ehrenhaft und wohl als einmalig zumindest beim Sozialgericht München zu bezeichnen, dass Richter Andreas Knipping sich in diesem Fall nach 13 Jahren für sein ursprüngliches Verhalten sogar entschuldigte und das Klageverfahren von Herrn Höckmayr für die gesundheitliche Schädigung durch das Wiesn-Attentat im September 1980 wieder aufnimmt. Beim Versorgungsamt des Zentrums Bayern, Familie und Soziales, ZBFS, werden mit vielleicht ganz wenigen Ausnahmen Anträge zu Schädigungsfolgen abgelehnt. Vergessen wird, dass unrechtmäßiges Verhalten nicht nur Antragsteller/Kläger belasten. Die staatlichen Institutionen schaffen sich dadurch selbst mehr Arbeit und Überlastung bis in höchste Instanzen. Dabei stellt sich gerade der Freistaat Bayern als sozialer Freistaat dar. Wünschenswert wäre es und ein Vorteil für alle Betroffenen und Beteiligten, wenn es mehr solche Richter wie Richter Knipping gäbe, die sich sogar entschuldigen, auch wenn es 13 Jahre gedauert hat. Helmtrud Harnack, München

Die Wiesn brummt - warum gibt es aus den Gewinnen keinen Sonderfonds für die Opfer des Attentats?

Vertieft man sich in diesen ausführlichen Artikel über die Folgen für die beim Attentat verletzten Personen, bleibt einem die Luft weg! Natürlich kann man weder der Stadt, noch den Oktoberfest-Organisatoren, den Festwirten oder den Brauereien, auch nicht der Polizei eine Mitschuld anlasten. Aber: Dieser angesprochene Kreis hätte bereits längst die verdammte Pflicht gehabt, den Opfern (13 Tote, 211 lebensgefährlich Verletzte) eine spürbare, unbürokratische Hilfe und Langzeit-Unterstützung zu gewähren. Liest man die Schilderungen der Betroffenen, dann lässt die Stadt offenbar zu, dass der Personenkreis der Betroffenen zwischen den Mühlen von Versorgungsamt, Justiz, Krankenkassen, et cetera zerrieben wurde. Eine Schande für diese stolze Stadt München, die in jedem Jahr mit steigenden Besucherzahlen und damit stetig steigendem wirtschaftlichen Erfolg hausieren geht. Um das stetige Bekenntnis der Stadt München, eine lebensfrohe, humane, mitmenschliche Stadt zu sein, nicht zur Phrase verkommen zu lassen, wäre es längst angebracht gewesen, einen Sonderfonds für diesen Kreis der Betroffenen des Attentats aufzulegen, um zumindest eine finanzielle Unterstützung neben den gesetzlich möglichen Ansprüchen zu gewähren. Angebracht wäre es, an einem solchen Sonderfonds neben der Stadt auch die am Oktoberfest wirtschaftlich partizipierenden Unternehmen solidarisch zu beteiligen. So zum Beispiel Brauereien, Festzelt-Unternehmen, Schausteller-Vereinigung. Sicher gibt es noch andere Bereiche daran zu beteiligen, die am und mit dem Oktoberfest gute Erträge erwirtschaften. Einen derartigen "Oktoberfest-Fonds" zu entwickeln ist eine hervorragende (und erforderliche) Aufgabe für den aktuellen Wiesn-Bürgermeister, wenn es die bisherigen Verantwortlichen schon versäumt haben. Dringender Aufruf an Wiesn-Verantwortliche: Werden sie jetzt tätig, es schreit danach! Helmut Kröniger, Bayreuth

© SZ vom 29.10.2018
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