Münchens freie Künstlerszene Absurdes Theater

Das Kreativquartier am Leonrodplatz soll vom kulturellen Versuchs- in ein dauerhaftes städtebauliches Renommierprojekt umgewandelt werden. Künstler sehen ihre Arbeit durch Bürokratie bedroht

Von Petra Hallmayer und Sabine Leucht

Plötzlich stand auch noch ein Zirkuszelt da, ohne Absprache. Auf der Brache am Leonrodplatz, gleich beim "Schwere Reiter". Dort, wo Menschen wie Karl Wallowsky eigentlich Kunst möglich machen wollen. Auf Wallowskys Spielplan stand ein Konzert mit Neuer Musik, eher lärmsensibel. Das verträgt sich nicht mit Zirkus-Klingeling, er musste es verschieben. Der Vorfall reiht sich unglücklich in das Geschehen rund um das sogenannte Kreativquartier zwischen Dachauer und Lothstraße. Kommentarlos wurde dem Theater "Pathos München" kürzlich der Vertrag für die sogenannten Pathos Ateliers in der Dachauer Straße 112 gekündigt, womit das Theater zum Ende des Jahres seine Proben-, Produktions- und Büroräume verliert. Kurz darauf schrieb die Stadt ein Tanz- und Theaterbüro aus, das ebendort als szeneübergreifende Beratungsstelle einziehen soll.

Mit dieser Koordinierungsaufgabe waren bislang eigentlich das "Tanzbüro München" und gewissermaßen auch das Pathos betraut, das seit 2014 Infrastrukturförderung erhält, seine damit verbundene Schlüsselfunktion in der Freien Theaterszene aber teils nur auf dem Papier innehatte. Dass es gute Gründe gibt, dieses Konstrukt aufzulösen, bestreitet selbst Pathos-Leiterin Angelika Fink nicht. Der kurzfristige Verlust der Räume aber ist für Fink ein Schock. Und nicht nur für sie: "Was mit dem Pathos geschah, kann morgen jeden von uns treffen", meint Christian Schnurer, Geschäftsführer der "Halle 6", ebenfalls auf dem Gelände, in einem Pressegespräch. "Die fehlende Planungssicherheit, die tägliche Existenzbedrohung zerstört alles, was man braucht, um künstlerisch arbeiten zu können."

Kreativquartier am Leonrodplatz.

(Foto: Catherina Hess)

Die Klage ist verständlich - und so alt, wie die künstlerische Zwischennutzung in dem als Kreativlabor bezeichneten Teil des einstigen Industriegeländes im Norden Neuhausens, auf dem Angelika Fink und ihr früherer Partner Jörg Witte Pionierarbeit geleistet haben. Dort hangeln sich Kreative aller Art seit Jahrzehnten von einem befristeten Überlassungsvertrag zum nächsten, und die ewig drohende Abrissbirne hat schon manchen zermürbt.

Hoffnung brachte 2012 ein städtebaulicher Rahmenplan, welcher der Kultur den Ausbau der Jutier- und Tonnenhalle versprach, und die Entwicklung des Teilgebietes Kreativlabor gemeinsam mit den dort ansässigen Künstlern. Von einem "lernenden Experimentierraum" war die Rede. Zur Vermittlung zwischen Kunst und Verwaltung nahm die Stadt gar einen Experten für "akteursgetragene Stadtentwicklung" mit ins Boot. Das Bewusstsein für den "Standortfaktor Kreativität" wuchs, wenngleich nicht jedes städtische Referat darunter auch die Kunst versteht, die weder Ruhm noch Geld verspricht. Deren Vertreter rücken mittlerweile notgedrungen enger zusammen. Von Harmonie zu sprechen, wäre übertrieben, doch die dramatische Raumknappheit im teuren München bedroht jeden Künstler existenziell, das stärkt die Solidarität. So fordert das im Januar gegründete "Netzwerk Freie Szene" in einem Statement, das "Pathos Theater" müsse unbedingt erhalten bleiben.

Allerdings dürften die Differenzen und Konflikte zwischen Stadt und Kunst noch zunehmen, wenn Zwischennutzungsverträge in langfristige Regelungen überführt werden und sich das, was auf dem Gelände stattfindet, wirklich in ein Vorzeigemodell städteplanerischer Genialität verwandeln soll. Das Kulturreferat spricht von "Verstetigung". Es zeigt sich schon am Vokabular, dass Bürokratie und die fluiden Prozesse der Kunst nur bedingt zueinander passen. "Verstetigung" heißt auch: Die Duldung provisorischer Spielorte, die nicht die Sicherheitsbestimmungen und Brandschutzauflagen erfüllen, neigt sich dem Ende zu. Ob die "Ertüchtigung" von Gebäuden wie dem ebenfalls auf dem Gelände bespielten "Schwere Reiter" machbar ist und wie viel Geld man bereit ist, hineinzustecken, mag momentan niemand sagen. Man bemühe sich, versichert Kulturreferent Hans-Georg Küppers, das nur noch bis September 2018 offiziell nutzbare Schwere Reiter als Spielstätte zu erhalten - bestenfalls am jetzigen Ort. Eine wirkliche Beruhigung für die, die dort arbeiten, ist das nicht.

Auf dem Gelände an der Dachauer Straße finden Kunst und Theater Platz.

(Foto: Catherina Hess)

Von einem "Kahlschlag" jedoch, den Angelika Fink befürchtet, könne keine Rede sein, betont Marc Gegenfurtner vom Kulturreferat. Im Leonrodhaus etwa, in dem Bildende und Film-Künstler Ateliers betreiben, überprüfe man nur die Mieterverhältnisse, um das "Kuddelmuddel aus Untervermietungen zu bereinigen". Die realen Nutzer, erklärt sein Kollege Max Leuprecht, könnten mit ein- bis zweijähriger Vertragsfortschreibung rechnen. Längerfristige Zusagen aber könne und wolle die Stadt nicht machen: "Zwischennutzung bedeutet Zwischennutzung. Ebenso wie in der Dachauer Straße 112 wollen wir auch andere Orte für den Wettbewerb öffnen und im Zuge der Sanierungen Raum für neue kreative Köpfe schaffen."

Für manch eine Baustelle, so hört man von den Nutzern, hätte sich längst eine Lösung finden lassen, doch im weiten bürokratischen Resonanzraum mit seinen diversen Referaten würden Ideen oft verpuffen. An die Verwirklichung einer echten "nutzergetragenen Entwicklung" glauben inzwischen nur noch Wenige. Das jüngste Beispiel dafür, dass die Kommunikation hakt, ist eben jene Einquartierung des Zirkus Roncalli ohne Absprache mit dem naheliegenden Schwere Reiter. Der künstlerisch Verantwortliche Karl Wallowsky hält das mithin für ein Zeichen: "Wir müssen für jedes kleine Fest ein Formular ausfüllen, aber man setzt uns einfach einen Großzirkus vor die Nase." Das Roncalli-Gastspiel, erklärte ihm ein Mitarbeiter der städtischen Koordinierungsstelle im Kreativlabor, habe für alle positive Effekte, da es für überregionale Beachtung sorge.

Die Frage ist nur, wie lange Kunst und Kultur auf dem Gelände an der Dachauer Straße noch Platz haben werden.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Satz wie dieser macht deutlich, dass hier sehr unterschiedliche Kulturbegriffe aufeinanderstoßen. "Mit der Vereinnahmung des Kreativlabors unter dem Dach Kreativwirtschaft hat sich etwas gefährlich verschoben", glaubt der Choreograf Micha Purucker. "Ich leite kein Design-Büro und keine Filmproduktionsfirma. Durch das schicke Label werden unsere Visionen von den Verwertungsinteressen für diese Filetgrundstücke verdrängt." Nicht alle sehen das so radikal, doch Befürchtungen, bei dem städtischen Renommierprojekt auf der Strecke zu bleiben, sind omnipräsent. Um sich dem entgegenzustemmen, arbeitet die Nutzergemeinschaft Labor München derzeit an Vorschlägen für eine "genossenschaftliche Trägerschaft" für das Kreativlabor.

Dass die Zirkus-Einquartierung ein Fehler war, räumt das Kulturreferat inzwischen ein. Lukrative Vermietungen sind zwar weiterhin erwünscht, sollen künftig aber sensibler abgestimmt werden. Defizite in der Kommunikation kann Gegenfurtner dennoch nicht erkennen. "Keine andere Behörde spricht mehr mit den Betroffenen. Wir pflegen eine gute Gesprächskultur." Ausnahmen aber gibt es wohl: So erklärte Gegenfurtner im Pressegespräch, er wolle im Interesse der Pathos-Betreiber die Gründe für die Vertragsbeendigung nicht öffentlich machen, sondern am nächsten Tag intern zur Sprache bringen. Zum verabredeten Termin jedoch erschien er nicht.

Die Produktion "Fucking Disabled" war auf dem Gelände an der Dachauer Straße zu sehen.

(Foto: Robert Haas)

Beide Seiten aber beteuern, sie wollten sich weiterhin um eine Lösung bemühen, die den Erhalt des Pathos Theaters sichert. Doch die Zeit läuft. Die Ausschreibungsfrist für das Tanz- und Theaterbüro endet am 20. November, und mittlerweile liegen auch Anfragen einiger Stadtratsfraktionen vor, die auf Klärung der Sachlage auf dem Areal drängen.