München Die Schlange der Durstigen an der Reichenbachbrücke

23 Stunden hat der Kiosk von Harald Guzahn geöffnet. Nur zwischen 5 und 6 Uhr hat der Kiosk geschlossen, dann wird geputzt.

(Foto: Robert Haas)

Vor dem Kiosk von Harald Guzahn treffen sich Anwohner und Isar-Besucher, Nachtschwärmer und Frühaufsteher - und das fast rund um die Uhr.

Von Thomas Anlauf

Es ist wohl Münchens berühmteste Menschenansammlung, die sich regelmäßig vor dem gelben Häuschen bildet, sobald die Sonne scheint. Eilig scheint es dort niemand zu haben. "Die Leute stehen gerne in der Schlange", sagt Alexander Loipersberger und grinst. "Da kann man eben neue Leute kennenlernen."

Meist geht es aber doch ziemlich schnell, bis man vor einer der zwei Durchreichen steht und seine Bestellung bei Loipersberger oder einem seiner Kollegen abgeben kann. Der junge Kerl mit der Sonnenbrille im kurzen Haar ordert vorne gerade eine Schnitzelsemmel und zwei Tegernseer. Zahlt, klemmt die Bierflaschen unter den Arm und beißt in die Semmel.

"Ist doch cool hier", sagt er kauend und schlendert über die Corneliusbrücke in Richtung Isar. Zumindest ein Massenphänomen ist er, der Kiosk an der Reichenbachbrücke. Und ein ziemliches Erfolgsmodell.

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Harald Guzahn steht im Kiosk an der Kaffeemaschine und macht einen Cappuccino fertig. In seinem weißen Hemd und dem blauen Sakko sieht der drahtige 48-Jährige nicht gerade aus wie ein typischer Kioskbetreiber. Tatsächlich ist er längst ein mittelständischer Unternehmer. "Früher hatte ich auch viele Aushilfen, so 15 bis 20", sagt er. Aber bei schönem Wetter tauchten dann einige einfach nicht auf zum Schichtdienst im Kiosk. "Die waren dann lieber an der Isar", sagt Guzahn und lächelt.

Also beschäftigt er jetzt acht Leute in Vollzeit und vier Aushilfen. Einer kümmert sich ausschließlich um die Bestellungen, die anderen wechseln sich in den drei Schichten im Kiosk ab: von sieben Uhr früh bis 15 Uhr, die nächste geht bis 23 Uhr, danach beginnt die Nachtschicht. Nur zwischen 5 und 6 Uhr hat der Kiosk geschlossen, dann wird geputzt und die neue Ware angeliefert. Einkaufen fast rund um die Uhr - das ist eines der Erfolgsrezepte für Münchens bekanntesten Kiosk.

Nach 20 Uhr darf Bier nur noch ungeöffnet verkauft werden

Möglich ist das mit einer Doppelstrategie, die Harald Guzahn und sein Geschäftsführer Markus Thierer seit vielen Jahren fahren: Tagsüber ist der Kiosk eigentlich ein klassischer Laden, nur dass Kunden ihn nicht betreten dürfen, um sich die Waren auszusuchen. Von 20 Uhr an, wenn die Geschäfte schließen müssen, verwandelt sich der Kiosk in eine "erlaubnisfreie Gaststätte".

Dann dürfen weiterhin Tabak, Süßigkeiten und Getränke verkauft werden, an Alkohol allerdings nur Bier, und das auch noch ungeöffnet. Sobald Guzahn oder ein Mitarbeiter dem Kunden ein Bier aufmachen würde, macht er sich strafbar, denn dafür wäre eine Ausschank-Konzession nötig. Auch Sekt, Wein und Spirituosen dürfen nachts nicht mehr verkauft werden. Dabei war der Weinverkauf im Reichenbachkiosk früher ein echter Renner. "Der Weinverkauf ist um 95 Prozent zurückgegangen", sagt Harald Guzahn.

Deshalb tüftelt er gerade an einem neuen Trick: Seine Automaten am Kiosk, in dem sich Kunden auch nachts mit Drogerie-Artikeln und allem Möglichen wie Glühbirnen und Speiseöl eindecken können, will er zum Wein-Automat umbauen lassen - mit EC-Kartennachweis zur Altersprüfung und womöglich einem Alkomaten, der nur dann den Wein freigibt, wenn der Kunde nicht zu betrunken ist. "Betrunkenen dürfen wir auch nichts verkaufen", sagt der Kioskbetreiber und schüttelt den Kopf. Das sei so, wie wenn man einem Wiesnwirt verbieten würde, einem angetrunkenen Feiernden noch eine weitere Mass Bier zu verkaufen.

Im Kiosk an der Reichenbachbrücke heißt die Spezialität: von allem etwas. Wie viele verschiedene Artikel sich in dem bis zur Decke vollgestopften Kiosk stapeln, weiß keiner so genau.

(Foto: Robert Haas)

Aber Harald Guzahn hat sich längst mit den Reglementierungen für Kioske arrangiert. Der gelernte Hotelfachmann hat, seit er vor 19 Jahren den Kiosk an der Reichenbachbrücke übernommen hat, ein feines Gespür entwickelt, wie das Prinzip Kiosk ein Erfolgsmodell sein kann. Er hatte das "Hungrige Herz" an der Fraunhoferstraße, seit vergangenem Jahr betreibt er hinter dem Odeonsplatz den "Kleinen Laden", den er von einem älteren Ehepaar übernommen hat.

Im Juni eröffnet er in der neuen Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz einen "Shop & Bakery". Und im Spätsommer will er sich einen Herzenswunsch erfüllen und an der sogenannten Feierbanane an der Ecke Hans-Sachs- und Müllerstraße einen weiteren kleinen Laden aufmachen. "Es soll ein begehbarer Kiosk im Retro-Stil werden", sagt Harald Guzahn. In sein jüngstes Projekt haben er und sein Team schon viele Wochen Arbeit gesteckt.

Nebenbei muss aber auch noch der Kultkiosk an der Reichenbachbrücke laufen. Und das gelingt mit einer ziemlich gut gelaunten Mannschaft, die auf engstem Raum zusammenarbeiten muss. "Wir sind wie eine Familie", sagt Alexander Loipersberger. Auch draußen vor dem Standl geht es oft zu wie bei einem großen Familientreffen.

Ganz in der Früh steht schon eine ältere Dame aus der Nachbarschaft am Reichenbachkiosk, die frische Semmeln zum Morgenkaffee abholt und immer so freundlich grüßt. Ein paar Übrig gebliebene der Nacht stehen mit Sonnenbrillen auf den Nasen geduldig in der Reihe. Es wird gegrüßt, ein bisschen gebusselt, geratscht - bis man eben an der Reihe ist.

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