Moslem im Jüdischen Museum:Einmal Weltbild verändern, bitte

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Der 25-jährige Ahmad Abdalla war früher Mitglied der Muslimbruderschaft - heute führt er Gruppen durch das Jüdische Museum in München.

Dorothée Merkl, SZ-Jugendseite

Ein Blick in den Nahen Osten, auf den scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen Arabern und Israelis, zwischen Islam und Judentum, lässt die Geschichte, die Ahmad Abdalla erzählt, unglaublich klingen: Ein junger Moslem aus Ägypten, der als Besucherbetreuer im Jüdischen Museum arbeitet. Doch das ist nicht irgendeine idealistische Fiktion, sondern Alltag des 25-Jährigen.

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Natürlich weiß Ahmad Abdalla, weshalb er, der muslimische Besucherbetreuer, die Leute so verwundert. Er kennt den Konflikt. Er kennt die Vorurteile seiner eigenen Landsleute.

(Foto: Conny Mirbach)

Vor mehr als zwei Jahren kommt Ahmad nach Deutschland. Er will die Sprache lernen, Film studieren, landet dann doch irgendwie bei Orientalistik und Geschichte. In seinem Hebräisch-Kurs empfiehlt ihm einer das Jüdische Museum, ein guter Ort für einen Nebenjob. "Es hat mich sehr interessiert", sagt Ahmad, "und außerdem wollte ich mit dem Klischee brechen, dass alle Araber antisemitisch sein sollen."

Es folgt ein nicht ganz einfacher Marathon aus Interviews und Gesprächen. Und als Ahmad schon am Ziel ist, zwei Wochen nach seiner Einstellung, kommt ein Anruf. Er dürfe erst einmal nicht mehr arbeiten, denn sein Pass müsse von der Polizei überprüft werden. Eine neue Regelung, hieß es. "Doch irgendwie war ich sauer." Heute, wenn er Gruppen durch das Museum führt und auf seine eigene, wissenschaftliche und zugleich sympathische Weise von der jüdischen Geschichte erzählt, hat er diesen Vorfall längst vergessen. Ihn begeistert die Begegnung mit den vielen verschiedenen Menschen, auch wenn ihn die Arbeit selbst, immer wieder dasselbe zu erzählen, manchmal langweilt.

Viele Besucher - auch die aus Israel - erkennen ihn nicht als Araber. "Sie denken, ich sei Israeli", sagt er und deutet auf seine schwarzen Locken und die dunkle Haut, "Ich sehe so aus." Erfahren die Menschen dann doch von seiner Herkunft, sind die meisten verwundert, positiv verwundert.

Eine junge Islamwissenschaftsstudentin meinte mal zu ihm, er habe ihr Weltbild verändert: "Kannst Du Dir vorstellen, wie sehr mich das gefreut hat?", sagt er - in diesem Moment ist ein Strahlen in seinem Gesicht zu entdecken.

Natürlich weiß der Student, weshalb er, der muslimische Besucherbetreuer, die Leute so verwundert. Er kennt den Konflikt. Er kennt die Vorurteile seiner eigenen Landsleute - und versteht sie auch, vor allem nach den Kriegen und den anhaltenden Angriffen auf Palästinenser. "Doch nicht alle Juden sind Israelis, nicht alle Israelis Juden und vor allem sind nicht alle Israelis gleich." Vielen Menschen in der arabischen Welt fehle dieses Verständnis, diese Differenzierung, sagt er. "Ich bin da anders - wohl offener." Man dürfe nicht verallgemeinern, das ist ihm wichtig.

Aber er versteht auch die jüdische Seite mit ihren Traumata und Ängsten. Wie so viele wünscht er sich ein Ende des Konflikts: eine Zwei-Staaten-Lösung für Palästinenser und Israelis. Einen multikulturellen Staat Israel, nicht nur für Juden, sondern für alle. Eine Aufgabe der Mythen, auf beiden Seiten. Eine Politik mit weniger Fehlern, auch das auf beiden Seiten. "Aber bald wird und kann das nicht geschehen", dazu seien die beiden Parteien zu radikalisiert. "Früher ging es um Politik, heute um Religion", sagt er.

In Sachen Religion hat er sich ein ganz eigenes Bild gemacht: Er selbst brauche das nicht, "denn Religion schafft oft Grenzen, und wenn Gott so groß ist, warum sollte es dann Grenzen geben"? So denkt er heute. Früher war das nicht so, da war er noch gläubig und ging oft zum Beten in die Moschee. Dort traf er auch auf die Muslimbrüder, wurde mit 17 sogar selbst einer von ihnen. "Wie jeder in dem Alter suchte ich nach einer Bedeutung in meinem Leben, wollte verstehen und aktiv sein."

Eineinhalb Jahre schaute er sich die Organisation von innen an und machte eine Erfahrung, die er nicht missen möchte. Allerdings merkte er auch schnell, dass er dort nicht hineinpasst. "Ich war immer anders", erklärt Ahmad heute, "denn ich bin ins Kino gegangen, habe Musik gehört und auch Weltliteratur und nicht nur religiöses Zeug gelesen."

Der erste Israeli, den er kennenlernt, ist sein Hebräischlehrer, heute ein Freund von ihm und damals eine neue und interessante Bekanntschaft. Inzwischen sind unter seinen besten Freunden sowohl Juden als auch Christen. "Wenn wir abends zusammen sitzen, dann spielt unsere Religion überhaupt keine Rolle", erzählt er. "Und das ist schön", fügt er hinzu.

Zu Beginn des Semesters bekommt er nun während seines Geschichtsstudiums die Möglichkeit, das Land, das er aus so vielen Perspektiven betrachtet, mit eigenen Augen zu sehen und zu erfahren. Diesen Samstag ist der Flieger nach Tel Aviv abgehoben. Mit ihm, obwohl es lange nicht danach ausgesehen hat. Die Bearbeitung seines Visum-Antrags habe sich in die Länge gezogen, sagt er. Beantragt hat er es im März, normalerweise, sagt er, müsse man zwei, drei Wochen darauf warten. Er bekam es erst wenige Tage vor dem Abflug.

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