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Moslem als Kandidat:Falsches Beharren auf dem "C"

Im Lichte der Aufklärung hat die CSU in Wallerstein versagt und zugleich eine Chance vertan, sich von der AfD positiv abzuheben

"Er mag halt nicht mehr" vom 11./12. Januar sowie Kommentar "Ein verheerendes Signal der CSU" und Bericht "CSU-Parteispitze kritisiert Ortsverband" vom 7. Januar :

Ungenutzte Chance

Die CSU braucht sich nicht zu wundern, wenn Deutsche mit türkischen Wurzeln bei den kommenden Wahlen ihr Kreuz nicht zu Gunsten der Partei machen werden. Der Fall in Wallerstein zeigt, dass trotz einer beispielhaften Integration traurige Vorbehalte gegenüber Muslimen bestehen. Die Frage sei erlaubt: Wie sollen sich diese Menschen angenommen und respektiert fühlen, wenn ihnen nicht die gleichen Chancen gegeben werden, die jedem anderen Bürger ganz natürlich zustehen. Leider hat auch die Parteispitze angesichts der ewigen Debatte "Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht?" auf ihrer streng konservativen Haltung beharrt und die Muslime von daher noch mehr auf Distanz gehalten. Vor allem war der heutige Bundesinnenminister Horst Seehofer bei diesem leidigen Thema die treibende Kraft gegen den Islam. Dass Menschen im ländlichen Raum sich dadurch noch intensiver in ihrer erzkonservativen Glaubenswelt bestätigt fühlen, ist also wenig überraschend.

Und jetzt bemüht man sich um Schadensbegrenzung, nachdem man bemerkt hatte: Die AfD zu kopieren bringt genau das Gegenteil auf der Jagd nach Stimmen. Schade, dass diese gute Gelegenheit nun ungenutzt bleibt. Die CSU hätte nicht nur für positive Schlagzeilen gesorgt. So wäre auch eine signifikantere Abgrenzung zur AfD zum Vorschein gekommen. Ayhan Matkap, Donauwörth

Zurück ins Mittelalter

Wie hätte die Wallersteiner CSU-Basis reagiert, wenn sich ein Kandidat jüdischen Glaubens für das Bürgermeisteramt beworben hätte? Wie hätte die Basis in Ünür, einer Kleinstadt in der Türkei, reagiert, wenn sich dort ein Kandidat christlichen Glaubens beworben hätte? Wie ist es möglich, dass ein Bürger muslimischen Glaubens in einer Partei, die in regelmäßigen Abständen auf das christlich geprägte Abendland verweist, überhaupt Mitglied wird? Im Jahr 2020: Fragen über Fragen.

Mit Beginn der Aufklärung ab 1700 standen im Fokus rationales Denken, die Vernunft, Kampf gegen Vorurteile, ein Plädoyer für religiöse Toleranz, persönliche Handlungsfreiheit, Emanzipation, Bildung, Bürgerrecht und Menschenrechte. 320 Jahre später, sei es in Wallerstein, Washington oder Bagdad - die Zeiten des Umbruchs führen uns wohl direkt in die Dunkelheit des Mittelalters - what a mess! Sepp Huber, Fuchstal

© SZ vom 16.01.2020
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