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Mordprozess:Dunkle Fantasien

Zeugen beschreiben Lion K. als einen Menschen mit zwei Persönlichkeiten

Von Susi Wimmer

Es ist ein erstaunlicher Satz, den Felipe H., 21, im Zeugenstand von sich gibt: "Vielleicht hat er sich nicht gesehen gefühlt." Er spricht von Lion K., seinem ehemaligen Freund. Der sitzt auf der Anklagebank vor der Jugendstrafkammer am Landgericht München I wegen Mordes und dreifachen versuchten Mordes, weil er mutmaßlich die Familie seiner Freundin auslöschen wollte - und ein halbes Jahr zuvor auch ihn, wie Felipe H sagt. Er und Bekannte von K. zeichnen am fünften Verhandlungstag ein Bild des heute 21-Jährigen, das zwischen Aggressivität, Brutalität, Ausgeschlossenheit und Verzweiflung changiert. Ein Leben kurz vor der Explosion.

"Ich hatte das Gefühl, dass er zwei Persönlichkeiten hatte", sagt ein ehemaliger Mitschüler von Lion K.: mal zurückhaltend, dann aufschneiderisch. Auf der Anklagebank verhält sich K. passiv, den Blick immer gesenkt. Der psychiatrische Gutachter Franz Freisleder fragt einmal nach der Liste der Medikamente, die Lion K. erhält, "er kriegt ja jede Menge Psychopharmaka". Die Tabletten gegen seine Verhaltensstörung ADHS soll Lion K. vor der Tat in Neuhausen abgesetzt haben. Hinzu kam die Trennung der Eltern. Und die Trennung von seinen Schwestern - denn die wuchsen bei der Mutter auf, er jedoch blieb beim Vater. Ein Freund des Vaters, von Beruf Lehrer, berichtet von regelmäßigen Kneipenaufenthalten mit Bier und Drogen, bei denen Lion K. bereits als Minderjähriger dabei gewesen sei. Ob er da als Pädagoge nicht mal etwa gesagt habe, will Richter Stephan Kirchinger wissen. Der Zeuge schaut verdutzt und antwortet: "Nein."

"Er tat mir auch leid, weil ich wusste, dass sein Leben scheiße war", sagt sein früherer Freund Felipe H., "er war suizidal". Zu seinem 18. Geburtstag habe Lion K. ihm vorgeschlagen, ins Bordell zu gehen, was man auch gemacht habe. Ob Lion K. bei einer Frau war, konnte H. nicht sagen. Allerdings erzählte er später Lion K.s Freundin von dem Bordellbesuch. "Sie tat mir leid", sagt er. Lion K. sei ihr gegenüber gewalttätig gewesen. Einmal sei er auf sie gesprungen, habe seine Hände um ihren Hals gelegt aus Verärgerung darüber, dass sie gerade mit Felipe H. ein Videospiel zockte. "Er macht eine schwere Zeit durch", soll sie nur gesagt haben.

Im Freundeskreis sei Lion K. eine Randfigur gewesen, sagt H. dem Gericht. Er habe Geschichten erfunden, geprahlt, sein Vater habe Kontakte zu den Hells Angels und könne Drogen besorgen. Und er habe immer ein Messer dabei gehabt, "zur Verteidigung", wie er sagte. Der Vater seiner Freundin nahm ihn sogar zum Schießtraining im Verein mit. Mit einem irren Lachen imitiert Felipe H. seinen ehemaligen Freund, als dieser einmal "zum Spaß" mit einem Cuttermesser auf ihn losging. Und im Oktober habe K. ihn auf eine Feuertreppe gelockt und ein Messer gezogen. Doch als Kampfsportler habe er ihn entwaffnen können. Tötungsfantasien, so erzählt H., habe Lion K. oft von sich gegeben: Dass er seine Schwestern und sich selbst umbringe werde. Oder seine Freundin, falls sie ihn verlassen wolle. Am 15. Juni 2018 ging er laut Anklage zur Wohnung seiner Freundin, tötete mit einem Messer deren Schwester und verletzte die Mutter und den Bruder lebensgefährlich. Der Prozess dauert an.

© SZ vom 18.01.2020
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