Mehr als 4000 Wahlhelfer im Einsatz:Es darf geschlitzt werden

Mehr als 4000 Wahlhelfer im Einsatz: Zigtausende Briefwahlunterlagen werden in gelben Tonnen gesammelt, dann auf Tischen ausgeschüttet und von 18 Uhr an ausgezählt.

Zigtausende Briefwahlunterlagen werden in gelben Tonnen gesammelt, dann auf Tischen ausgeschüttet und von 18 Uhr an ausgezählt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nie zuvor haben so viele Münchner per Brief gewählt. Ausgezählt werden die Stimmen an Hunderten Tischen im MOC

Von Thomas Becker

Auch als alter Hase ist es nie zu spät für eine Premiere: Schon seit den Neunzigerjahren ist Markus Ziegler Wahlhelfer, aber eine Briefwahl hat er noch nie ausgezählt. Ziegler unterrichtet Kunst am Münchner Luisengymnasium, "als Lehrkraft bekommt man eine Aufforderung, sich als Wahlhelfender zur Verfügung zu stellen". Er ist gern dabei, auch wenn draußen vor dem Briefwahlzentrum in der Lilienthalallee wohl einer der letzten Spätsommertage mit Biergarten-Temperaturen lockt. Doch solange die Zählerei nicht so ausartet wie bei seiner ersten Landtagswahl als Wahlhelfer, ist alles gut.

"Da hat uns eine ältere Dame ein ganz schönes Chaos reingebracht", erzählt Ziegler, "das war entsetzlich, weil's so ewig gedauert hat. Immer und immer wieder musste nachgezählt werden." Dieses Jahr ist er einer der Wahlvorstehenden, sozusagen der Chef eines der sieben- bis zehnköpfigen Teams, die in den vier MOC-Hallen an zig Hundert Tischen die Münchner Briefwahl auszählen. Zieglers Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass an Tisch 091 im Briefwahlbezirk 0778 (Sendling-Westpark) alles mit rechten Dingen zugeht, dass nicht nur flott, sondern auch korrekt gezählt wird.

Nie zuvor haben so viele Münchner per Briefwahl ihre Stimme abgegeben, was das

Wahlamt auch bei der Zahl der Helfer einkalkulieren musste. "Die über 4000 Wahlhelfer hatten wir innerhalb von zwei, drei Wochen rekrutiert", erklärt Silvia Wimmer, die als Verwaltungswirtin im Projekt-Management der Stadt arbeitet. "Wir mussten die Anmeldefunktion rausnehmen, weil sich so viele gemeldet hatten." Und das, obwohl sich die Aufwandsentschädigung in Grenzen hält: Mit rund 100 Euro verdienen die Schriftführer noch am meisten. Viele städtisch und staatlich Beschäftigte kommen zum Einsatz, aber auch Freiwillige aus anderen Berufen.

Nicht wenige von ihnen stehen am Sonntag um drei im Stau - vor der Einfahrt in die Tiefgarage des MOC. Ungeduldige Ordner wirbeln mit den Armen durch die Luft, um die Zähler in spe zur Arbeit zu dirigieren. Schließlich darf von halb vier an geschlitzt werden: In den Hallen kommen jetzt die spitzen Brieföffner an den roten Wahlbriefen zum Einsatz. Nun gilt es zu prüfen: Sind Wahlschein und Stimmzettelumschlag drin? Gibt es eine Liste mit für ungültig erklärten Wahlscheinen? Wurden Nachträge gemeldet? Die roten Wahlbriefe werden ungeöffnet gezählt, die Zulassung der Wahlbriefe dauert bis 18 Uhr. Erst dann wird gezählt.

Bevor es ernst wird an der Urne, stärken sich viele der Helfer und Helferinnen noch schnell im MOC-Restaurant: Bowls für 7,50 Euro, ein Sandwich für 5,50 Euro, Plundergebäck für drei Euro. Um halb sechs ist das Buffet geplündert, was für lange Gesichter sorgt: Es gibt nur noch Kaffee. Bevor es ans Auszählen geht, ist auch draußen vor der Tür des MOC ordentlich was los: schnell noch eine Zigarette oder ein Anruf bei den Lieben daheim: "Könnte heute später werden, Schatz."

Davon geht Elke Zehetner nicht aus. Die Dame mit der ansteckend guten Laune, die Berichterstatter auch mal mit Schokolade und Gummibärchen versorgt, ist als Leiterin von Halle 2 Teil des Briefwahl-Service-Zentrums, hat lange im KVR gearbeitet, war bis 2020 Bürgermeisterin von Penzberg und bezeichnet sich selbst als "alten Hasen" in Sachen Wahl. "So eine Bundestagswahl läuft bei uns unter Tatort-Wahl: Da ist bis acht jeder wieder daheim." Und tatsächlich: Schon um kurz vor sieben heißt es von Tisch 101: fast fertig. Kaum zu glauben! Auf jedem der 55 Tische in Halle 2 landen um Punkt sechs Uhr, wenn die gelben Wahlurnen mit dem Münchner Kindl vorne drauf geöffnet werden, zwischen 951 und 1384 Stimmzettel auf dem Tisch. Jetzt setzt das große Rascheln und Kruscheln ein: "Erst mal alle Umschläge öffnen", sagt Markus Ziegler an Tisch 091. Die Kollegen nebenan breiten dagegen sämtliche Partei-Stapel, auf denen die Stimmzettel landen werden, auf dem Fußboden aus. Wenn sich das Zähl-Team am Tisch von vorherigen Wahlen kennt und entsprechend eingespielt ist, sitzen die Handgriffe - es gilt das Vier-Augen-Prinzip - und man kann sich zeitraubende Diskussionen sparen. Zu erkennen sind die Routiniers an den mitgebrachten Kuchenplatten und Thermoskannen voll Kaffee. Aber auch sie müssen zum Zählen der ellenlangen Wahlzettel auf dem Fußboden herumturnen - ein kurioser Anblick.

Derweil heißt es draußen im Service-Zentrum: "In Halle 4 sind die ersten Tische fertig!" In Halle 2 dauert es dann doch noch bis 19.59 Uhr, bis der erste Tisch Vollzug meldet: 1156 gezählte Stimmen in zwei Stunden. Die Tagessieger von Tisch 77 werden reich belohnt: mit Gummibärchen. Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Auch Markus Zieglers Team von Tisch 091 kann sich um kurz nach acht in den Feierabend verabschieden, und so ist diese Briefwahl für einige Helfer in der Tat eine Tatort-Wahl geworden.

© SZ vom 27.09.2021
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