bedeckt München 19°

Medizinische Überversorgung:Münchner Luxus

Nicht allein Missmanagement ist für die Probleme der Münchner Krankenhäuser verantwortlich. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind 11.000 Klinikbetten für 1,4 Millionen Menschen einfach zu viele. Daran ändern auch die Pläne nichts, die Häuser in Schwabing und Harlaching deutlich zu verkleinern.

Von Stephan Handel

Haidmühle ist ein kleiner Flecken im Bayerischen Wald, direkt an der Grenze zu Tschechien. Wenn einer der rund 1300 Einwohner ins Krankenhaus muss, dann hat er die Wahl: Das Kreiskrankenhaus Freyung (175 Betten) liegt 25 Kilometer entfernt, das Kreiskrankenhaus Waldkirchen (90 Betten) nicht viel näher. Drittes Haus in der "Kliniken am Goldenen Steig gGmbH" ist das Kreiskrankenhaus Grafenau (140 Betten), aber dorthin sind's mehr als 40 Kilometer, und zum Städtischen Klinikum Passau sind 55 Kilometer zu fahren. Der Landkreis Freyung-Grafenau, in dem Haidmühle liegt, hat knapp 78 000 Einwohner.

München mit seinen knapp 1,4 Millionen Einwohnern beherbergt auf seinem Stadtgebiet an die 50 Kliniken mit mehr als 11 000 Betten. Im nicht einmal so weiten Umkreis, zum Beispiel im Westen bis nach Landsberg, im Norden bis Freising, im Osten bis Ebersberg und im Süden bis Tutzing, warten noch einmal rund 20 Häuser auf Patienten, und das sind nur die, die über mehr als 20 Betten verfügen.

Hart umkämpfter Markt

Das wird ja leicht vergessen in der Diskussion über die Zukunft der städtischen Kliniken: dass die Gründe für ihre Probleme zwar sehr wohl in Missmanagement, in politischen Spielchen und in Fehlkonstruktionen bei der Unternehmensstruktur liegen. Dass sie sich aber auch in einem hart umkämpften Markt zu behaupten haben. Und dass die Patienten, um die es ja vor allem gehen sollte, schon gleich gar keinen Grund zur Klage haben, auch wenn das Krankenhaus Schwabing, wie im Sanierungsgutachten vorgesehen, kräftig zusammengeschrumpft wird: In einer knappen halben Stunde kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bogenhausen, wo künftig das "Klinikum Nord" die Menschen versorgen soll. Davon können die Leute in Haidmühle nur träumen.

Ein Luxusproblem also, über das da diskutiert wird - aus betriebswirtschaftlicher Sicht hat München viel zu viel Krankenhaus-Kapazität. Die Kliniken in öffentlicher Trägerschaft leiden zudem unter dem Faktum, dass sie einerseits einen Versorgungsauftrag zu erfüllen haben, also alle Disziplinen der modernen Medizin anbieten und bereithalten müssen, während zahllose private Häuser sich die Rosinen herauspicken, medizinische Leistungen nach Nischen in den Markt stellen und zudem anders kalkulieren können als die Alles-und-immer-Häuser. Sodass sie dann auch mehr investieren können in die Ausstattung der Zimmer, was wiederum die Patienten-Zufriedenheit hebt.

Gute Kliniken mit schlechter Bewertung

In einer Umfrage, welche die Techniker-Krankenkasse in der vergangenen Woche veröffentlicht hat - wenn auch auf niedriger Datenbasis - finden sich auf den ersten zehn Plätzen nur zwei Kliniken in öffentlicher beziehungsweise gemeinnütziger Trägerschaft: das Klinikum Dritter Orden und das Krankenhaus Starnberg. Dazu kommt noch das Deutsche Herzzentrum in der Lazarettstraße, das aber als Fachklinik anderen Kriterien gehorcht.

Die beiden Münchner Uni-Kliniken finden sich in dieser Statistik gerade noch unter den Top 25 - obwohl sie doch ausgewiesene Exzellenz-Kliniken sind, obwohl dort Mediziner arbeiten und forschen, die bundes-, wenn nicht europa-, wenn nicht weltweit anerkannt sind. Das zeigt aber dann auch wieder nur eines: dass sich die Ansprüche der Patienten gründlich gewandelt haben, dass es ihnen nicht mehr alleine darum geht, bestmöglich behandelt und möglichst schnell gesund gemacht zu werden. Sondern dass ein Klinikaufenthalt heute mindestens dem Urlaub in einem Drei- bis Vier-Sterne-Hotel gleichen soll.

Damit tut sich zum Beispiel Schwabing schwer - so ansprechend der 100 Jahre alte Komplex auch sein mag, er ist praktisch nicht an die Anforderungen moderner Medizin und die Ansprüche heutiger Patienten anzupassen. Nur ein Beispiel: Niemand will heute mehr in einem Saal mit 15 anderen Kranken liegen, Sanitäranlagen für die ganze Station draußen auf dem Flur. Einzel- und Zweibett-Zimmer mit jeweils eigener Nasszelle, so soll es sein heutzutage - und das beansprucht natürlich mehr Platz als die Patienten-Massenhaltung. In Konkurrenz dazu steht die Aufgabe, eine Station wirtschaftlich zu betreiben. Dafür sind Stationsgrößen von 30 bis 35 Betten optimal. Die Schwabinger Architektur jedoch lässt das nicht zu - mit kleineren Zimmern sind dort nur Stationsgrößen von 20 Betten möglich. Nun könnte man zwar eine zweite Station aufmachen. Das jedoch beansprucht die doppelte Zahl an Personal, und schon ist die Wirtschaftlichkeit beim Teufel.

Zur SZ-Startseite