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Literatur:Schwarz mit großem S

Ist die Welt bunt? "Ich schreibe Schwarz mit großem S, weil es sich um eine Identität handelt", sagt Anne Chebu.

(Foto: Noel Richter)

Die Fernseh-Journalistin Anne Chebu kombiniert in ihrem Buch "Anleitung zum Schwarz sein" afro-deutschen Geschichtsdiskurs und praktische Lebenshilfe

Von Jonathan Fischer

Sensibelchen. PC-Tante. Nervensäge. Anne Chebu muss mit solchen Schmähungen rechnen. Zumindest dann, wenn die 27-Jährige schwarze deutsche Journalistin und Fernsehmoderatorin es wagt, in gedankenlose bis diskriminierende Sprechblasen zu stechen. "Statt zu sagen: ,Interessant, das habe ich nicht gewusst', kontern manche Menschen mit sturem ,ja aber, ja aber, ja aber . . ." . Anne Chebu schüttelt energisch ihre langen Haare zurück. "Und dann noch die alltäglichen Peinlichkeiten: Wo kommst du her? Du sprichst aber gut deutsch! In England oder Amerika sind schwarze Menschen nicht dauernd solchen Fragen ausgesetzt", sagt sie.

Dabei wirkt Chebu nicht wie eine Provokateurin. Eher wie eine Frau, die ein paar mal zu oft Verletzungen nur weggelächelt hat und nun entschlossen ist, für sich und ihre Rechte einzutreten. Davon handelt auch ihr Buch "Anleitung zum Schwarz sein". Warum sie es geschrieben habe? "Seit ich mich erinnern kann, grabschen mir fremde Leute ungefragt an den Kopf", sagt Anne Chebu. "Und das ist nur die handfesteste Form der Übergriffe. Ich will junge schwarze Menschen stärken, damit sie sich zur Wehr setzen und herausfinden können, wie sie sich selbst definieren wollen".

Die elegant gekleidete junge Journalistin schlürft ihren Café Latte, während vor der Glasscheibe des Take-Away am Münchner Hauptbahnhof die Pendler vorbei hasten. Früher gehörte sie dazu, führte sie ihr täglicher Arbeitsweg zum nahen Hochhaus des Byerischen Rundfunks. Doch inzwischen lebt Chebu in Hamburg, wo sie hauptsächlich für den NDR arbeitet - und wenn die Aufträge knapp werden, auch mal Untertitel von Talk-Shows für Gehörlose schreibt. "Es ist schwierig als schwarze deutsche Moderatorin genügend Jobs zu bekommen", sagt sie. "Da heißt es oft noch: Wir dürfen unser konservatives Publikum nicht erschrecken." Es gäbe zwar ermutigende Fortschritte - wie eine schwarze Sprecherin bei der Tagesschau 24. Andererseits lebe der Rassismus hinter den Kulissen fort.

So gäbe es auch 2015 noch Redakteure in deutschen Fernsehanstalten, die eine schwarze Frau als "Negerpuppe" für die Quote bezeichneten. Anne Chebu erzählt von dem Druck, dem sie als freie Journalistin ausgesetzt sei. Soll sie sich zur Wehr setzen? Oder lieber schweigen und den Job behalten? Solange man keine Ansprüche stelle, gehe oft alles gut. "Aber wehe, ein Schwarzer will in der Hierarchie aufsteigen. Dann führen Konkurrenten nur allzu gerne die Hautfarbe ins Feld."

Sie selbst, sagt Chebu, habe lange gebraucht, um sich wohl in ihrer Haut zu fühlen. Ihre weiße Mutter und ihr schwarzer Vater hätten zwar eine politisch korrekte Sprache gepflegt, doch in der fränkischen Provinz sei sie stets "Exot" geblieben - als Schwarze hätten Klassenkameraden etwa von ihr erwartet, dass sie besonders gut tanzen könne. "Ich bemühte mich sehr, diesen Erwartungen zu entsprechen. Was mir fehlte, war der Austausch mit gleichaltrigen Schwarzen. Erst bei einem Besuch der Initiative schwarzer Menschen in Deutschland fühlte ich mich wirklich zu Hause".

Ihr Buch wolle nun Orientierung über Fremd- und Selbstbilder geben. Und durch die Minenfelder des Alltags führen - vom "Blackfacing" im Fasching bis zu rassistischen Witzen. Zielgruppe seien nicht nur andere schwarze Deutsche, sondern auch deren nicht-schwarzen Eltern, Freunde, Lehrer. "Ich schreibe Schwarz mit einem großem S", erklärt Chebu. "Weil es sich hier nicht um eine Hautfarbe, sondern um eine Identität handelt". Eine Identität, die in Deutschland einen großen historischen Nachholbedarf hat.

Wer wisse denn schon, dass seit 300 Jahren Afro-Deutsche in unserem Land leben? Dass in der Kolonialzeit Afrikaner, wie der aus einer Kameruner Fürstenfamilie stammende Theophilus Michael, dessen Sohn Theodor die Biografie "Deutsch sein und Schwarz dazu" veröffentlichte, zum Studieren nach Deutschland kamen? Und erst ein sogenanntes "Kolonialblutschutzgesetz" 1909 Mischehen zwischen Afrikanern, Afro-Deutschen und Deutschen verbot? Anne Chebu erzählt in ihrem Buch auch davon, wie rund 2000 Afro-Deutsche, alleine wegen ihrer Hautfarbe in den Konzentrationslagern der NS-Zeit ihr Leben ließen. Geschichtswissen, das die junge Generation schmerzlich misse. Erst kürzlich hätten sich bei einer ihrer Lesungen afro-deutsche Jugendliche in Anlehnung an amerikanischen Hip-Hop-Slang provokativ als "Neger" bezeichnet - bis Chebu sie einer ebenfalls anwesenden 85-jährigen KZ-Überlebenden vorstellte: Marie Nejar. Sie hatte sich in der Nachkriegszeit als Schlagersängerin Laila Negra mit ihrem Hit "Mach nicht so traurige Augen, weil du ein Negerlein bist" durchgeschlagen und musste diese Rolle als Erwachsene in Kinderklamotten weiterspielen. "Da wurden einige", sagt Chebu, "die vorher groß die Klappe aufrissen, plötzlich ganz kleinlaut".

Anne Chebu - Anleitung zum Schwarz sein, Freitag, 27. März, 19 Uhr, Café und Buchhandlung Lost Weekend, Schellingstraße 3

© SZ vom 27.03.2015

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