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Sportmediziner Müller-Wohlfahrt:Der Wunderheiler

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt kümmert sich um Deutschlands wichtigste Körperteile: die der Nationalmannschaft. Ein Besuch in der Praxis eines Mediziners, der auf dem Gipfel seines Ruhms steht.

Es ist der Moment nach dem Foul, nach dem Fehltritt, wenn der Spieler am Boden liegt: Der Doc springt von der Bank auf, seine Indianerfrisur flattert im Wind. Er spurtet auf den Rasen, er fliegt seinem Patienten entgegen, der sich gerade vor Schmerzen windet. Jede Sekunde zählt, denn es geht um die wichtigen Körperteile der Nation: die Muskeln und Bänder von Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Mesut Özil, die bei der WM in Südafrika wieder einiges aushalten müssen. Ein Griff, ein Tasten, ein Blick auf Knie und Knöchel, und dann fällt der Arzt, dem Fußball-Deutschland vertraut, ein intuitives Urteil - der Getroffene muss runter vom Platz oder darf wieder losrennen.

Training Nationalmannschaft - Klinsmann Müller-Wohlfahrt

Hat er wirklich heilende Hände? Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, hier im Gespräch mit Jürgen Klinsmann, hat als Mannschaftsarzt des FC Bayern schon die Spieler Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß wieder fit bekommen.

(Foto: bildextern)

Wie macht er das? Was ist das Geheimnis des Orthopäden Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der als Mannschaftsarzt des FC Bayern schon die Spieler Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß schnell wieder fit bekam? Hat er wirklich "heilende Hände", wie Eingeweihte versichern? Und warum scheint "der Doc", wie er von seinen Anhängern ehrfürchtig genannt wird, selber dem natürlichen Verfallsprozess entzogen zu sein? Geht das alles mit rechten Dingen zu?

Ein Besuch in der Münchner Dienerstraße kurz vor Beginn der WM, bei der Müller-Wohlfahrt einmal mehr die medizinische Verantwortung für die Nationalmannschaft trägt. Das Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin über dem Dallmayr-Imperium: Wer hier vorgelassen wird, hat gute Kontakte, sehr viel Geduld oder ist irgendwie bedeutsam. Sogar prominente Sportler müssen auf einen Termin warten, denn dem Doc trauen sie mittlerweile alles zu, das ist auch ein wenig sein Problem.

Sportlergruß statt Handschlag

Selbst das Warten auf Müller-Wohlfahrt und sein Ärzteteam hat etwas Majestätisches. Seit zwei Jahren residiert er im Alten Hof in einer 1600 Quadratmeter großen Praxis, die der britische Edelbaumeister David Chipperfield im modernen Villenstil konzipiert hat. Mit hellen Holzböden und einem endlosen weißen Gang, der in dezent beleuchtete Behandlungszimmer führt.

Der Pastorensohn aus Wittmund an der Nordsee wirkt eher etwas schüchtern im Umgang mit Fremden. Den Besucher empfängt er nicht mit einem normalen Handschlag, sondern mit einem energetischen Sportlergruß auf Brusthöhe. "Es war schon ein besonders Jahr, so viel Aufmerksamkeit hatten wir hier noch nie", sagt der Arzt leise.

Die Aufmerksamkeit, von der er spricht, bezieht sich vor allem auf die zurückliegende Saison in der Fußballbundesliga. Die Wiedergeburt des FC Bayern unter Louis van Gaal geht auch auf das Konto des Mediziners, der bereits seit 1975 in Diensten des Vereins steht. Galt nicht der Stareinkauf Arjen Robben, der in Real Madrid ständig verletzt gewesen war, als medizinisches Risiko?

Robbens wundersame Wandlung zum Spieler des Jahres hat mit der sanften Behandlungsmethode zu tun, über die Uli Hoeneß regelmäßig ins Schwärmen gerät - und damit, dass das Zusammenspiel von Trainer und Arzt auf Anhieb so gut klappte. Besser jedenfalls als in der kurzen Amtszeit von Klinsmann. Der Doc drückt das staatsmännisch aus: "Louis van Gaal respektiert die medizinischen Entscheidungen und geht kein Risiko ein, weil er Vertrauen in unsere Arbeit hat."

Es fällt auf, dass er im Gespräch oft im Plural spricht, so als gäbe es da den Müller und den Wohlfahrt. Immer wieder betont er den Teamgedanken, die kollegiale Arbeit mit dem medizinischen Stab, mit Fitnesstrainern, Physiotherapeuten und seinen Leuten in der Dienerstraße, wo tatsächlich nicht nur die Hände des Chefs greifen, sondern auch teure Ultraschall- oder Kernspin-Apparate. Es ist kein Geheimnis, dass der Unternehmer Dietmar Hopp, zugleich Mäzen des Bundesligisten 1899 Hoffenheim, kräftig in die Praxis investiert hat.

Kürzlich war das Therapiezentrum sogar groß in den Abendnachrichten zu sehen, als der Schmerzensmann Michael Ballack, auf Krücken humpelnd, die Deutschen wissen ließ, wie bitter die WM-Absage für ihn sei. Es war der Frühling der prominenten Leiden, denn fast zeitgleich wurde Bono, der sonst so zähe Sänger der Gruppe U2, auf Anraten Müller-Wohlfahrts in eine Münchner Klinik transportiert. Auch für Usain Bolt, Jamaikas Supersprinter, hatte ein Termin im Alten Hof Folgen: Anfang Juni ordnete der Doc eine strikte Wettkampfpause an - die Eilmeldung von der entzündeten Achillessehne des Rekord-Athleten ging von München aus in die ganze Welt.

Müller-Wohlfahrt weiß, dass er mit bald 68 Jahren auf dem Gipfel des Ruhms angelangt ist, wobei er versucht, nicht zu sehr damit zu kokettieren. Dass Bundestrainer Joachim Löw gerade sein neues Buch über Muskelverletzungen vorstellte, erfüllt ihn aber mit Stolz. Sogar die Kritiker, die früher an seinen Nebengeschäften - Pillen, Salben, allerhand wohlfeile Wohlfahrt-Pakete - herumnörgelten, sind verstummt. Nach der schockierenden Diagnose im Fall Ballack meldeten sich allerdings gleich die üblichen Kritiker:

Den Knöchel des Kapitäns könne man doch locker bis zur WM hinkriegen, lautet die Ferndiagnose einiger Ärzte. Totaler Quatsch, findet Müller-Wohlfahrt, obwohl er das selbst nie so flapsig formulieren würde. "Ich suche jederzeit den fachlichen Austausch und die kritische Auseinandersetzung mit den Kollegen. Deshalb wünschte ich mir, die Kollegen würden in solchen Fällen direkt das Gespräch mit mir suchen und nicht den Weg über die Presse gehen, wenn sie die Befunde gar nicht kennen." Da ist er wieder, der friedliebende Medizinmann, der auf gar keinen Fall arrogant wirken möchte und triumphale Töne, wie sie bei Ärzten seines Formats üblich sind, bewusst meidet.

Früher gab es Menschen, die Müller-Wohlfahrt sehr gut kannten und ihn für den besten Diagnostiker der Welt, aber für einen lausigen Geschäftsmann hielten. Diese Stimmen sind kaum mehr zu vernehmen, seit er sich auf seine Praxis, den FC Bayern und die Nationalmannschaft konzentriert. Selten ist der Kunstfreund noch in der Öffentlichkeit unterwegs; auch um seine Ehefrau Karin, eine Künstlerin, die Skulpturen anfertigt und ab und an die Klatschpresse mit Petitessen beschäftigte, ist es ruhig geworden. Auf Partys geht er nur noch, wenn es sein muss: "Das ist nicht mehr meine Welt." Viel lieber dreht der begeisterte Jogger seine Runden an der Isar, da ist er unerbittlich mit sich und seinem Bindegewebe. Das ist auch nötig, in seinem Alter: So ein Spurt von der Trainerbank bis zum Ende des Spielfelds könnte sonst leicht mit einer Zerrung enden.