Lehr- und Versuchsgut der LMU München:Mit schlechtem Beispiel voran im Uni-Schweinestall

SZ-Leserinnen und Leser sind teils sehr empört, dass in der praktischen Veterinär-Ausbildung das Tierwohl so wenig beachtet wird

Lehr- und Versuchsgut der LMU München: Gesetzlich zulässig – aber muss ein Lehr- und Forschungsbetrieb der Ludwig–Maximilians-Universität mit schlechtem Beispiel bei der Schweinehaltung vorangehen? Etwa mit dem Kastenstand, der in vielen anderen Ländern längst verboten ist, weil sich die Muttersau nicht einmal umdrehen kann.

Gesetzlich zulässig – aber muss ein Lehr- und Forschungsbetrieb der Ludwig–Maximilians-Universität mit schlechtem Beispiel bei der Schweinehaltung vorangehen? Etwa mit dem Kastenstand, der in vielen anderen Ländern längst verboten ist, weil sich die Muttersau nicht einmal umdrehen kann.

(Foto: Florian Peljak)

Zu "Eingepfercht für die Forschung" vom 4. Dezember und "'Schockierende Zustände' im Schweinestall" sowie dem Kommentar "Inakzeptable Praxis an der LMU" jeweils vom 5. Dezember:

"Tiere sind keine Sachen"

"Solange die Verbraucher billiges Fleisch wollen, muss es eben um die Wirtschaftlichkeit gehen." Das kann doch kein ernsthaftes Argument sein für Tierquälerei. Wir dürfen ja auch nicht mit Tempo 100 durch die Stadt fahren, nur weil manche Autofahrer das gern wollen. Gegen Rentabilität und Wirtschaftlichkeit ist grundsätzlich nichts einzuwenden, allerdings nicht um jeden Preis. Wenn der Gutsleiter dann noch sagt, bei Tieren handle es sich letztlich immer noch um Sachen, dann ist das der Gipfel. Im § 90a des BGB heißt es ausdrücklich: "Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt." Das schließt nicht aus, dass sie juristisch bei bestimmten Vorschriften wie Sachen behandelt werden, zum Beispiel beim Kauf. Ewald Kleyboldt, Traunstein

Wo bleibt die Ethik?

Das Bild der resigniert-verzweifelt schauenden Sau ist erschütternd, noch zudem, weil Schweine hochsensibel sind. Dass solch eine Tierhaltung noch erlaubt ist, ist meines Erachtens ein Skandal. Wenn eine Tierfakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) neu gebaut wird, dürfte es doch wohl selbstverständlich sein, dass das Tierwohl, von dem in letzter Zeit so oft gesprochen wird, an erster Stelle steht. Für mich eine verpflichtende ethische Frage! Und für die Regierung als "Schirmherr" und Geldgeber solcher Projekte und für die Betreuer der Tiere? - In welcher Zeit leben wir eigentlich! Gabriele Kämpf, Oberschleißheim

Billige Ausrede

Die billige Ausrede - "Verbraucher wollen billiges Fleisch" - kann ich nicht mehr hören. Niemand geht zum Metzger und verlangt das Kilo Schweineschnitzel für 2,90 Euro, weil er billiges Fleisch will. Der Verbraucher wählt aus dem Angebot, und leider können sich scheinselbstständige und unter Mindestlohn bezahlte Arbeitnehmer nur die Ware leisten, deren Preis erst durch die im Artikel beschriebene Tierhaltung wirtschaftlich möglich gemacht wird. Alexander Hertz, München

Realitätsnaher Einblick

Ihren Artikel über die "Tierquälerei" am Landwirtschaftlichen Versuchsgut der LMU kann ich leider nicht unkommentiert stehen lassen. Abgesehen davon, dass Sie darin falsche Tatsachen postulieren - die Sauen können sich im Deckzentrum sehr wohl ablegen, alles andere wäre tatsächlich ein Gesetzesverstoß, der in diesem Fall nicht vorliegt (die Sauen können sich im Kastenstand zwar zwischen den Gitterstäben ablegen, nicht jedoch umdrehen,; d. Red.), wundert es mich doch sehr, dass keine Bilder vom vorbildlichen Wartestall, wo die Sauen den Großteil ihres Lebens verbringen, in Ihrem Artikel vorkommen. Dort leben diese auf Stroh und können sich frei bewegen. Vielleicht lag es nicht in Ihrem Interesse, die positiven Aspekte ebenfalls darzustellen? Ihr Artikel stellt eine Momentaufnahme dar, wohingegen ich als Studentin schon über mehrere Wochen auf dem Betrieb hospitiert habe und viele Darstellungen definitiv nicht bestätigen kann. Außerdem können Sie sich in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen gerne informieren, dass die Abferkelboxen für das freie Abferkeln höhere Ferkelverluste mit sich ziehen, das würde ich als evidenzbasierter bezeichnen als "Aussagen von Ökobauern".

Das Versuchsgut ist ein Betrieb, durch den die Tiermedizin-Studenten einen realitätsnahen Einblick in die konventionelle, flächendeckend so in Deutschland betriebene Tierhaltung bekommen können und in Arbeitsabläufe mit einbezogen werden, keinesfalls eine Forschungsanstalt für Landwirtschaft und Tierhaltung, denn dafür gibt es andere Institutionen (zum Beispiel das Bayerische Landesamt für Landwirtschaft). Ich persönlich finde es sehr schade, dass Kritik nicht auf direktem Wege, sondern anonym erfolgt ist und würde mir wünschen, dass Diskussionen eher konstruktiv, miteinander und auf Augenhöhe erfolgen. Andrea Feuerstein, Neufahrn

Erschreckende Einstellung

Vielen Dank, dass die SZ immer wieder zu diesem Thema berichtet. Es fällt schwer, das Foto anzuschauen, aber es fällt noch schwerer sich vorzustellen, dass sich so etwas in einer bayerischen Universität abspielen kann!

Noch erschreckender sind die Kommentare der zuständigen Professoren Märtl bauer und Straubinger sowie die Aussage von Gutsleiter Scholz, bei Tieren handle es sich um Sachen. Es sind Lebewesen, die Gefühle haben! Kommt es hier nur auf den Profit an? Hier wird mit dem Geld der Bürger Tierquälerei finanziert, und das nennt sich auch noch Forschung. Was da "erforscht" wird, ist längst bekannt und in vielen Ländern verboten. Hannelore Hartmann, Eichenau

Die erbärmliche Haltung eines staatlichen Lehrbetriebs

Die Argumente, mit denen die Verantwortlichen des Versuchsgutes in Oberschleißheim ihre nach aktuellem Recht zulässige, aber tierquälerische Schweinehaltung rechtfertigen, hätte man vielleicht von einem zynischen Vertreter eines Agrarkonzerns erwartet (die Schweinehaltung im Versuchsgut Oberschleißheim genießt Bestandsschutz und ist gesetzeskonform für die Dauer von Übergangsfristen, welche die Regierung nicht näher definiert hat bisher; d. Red.). Für die Vertreter eines staatlichen, universitären Lehr- und Forschungsbetriebes sind sie erbärmlich.

Der geschäftsführende Vorstand des Betriebes, ein Professor für Milchhygiene, behauptet, man dürfe schon deshalb nichts verändern, weil der Betrieb in seinem Bestand geschützt sei. Jede Veränderung lasse diesen Schutz entfallen. Das tut weh, auch juristisch. Der "Bestandsschutz" für das Stallgebäude soll also bereits dann erlöschen, wenn es dem Schwein nur ermöglicht würde, sich wenigstens umdrehen und ungehindert aufstehen zu können? Oder wenn die Ferkel - alles andere wäre ab 2021 ohnehin verboten - nur noch unter Betäubung kastriert würden?

Der Dekan der Veterinärmedizinischen Fakultät der LMU wiederum begründet diese Schweinehaltung damit, dass sie "wirtschaftlich" sei und die Landwirtschaft nun mal auf Masse konzipiert sei. Aber sollte es nicht die vornehmste Aufgabe eines staatlichen Lehr- und Forschungsbetriebes sein, den Landwirten Wege aufzuzeigen, wie sie ihre Betriebe auch ohne Tierquälerei effektiv führen können?

Der Gutsleiter schließlich, auch er ein habilitierter Wissenschaftler, schiebt die Verantwortung für Tierquälerei gleich ganz dem Verbraucher zu. Der wolle nun mal billiges Fleisch. Und im Übrigen handele es sich bei Tieren immer noch um "Sachen". Kennt er nicht seine besondere Verantwortung für Tiere als "Mitgeschöpfe" nach dem Tierschutzgesetz? Weiß er nicht, dass selbst im Bürgerlichen Gesetzbuch vor mehr als einem Vierteljahrhundert klargestellt worden ist, dass Tiere gerade keine "Sachen" sind?

Und: Wenn allein der (angebliche) Wunsch der Verbraucher nach billigen Produkten Maßstab für das Handeln eines Betriebes sein sollte, dann wäre übrigens neben Tierquälerei auch Sklavenarbeit eine Lösung. Wir schämen uns für solche Repräsentanten des Staates und der LMU. Eva und Guido Kamp, Murnau

© SZ vom 09.12.2019
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB