bedeckt München 21°
vgwortpixel

Unterschleißheim:Kein Applaus - kein Geld

Nur für die Fotografin treten die kleinen und großen Künstler des Zirkus Bambino in die "Manege." Weder der kleine Clown noch der Rest der großen Zirkusfamilie haben derzeit Grund zum Lachen. Auf Einnahmen und Applaus müssen sie wohl bis in den Herbst hinein verzichten.

(Foto: Catherina Hess)

Der Zirkus Bambino hat wegen der Corona-Krise keine Einnahmen mehr. Der Familienbetrieb ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Die Stadt stellt den Platz kostenlos zur Verfügung

Enrico Lauenburger und seine Frau Mandy Frank vom Zirkus Bambino verzichten wie viele andere Artisten auf ein Schutznetz, wenn sie in schwindelnder Höhe waghalsige Kunststücke vollführen. Runtergefallen sind sie beide schon mehrmals, und nicht selten haben sie sich dabei die Knochen gebrochen. Jetzt aber steht für sie eine Nummer auf dem Programm, bei der artistisches Können keine Rolle spielt. Das Leben der Zirkusfamilie ist aufgrund des Auftrittsverbots zu einem Drahtseilakt geworden, und ohne Hilfestellung werden sie die Balance nicht halten können.

Seit einem Monat steht die Wagenburg des Zirkus Bambino auf einer Wiese am Ludwig-Pettinger-Weg in Unterschleißheim. Die mit 29 Jahren vermutlich jüngste Zirkusdirektorin Europas wurde vor 18 Jahren hier in einem Zelt getauft, allein deshalb fühlt sich Mandy Frank in Unterschleißheim ein wenig zuhause. Aber ein Zirkuszelt ist kein Rettungsschirm. Ein solcher wird auch über die Artistenfamilie nicht gespannt werden. Als Relikt aus der Nazi-Zeit zählen Zirkusse hierzulande nicht mehr als Kulturgut, werden mithin nicht gefördert. Alle Veranstaltungen bis Ende August sind abgesagt, so etwa das Zeltfest im Juni und das Stadtfest im August in Unterschleißheim. Wie das Leben für sie und ihre große Familie jetzt weitergehen wird, das weiß die junge Frau nicht. "Haftpflicht, Fahrzeug-TÜV, Zelt-TÜV - die Kosten steigern sich ins Unermessliche", sagt Frank. Die größten Sorgen macht sie sich nunmehr aber um ihren Vater, der bereits drei Herzinfarkte erlitten hat und den die aktuelle Misere arg belastet. "Mein Papa hat immer gesagt, lieber verhungere ich, als dass ich zum Sozialamt gehe - aber jetzt müssen wir", sagt sie. Dass ihr Antrag auf Sozialhilfe gestattet wird, hofft sie, auch wenn der Unternehmenssitz in Niedersachsen ist.

Der Zirkus, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1840 zurückreichen, hat schon lange keine Tiernummer etwa mit Bären, Affen und Elefanten mehr im Programm. "Wir haben umgestellt auf Hühner, Hasen und Hund", sagt sie mit verschmitztem Lächeln. Tatsächlich reist der Zirkus "Bambino" schon lange als Familienzirkus durch die Lande, und beglückt die Unterschleißheimer Kinder alljährlich mit einem Ferienprogramm.

Was Enrico Lauenburger und Mandy Frank derzeit moralisch über Wasser hält, sind die Anteilnahme und die Hilfsangebote der Unterschleißheimer. Als sie vor einem Monat den Standplatz in Petershausen nicht mehr bezahlen konnten und praktisch auf der Straße standen mitsamt Wohnwägen, Zelten und der vielköpfigen Familie, darunter allein zwölf Enkelkinder, zögerte Bürgermeister Christoph Böck (SPD) keinen Moment. Die im Ort beliebte Zirkusfamilie durfte ihre Zelte auf der stadteigenen Wiese aufschlagen, Strom und Wasser zahlt die Kommune. Ihren Restmüll holt die Firma Hartmeier kostenlos ab. Kürzlich sei ein Polizist mit seiner Tochter auf ihren Platz gekommen, habe Geld in die Spendendose geworfen und ihnen "Kopf hoch, es geht weiter" zugerufen, berichtet die Zirkusdirektorin. Was sie aktuell bedrückt, ist die Tatsache, dass derzeit Betrüger in Unterschleißheim unterwegs sind und angeblich Spenden für den Zirkus sammeln. "Leute an der Haustür festnageln, so etwas machen wir nicht, unser guter Ruf ist uns wichtig", sagt sie. Stattdessen hat sie alle örtlichen Firmen angeschrieben, einen Aufruf bei Facebook gestartet und im Ort und auf ihrem Platz Spendenboxen aufgestellt. Aus Dank für die freundliche Aufnahme in Unterschleißheim werden sie bei nächster Gelegenheit kostenlose Vorstellungen geben, verspricht Mandy Frank. Sie und ihr Mann sehnen diesen Augenblick auch aus einem anderen Grund herbei: "Wir beide sind süchtig nach Applaus."

© SZ vom 23.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite