bedeckt München 15°

Unterschleißheim:Gestorben wird nicht virtuell

Gesundheitsminister fordert bessere Sterbebegleitung zu Hause

Die Begleitung Sterbender in Alten- und Pflegeheimen ist durch die Corona-Auflagen erschwert.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Seit 20 Jahren begleitet die Hospizgruppe Wegwarte Todkranke, auch in Corona-Zeiten sucht sie den direkten Kontakt

Von Irmengard Gnau, Unterschleißheim

Sie hätte sich wahrlich einfachere Umstände vorstellen können. So aber war Kreativität gefragt von Lissy Meyer und ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern und auch ein wenig Pragmatismus, damit die Hospizgruppe "Wegwarte" in Unterschleißheim ihr 20-jähriges Bestehen begehen konnte. Die Feier am vergangenen Freitag hätten eigentlich gut 80 Menschen besuchen sollen, so wurden es eben 37 handverlesene Gäste, darunter Landrat Christoph Göbel, die sich unter Berücksichtigung aller Corona-Regeln im Alten Wirt versammelten.

Meyer, die der Hospizgruppe seit sechs Jahren vorsteht, war es gerade wegen der so speziellen Umstände wichtig, dass die Feier stattfindet, auch um ein Zeichen zu setzen: Die Hospizbegleiter sind da, sie trotzen der Pandemie. Die Hospizarbeit leidet sehr unter Corona. Sterbende in ihren Privatwohnungen dürften die ehrenamtlichen Begleiter zwar besuchen, berichtet Meyer. Doch diese seien meist verhältnismäßig gut versorgt von ihrer Familie. In den Heimen hingegen sind Besucher nur selten erlaubt. "Ins Pflegeheim, wo die wirklich Einsamen sind, dürfen wir im Regelfall nur ganz zum Schluss", sagt Meyer. Dabei wäre es so wichtig, die Menschen bereits vorher, in den letzten Wochen ihres Lebens, zu begleiten, um eine Beziehung aufzubauen und ihnen, wenn es zu Ende geht, beistehen zu können.

Durch die eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten während der vergangenen Monate leiden viele gesellschaftliche Beziehungen. Gerade Ältere oder Alleinstehende tun sich schwer, unter diesen Umständen Umgang mit anderen Menschen zu pflegen. "Das ist eine ganz besondere Tragik dieser Situation", sagt Meyer: "Menschen, die vorher schon allein waren, werden jetzt richtig einsam." Die Hospizgruppe versucht, dem mit ihren Mitteln entgegenzuwirken. Über das Telefon halten die Begleiter Kontakt mit Betroffenen, unterstützen auch die Angehörigen von Sterbenden mit Beratung und Zuspruch. Denn gerade das, was beim Abschied so wichtig ist - zu spüren, dass jemand da ist - "geht nicht virtuell", sagt Meyer.

Seit 20 Jahren begleiten Ehrenamtliche in Unterschleißheim Schwerstkranke und Sterbende auf der letzten Etappe ihres Lebenswegs. Die "Wegwarte", benannt nach der blau blühenden Pflanze am Wegesrand, entstand aus einer Selbsthilfegruppe. Lange lief das Angebot sehr niederschwellig, erst seit fünf Jahren gibt es einen Briefkasten. Heute kann sich jeder im Internet über die Angebote informieren. Seit vier Jahren koordiniert eine hauptamtliche Pflegefachkraft die Arbeit der speziell ausgebildeten Ehrenamtlichen, bezahlt wird sie von der Caritas. Die derzeit 15 Männer und Frauen der Hospizgruppe seien trotz der schwierigen Situation hoch motiviert, sagt Meyer. Sie ist sich sicher: "Es wird weitergehen und wir werden Möglichkeiten finden, für die Menschen da zu sein."

© SZ vom 28.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite