Straßennamen Flagge zeigen

Manche Gemeinden tun sich mit der Erinnerungskultur noch schwer - andere handeln

Von Bernhard Lohr, Haar/Feldkirchen/Taufkirchen

In Haar kommt die Aufarbeitung der belasteten Geschichte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt voran. Der Gemeinderat rückt im November einiges zurecht: So beschließt das Gremium einstimmig, die Von-Braunmühlstraße umzubenennen. Damit stößt man einen Arzt vom Podest, weil er sich nach neuen Erkenntnissen in der NS-Zeit am Tod von Psychiatrie-Patienten schuldig gemacht hatte. Die Straße wird nach dem unbelasteten Arzt Max Isserlin benannt. Außerdem wird es im Wohngebiet Jugendstilpark eine Edith-Hecht-Straße geben. Erstmals erhält ein Opfer des sogenannten Euthanasie-Programms die verwehrte Aufmerksamkeit. Edith Hecht steht stellvertretend für viele.

Mehr als 70 Jahre liegt das Kriegsende zurück. Doch die Debatten über den Umgang mit der Vergangenheit finden kein Ende. Im Gegenteil: Sie leben aus unterschiedlichen Gründen gerade im Jahr 2018 in vielen Gemeinden neu auf. In Haar spielt eine Rolle, dass viele Angehörige auch von Opfern der Psychiatrie-Morde lange Zeit das Thema verdrängt haben. Viele finden erst jetzt die Kraft, genauer hinzusehen. So kann 2018 auch das Gedenkbuch für die Münchner "Euthanasie"-Opfer erscheinen. In Zuge der Recherchen dafür war Braunmühl ins Licht gerückt, der lange angesehener Arzt und nach dem Krieg bis zu seinem Tod sogar Ärztlicher Direktor in Eglfing-Haar war.

In Feldkirchen und Taufkirchen geht es um die Frage, wie viel Ehre dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem Pionier der Luftfahrt und Unternehmer Willy Messerschmitt heute noch zuteil werden soll, nach denen ein Platz und eine Straße benannt sind. Hindenburg erteilte 1933 Adolf Hitler den Auftrag zur Regierungsbildung und gilt als Steigbügelhalter des späteren Diktators. Messerschmitt diente den Nationalsozialisten bei der Aufrüstung und setzte in seinen Werken Tausende Zwangsarbeiter ein.

In Haar folgen die Gemeinderäte dem Wunsch des Bezirks Oberbayern, sich von dem belasteten Arzt zu distanzieren, um eine dem Menschen zugewandte, moderne Medizin zu stärken. Ein vergleichbares Zeichen hätte sich Bürgermeister Werner van der Weck (SPD) für Feldkirchen längst gewünscht. Schon zwei Mal lehnte es in der Vergangenheit der Gemeinderat ab, den Hindenburgplatz umzubenennen. Jetzt nach einem auf der Bürgerversammlung im Herbst beschlossenen Bürgerantrag will van der Weck die Angelegenheit am 17. Januar 2019 erneut dem Gemeinderat vorlegen. Hindenburg stehe für ein "unseliges" Kapitel der Geschichte, sagt van der Weck. Man könne nicht sagen, das sei einem egal. Auch gebe es keinen Bezug zu Feldkirchen. In Zeiten, in denen Rechtspopulisten wieder nationale Töne anschlügen, solle man Flagge zeigen. Van der Weck wünscht sich einen Europaplatz in Feldkirchen. Mit der Messe in Riem sei ganz Europa, ja die Welt zu Gast, sagt er.

Die Welt kennt auch die Willy-Messerschmitt-Straße 1 in Taufkirchen. Dort ist die Airbus Defense and Space GmbH zu Hause. Und das ist auch einer der Gründe, warum es auf die in Taufkirchen in diesem Jahr wieder aufgekommene Frage, ob man dem Mann, der unter Hitler zum Wehrwirtschaftsführer aufstieg, wirklich eine Straße widmen sollte, die altbekannte Antwort gibt. Die Messerschmitt-Straße bleibt. Ein gewichtiges Wort soll dabei auch Airbus mitgesprochen haben.