Radikale Fußballfans in München:Das Ziel ist Provokation

Lesezeit: 5 min

Als sie in Fröttmaning aus der U-Bahn steigen, recken sie die Fäuste in die Luft und skandieren Parolen gegen den FC Bayern. Dann bleiben sie stehen, die Sprechchöre werden lauter, die Fans blicken hinüber zur Schickeria, die das Ziel ihrer Provokation ist. Dass es jetzt keine Keilerei gibt, ist wohl der zweireihigen Barrikade der Polizei zu verdanken; zwischen U-Bahn-Ausgang und Streetwork-Bus bauen sich Dutzende VW-Busse, eine berittene Reiterstaffel, eine Schar von Beamten vom Unterstützungskommando und Hundeführer mit ihren Tieren auf.

Schickeria

Polizei und Fans des 1. FC Kaiserslautern vor der Allianz Arena.

(Foto: Beate Wild)

Nach einigen angespannten Minuten gehen die Kaiserslautern-Fans weiter ins Stadion. "So viel Polizei wie heute hab' ich schon lange nicht mehr gesehen", sagt Günter Krause. Je gefährlicher ein Spiel eingestuft wird, um so mehr Polizisten sind im Einsatz. Viele Fans prangern an, dass dieses Aufgebot restlos übertrieben sei und doch nur Steuergeld koste. Das Innenministerium kann keinen Euro-Betrag beziffern, nur Stunden: In der vergangenen Saison waren bei 308 Spielen bayerischer Vereine 32.871 Polizisten insgesamt 224.801 Stunden im Einsatz.

"Wenn wir nicht wären, würden solche Situationen eskalieren", sagt Klaus Röschinger, Leiter der sogenannten szenekundigen Polizeibeamten. Bei diesem Spiel gegen Kaiserslautern sind insgesamt 300 Polizisten im Dienst, er nennt das "relativ normal". Im Vergleich: Die Schickeria hat derzeit 700 Mitglieder, davon sind etwa 300 sehr aktiv. "Aber wenn man die Ultras in Relation zu den insgesamt 69.000 Fans setzt, die ins Stadion passen, bewegen wir uns da im Promillebereich", sagt der 48-Jährige. "Es sind wenige, dafür sind sie aber schnell gewaltbereit." Dabei seien viele Mitglieder der Schickeria Akademiker. Oder, wie Streetworker Krause das ausdrückt, "keine Bierdimpfl".

"Das Problem ist, dass sie nicht mit uns reden", klagt Röschinger. Es stehe sogar in der Vereinssatzung der Schickeria, dass man nicht mit Polizisten sprechen dürfe. Über das Verbot von Megafonen etwa könnte man von Seiten der Polizei durchaus verhandeln. "Aber die Schickeristen verweigern sich." Die wiederum glauben, dass die Polizei mit voller Absicht so rigide handelt. Gespräche führten eh zu nichts, sagt Ben und witzelt: "Wir sind ja so wahnsinnig gefährlich."

Später während des Spiels steht er zusammen mit einem anderen "Capo" mit dem Rücken zum Spielfeld in der Südkurve. Von einem Podest aus feuern sie die Ultras an und dirigieren die Fangesänge. Da Megafone ja nicht erlaubt sind, brüllen sich die beiden die Seele aus dem Leib und springen auf und ab wie zwei Rapper in einem Musikvideo. Die so animierte Südkurve hüpft, klatscht im Takt, wedelt mit den Fahnen und haut auf ein paar mitgebrachte Trommeln ein.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema