Online-Aufführung:Polemisieren statt konsumieren

Schüler des Carl-Orff-Gymnasiums zeigen im Unterschleißheimer Jugendkulturhaus Gleis 1 das theatralische Kabarett "Angst Macht Konsum". Die kapitalismuskritische Inszenierung basiert auf einem P-Seminar

Von Udo Watter, Unterschleißheim

"Angst Macht Konsum" Carl-Orff-Gymnasium, Theater, Unterschleißheim

Einige Gruppenszenen mit den Schülern sind bereits für die Streaming-Vorstellung aufgezeichnet worden. Die Message scheint klar: Ein wachstumslogisches "Weiter so" soll es nicht geben.

(Foto: COG-Theatergruppe)

Was gesellschaftspolitische Prioritäten angeht, wird einem manchmal das Gefühl vermittelt, zu konsumieren sei die erste Bürgerpflicht: Um Wirtschaft und Wachstum am Laufen zu halten, schon klar, davon profitieren wir ja vermeintlich alle. Aber sollen wir vielleicht auch deswegen ständig konsumieren, um abgelenkt zu sein und nicht zu viele Fragen zu stellen? Ist es etwa gerecht, was echte und so genannte "Leistungsträger" verdienen? Ist es gerecht, dass manche Leute quasi nur noch ihr geerbtes Geld für sich arbeiten lassen? Die absurde Wertsteigerung von Grundstücken in und um München? Und wie viel unseres (allerdings auch ungleich verteilten) Wohlstandes basiert auf globaler Ausbeutung?

Man muss kein kubanischer Revolutionär oder passionierter Trotzkist sein, um gewisse Auswüchse des Kapitalismus und des neoliberalen Siegeszugs kritisch zu betrachten, samt seines Einflusses auf die demokratische Kultur. "Wir sind hier nicht alle Kleinkommunisten", sagt Michael Blum und lacht. Einige der 14 Schülerinnen und Schüler des Unterschleißheimer Carl-Orff-Gymnasiums (COG), die an dem von ihm angebotenen P-Seminar "Politisches Kabarett" 2020 teilgenommen haben und jetzt an diesem Freitag, 26. März, erstmals das dabei erarbeitete kapitalismuskritische Stück "Macht Angst Konsum" zeigen, sind politisch engagiert, das schon. Bei den jungen Grünen, bei der Jungen Union, und natürlich machen auch etliche auch bei "Fridays for Future" mit. Aber es geht eben nicht darum, die Gesellschaft revolutionär auf den Kopf zu stellen, sondern Gerechtigkeitsfragen zu stellen, sich nicht vom Denken ablenken zu lassen. Und offen zu reden, nicht derart feindselig und ideologisch verhärtet, wie zunehmend im öffentlichen (digitalen) Raum. "Es wurde positiv gestritten, wie es in einer Demokratie sein soll", sagt Blum über das Seminar, "im geschützten Raum Schule sind solche Diskurse möglich." Blum, der Mathematik und Katholische Religion am COG unterrichtet, zeichnet dort überdies für spannende Theaterprojekte verantwortlich, oft im Verbund mit seiner Frau Stefanie Höcherl, die ebenfalls Lehrerin ist. Der Anspruch: mit den Schülergruppen gesellschaftliche Fragen dramaturgisch packend auf die Bühne zu bringen. Das aktuelle Stück, das bisher wegen der Corona-Pandemie und diverser Lockdowns nicht aufgeführt werden konnte, wird nun als Live-Stream präsentiert, gefilmt auf der Bühne des Jugendzentrums Gleis 1 im Ortsteil Lohhof. Es ist theatrales politisches Kabarett: von den Schülern geschriebene Sketche respektive Soloszenen, Choreografien, Gedanken und zahlreiche Aphorismen zu den drei Gesellschaftsphänomenen "Angst", "Macht" und "Konsum", sowie musikalische Begleitungen. Das Ganze basiert auf den Büchern des früheren UN-Sonderberichterstatters des Menschenrechtsrats Jean Ziegler "Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin" und des Psychologieprofessors Rainer Mausfeld "Angst und Macht: Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien."

Michael Blum, Lehrer, Theater. Carl-Orff-Gymnasium, Unterschleißheim

Michael Blum unterrichtet Mathematik und Katholische Religinslehre am Carl-Orff-Gymansium. Zudem setzt er mit seinen Schülern immer wieder ambitionierte Theaterprojekte um.

(Foto: privat)

Für die Schüler, die derzeit eigentlich genug gefordert sind mit ihren Abiturprüfungen, war schnell klar, die Möglichkeit zur Online-Aufführung zu nutzen - angeboten vom Forum Unterschleißheim, dem Kulturamt der Stadt. "Es sind tolle Schüler:innen", sagt Blum, dem der gendersensible Glottisschlag locker von der Zunge geht. "Es ist schon ein hartes Brett, aber sie sind tapfer." Auch wenn den 52-Jährigen selbst durchaus Respekt befällt angesichts der noch unerprobten Aufführungsform. "Die Fallhöhe ist groß", sagt er. "Kapitalismuskritik und dann auch noch Live-Streaming." Manche Gruppenszenen wurden schon vorher abgedreht, unter Einhaltung der Hygieneregeln, und werden in die Live-Übertragung eingebaut. Hilfreich ist dabei auch die technische Versiertheit des ein oder anderen Schülers. An diesem Freitag, 26. März (Beginn: 20 Uhr), werden vor allem die Soloszenen live inszeniert. Sie sind von unterschiedlicher philosophischer Tiefe, wie Blum erzählt, und mitunter auch von polemisch- provokanten Folgerungen geprägt. "Die Schüler haben immer die Inhaltshoheit behalten." Etliche sind Mitglieder der jungen Unterschleißheimer Dichtergruppe "Die Regenschirmpoeten". Wichtig war uns, dass es satirisch und spielerisch ist und nicht didaktisch rüberkommt", sagt Blum.

Er hat die Sketche mit Vorgaben zu befeuern gesucht und Fragen ("Welches Verhalten ist Unsinn, aber gut für's Bruttosozialprodukt?") als Inspirationshilfen gestellt. Es geht um Gerechtigkeit, Konsumismuszwang, Gesprächskultur, Zukunft. Auch um die Hinterfragung scheinbar alternativloser Lösungsansätze. Obgleich die Aufführung nun nicht gezeigt werden kann, wie ursprünglich geplant, weil die Bewegungsmöglichkeiten, Nähe und Berührung auf der Bühne pandemiebedingt stark eingeschränkt sind, freut sich Blum in Zeiten, in den es weder als Schüler noch als Lehrer einfach ist. "Es ist motivierend, mal wieder etwas Ästhetisches zu machen." Freilich war das große Thema "Kapitalismuskritik" inklusive der zwei erwähnten Bücher von Ziegler und Mausfeld auch von der Theorie her nicht ganz einfach zu erarbeiten. In seinem neuen P-Seminar bietet Blum zwar wieder "Kabarett" an, diesmal aber mit Schwerpunkt "Comedy".

Die Online-Vorstellung beginnt um 20 Uhr. Anmeldung unter theater.cog@live.de.

© SZ vom 25.03.2021
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