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Öffentlicher Nahverkehr:Erfolgsmodell mit Kinderkrankheiten

Das neue 365-Euro-MVV-Ticket für Schüler und Auszubildende wird stark genutzt. Bei kurzen Schulwegen ist die Fahrkarte selbst zu bezahlen. Hoffen dürfen Familien, die durch die Neuregelung sogar benachteiligt werden

Von Stefan Galler, Landkreis

Ein ganzes Jahr das Gesamtnetz des Münchner Verkehrsverbundes (MVV) nutzen und gerade mal 365 Euro dafür hinblättern - schon wenige Wochen nach seiner Einführung entwickelt sich das 365-Euro-Ticket für Schüler und Auszubildende im Großraum München zu einem echten Erfolgsmodell. Insbesondere für jene, denen die Kosten auch noch vollständig erstattet werden, weil ihr Schulweg länger ist als drei Kilometer, ist diese Option praktisch ein Muss. Aber auch jene, die den regulären Preis bezahlen, zeigen sich zu großen Teilen begeistert.

"Mein 15 Jahre alter Sohn hat schon angekündigt, dass er das Ticket auch will, wenn er nächstes Jahr nicht mehr bezugsberechtigt ist", sagt Markus Büchler, Kreisrat aus Oberschleißheim und Landtagsabgeordneter der Grünen. "Ich finde, man kann über dieses Ticket die Jugendlichen auch über den Schulweg hinaus an den öffentlichen Nahverkehr heranführen und damit verhindern, dass jeder mit 18 gleich aufs Auto umsteigt", sagt Büchler.

Dass das 365-Euro-Ticket flächendeckend gut ankommt, kann Landrat Christoph Göbel (CSU) bestätigen: "Die geschätzte Auslastung wurde bereits kurz nach Start des neuen Schuljahres zu rund 90 Prozent erreicht. Man kann sagen, dass das Angebot extrem gut angenommen wird." Und der Christsoziale hat ebenso wie der Grüne Büchler schon persönliche Erfahrung mit dem neuen Flatrate-Fahrschein: "Meine beiden Söhne nutzen das Ticket, auch wenn sie nur zwei Kilometer von der Schule entfernt wohnen. Aber zum Laufen sind sie zu faul", erzählt der Landrat lachend.

Göbel muss die neue MVV-Jahreskarte wegen des kurzen Schulwegs seiner Buben selbst bezahlen und kann deshalb gut verstehen, dass sich manche Eltern über die fehlende Gerechtigkeit bei dieser Regelung ärgern. Es gibt genügend Beispiele von Straßen, in denen manchen Familien das Ticket erstattet wird, während andere, die nur unwesentlich näher an der Schule wohnen, aber eben knapp unter die Drei-Kilometer-Regel fallen, selbst für die Kosten aufkommen müssen. "Das ist eine Sache des Gesetzgebers, wir haben wenig Möglichkeiten, hier tätig zu werden", sagt Göbel, der das Thema im Sommer auch schon einmal in die Kreisgremien gebracht hat, um die Bereitschaft nach einer vollständigen Kostenübernahme durch den Landkreis abzufragen.

Damals zeigten sich die Kreisräte angesichts des dafür notwendigen Millionenbetrags mehr als skeptisch, auch vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Probleme für viele Kommunen durch die Corona-Krise. Während beispielsweise in der Stadt Starnberg womöglich schon bald sämtliche Schüler, auch Gastschüler innerhalb Starnberg, Hortkinder sowie Schüler von Privat- und Förderschulen, umsonst fahren dürfen, spricht sich im Landkreis München selbst ein Verfechter des ÖPNV wie Markus Büchler gegen eine flächendeckende Erstattung der Transportkosten durch den Kreis aus: "Wenn der Landkreis mit seinen Mitteln viel Unsinn machen würde, wäre mir lieber, wir würden das 365-Euro-Ticket weiter subventionieren. Aber das ist nun einmal nicht der Fall." Deshalb hofft auch Büchler auf eine landesweite Regelung, die Schülern die kostenfreie Anreise zu ihrer Schule garantiert, ganz egal wie weit sie entfernt wohnen - und zwar flächendeckend für alle Heranwachsenden, deren Eltern noch Kindergeld beziehen.

Wie Landrat Göbel sieht auch Florian Schardt, der Vorsitzende der SPD München-Land, ein Problem in der Ungleichbehandlung der Familien. Und darin, dass jedes Kind das 365-Euro-Ticket umsonst beziehen kann, wenn es nur weit genug von der Schule entfernt wohnt - ganz egal, ob der Vater Bankdirektor oder Hilfsarbeiter ist. "In einer perfekten Welt würden wir Gerechtigkeit über das Steuersystem schaffen", sagt Schardt. Dass sich der Landkreis überhaupt über Refinanzierungen Gedanken machen müsse, sei ärgerlich genug: "Einmal mehr macht sich der Freistaat hier einen schlanken Fuß", sagt Schardt. "Ich erwarte, dass der Landrat da noch mehr als Vorkämpfer für den größten Landkreis in Bayern auftritt."

Ein weiteres Problem, das durch die Einführung des 365-Euro-Tickets plötzlich aufpoppte, thematisieren die Grünen in einem aktuellen Antrag an die Kreisgremien. Es geht darum, dass bestimmte Schüler, die vom Landkreis in einen Bereich außerhalb des MVV auspendeln, um zur Schule zu kommen, künftig keine finanzielle Unterstützung durch den Kreis mehr erhalten. Die Begründung ist kompliziert: Der Landkreis darf diese Subvention laut Schülerbeförderungsverordnung nur bezahlen, wenn die Fahrtkosten in jene Schule außerhalb des Kreises das Monatsticket zur dem Wohnort nächstgelegenen Bildungsanstalt nicht um mehr als 20 Prozent übersteigt. Das ist durch die Einführung des deutlich verbilligten 365-Euro-Tickets nicht mehr bei allen der Fall, weshalb eine Familie aus Aying, die ihr Kind nach Bruckmühl, und damit über die Rosenheimer Verkehrsgesellschaft (RoVG) zur Schule schickt, auf Kosten in Höhe von rund 1000 Euro im Jahr sitzen bleiben würde. Landrat Göbel signalisierte bereits, dass sich der Sozialausschuss des Landkreises dieser Problematik annehmen werde. Für Markus Büchler eine wichtige Entscheidung: "Wir müssen die Kinderkrankheiten ausmerzen, damit nicht am Image des 365-Euro-Jugendtickets gekratzt wird."

© SZ vom 05.10.2020
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