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Kultur im Lockdown:Der Vorhang ist gefallen

Findet die Auswahl, welche Branchen es trifft, willkürlich: Pullachs Kulturamtschefin Hannah Stegmayer.

(Foto: Claus Schunk)

Veranstalter beklagen einen "sturen Konsequentismus" der Politik

Der Kulturbereich ist mit am Härtesten betroffen von den Beschränkungen: Von Montag, 2. November, an müssen alle Kulturstätten wieder komplett schließen, für den ganzen Monat. Und das, nachdem die Kulturämter ihre Häuser gerade erst mit viel Geld und Mühe coronakonform umgerüstet, neue Formate entwickelt und die Zuschauer wieder überzeugt hatten, in die Säle zu kommen. "Ein Kraftakt", sagt Hannah Stegmayer, Leiterin des Bürgerhauses Pullach und Mitglied im Vorstand der Interessensgemeinschaft Inthega der bayerischen Gastspielstätten.

Den Lockdown für die Kulturbranche hält sie für "sturen Konsequentismus" der Politik. "Die Auswahl, welche Branchen es trifft, ist sehr willkürlich. Unsere Räume sind zum Beispiel wesentlich luftiger als ein S-Bahn-Waggon", sagt sie. Zudem hätten die ausgetüftelten Hygienekonzepte nachweislich gut funktioniert. Dass die Kultur mit dem öffentlichen Leben pauschal lahmgelegt wird, stört Stegmayer sehr. "Kultur ist eine Branche und nicht Unterhaltung. Dort arbeiten Profis."

Ähnlich äußert sich Barbara Schulte-Rief, die Kulturamtsleiterin in Unterföhring. "Es ist absolut zum Weinen", sagt sie. Nach dem Lockdown im Frühjahr habe man alles umgestellt, die Spielstätten coronakompatibel gemacht und alles daran gesetzt, dem Publikum die mühevoll verschobenen und reduzierten Veranstaltungen unter Einhaltung aller Hygieneregeln zu bieten. "Und jetzt? Ist alles weg", klagt Schulte-Rief. Sie jedenfalls sieht keine Möglichkeit, die für November geplanten Termine in Unterföhring zu verschieben. Im Frühling sei das noch machbar gewesen. "Das war ein zuversichtliches Verlegen." Nun aber müssten die Veranstaltungen restlos gestrichen werden.

Noch am Mittwoch hatte Inthega, deren bayerische Landesvorsitzende Schule-Rief ist, in einem Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder und Kunstminister Bernd Sibler versucht, die Schließung der Kulturstätten zu verhindern. Der Verband beantragt, auch bei einem Inzidenzwert von 100 Neuinfektionen Veranstaltungen stattfinden lassen zu dürfen. Diese Ausnahmegenehmigung sollte analog den Regelungen für Gottesdienste und politische Gremiensitzungen erfolgen, heißt es in dem Papier, das der SZ vorliegt.

"Infektionsschutz hat für uns oberste Priorität. Wir achten auf strikte Einhaltung unserer Hygienekonzepte. Das Publikum fühlt sich bei uns sicher - und wir sind überzeugt, dass es das auch ist! Lassen Sie die Kultur bitte nicht ganz sterben", warben Schulte-Rief und die Inthega-Präsidentin Dorothee Starke für ihre Branche in dem Schreiben und baten "um eine rasche und positive Entscheidung". Diese ist bei der Corona-Konferenz am Mittwochnachmittag in Berlin gefallen - aber nicht im Sinne der Kulturveranstalter und Künstler. Dabei sind die Spielstätten überlebenswichtige Infrastruktur für die einzelnen Künstler, oft Selbständige. Sie werden durch diese zweite Schließung besonders hart getroffen.

© SZ vom 30.10.2020 / gna, sab
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