bedeckt München
vgwortpixel

Kreis und quer:Tolle Hechte auf Stimmenfang

Angesichts der näherrückenden Kommunalwahl laden Bürgerversammlungen zur Selbstbeweihräucherung ein. Taufkirchens Bürgermeister Ullrich Sander ging sogar noch einen Schritt weiter

Der Herbst ist da und damit auch die Zeit, die Früchte seiner Arbeit einzubringen. Zu beobachten dieser Tage nicht bloß auf den Feldern, sondern in den Bürgerhäusern und Mehrzweckhallen der Städte und Gemeinden, wo Rathauschefs gleich welcher Partei aufzählen, welche Erfolge sie im vergangenen Jahr in die Scheuer eingefahren haben: neue Kindergärten und Turnhallen, sanierte Straßen und renovierte Schulen, breite Radwege und schnelles Internet. Auf den Bürgerversammlungen wird geerntet und gelesen, gepflückt und gebrockt, dass es eine Wonne ist und das Herz hüpft.

Es sind fürwahr blühende Landschaften, die da einmal im Jahr zu bestaunen sind, wenn die Bürgermeister ihren Bürgern erzählen, was sie - die Bürgermeister - doch für tolle Hechte sind. Das gilt erst recht, wenn es die letzte Versammlung der Wahlperiode ist - wie diesen Herbst. Kommendes Frühjahr wird in den Kommunen gewählt, werden Stadt- und Gemeinderäte sowie Bürgermeister neu bestimmt, und da ist die Bürgerversammlung die beste Gelegenheit, sich mit der Aufzählung von Wohltaten noch einmal ins rechte Licht zu setzen.

Die Souveränen unter ihnen wie Grünwalds Jan Neusiedl machen dies, indem sie das sorgenfreie Leben ihrer Bürger schlicht auf "vorausschauende Planung" zurückführen; die Vorsichtigen, indem sie zwischen Bericht und Aussprache eine einstündige Pause einschieben, wie Hohenbrunns Stefan Straßmair; die Überambitionierten, indem sie ihre Zuhörer, wie Ottobrunns Thomas Loderer, 75 Minuten oder länger mit ihrem Rechenschaftsbericht strapazieren; und die Lässigen, indem sie Beschwerden ihrer Bürger mit einer schlagfertigen Antwort parieren - so wie Grasbrunns Klaus Korneder. Ihm hielt ein Zuhörer wegen der vielen Autos und Raser im Ort vor: "Herr Bürgermeister, Sie haben ein Verkehrsproblem in Ihrer Gemeinde!" Darauf Korneder: "Darf ich fragen, wie Sie heute Abend hierher gekommen sind?" Unnötig zu erklären: Zu Fuß war es nicht.

Und dann gibt es da noch die Anfänger. Zu denen gehört Taufkirchens Ullrich Sander. Im Gegensatz zu den Neusiedls, Straßmairs, Loderers und Korneders ist er erst seit einer Wahlperiode im Amt, steht am 15. März also vor seiner ersten Bewährungsprobe und der Ausgang kann - wie man Taufkirchen kennt - zumindest spannend werden. So viel wird auch Sander in den bald sechs Jahren im Rathaus mitbekommen haben. Was er allerdings offenbar nicht weiß: dass man als Bürgermeister Amt und Person sowie Gemeinde und Partei trennen muss. Im Kultur- und Kongresszentrum ließ er diese Woche die Taufkirchner am Ende seines Rechenschaftsberichts jedenfalls wissen: "Wir beide freuen uns, wenn Sie uns Ihre Stimme geben." Womit er ungefragt gleich den ebenfalls anwesenden Landrat Christoph Göbel vereinnahmte. Wer den Landrat kennt, ahnt, dass ihm diese plumpe Werbung in eigener Sache peinlich gewesen sein dürfte. Und er weiß, dass Göbel diese keineswegs nötig hat.