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Kreis und quer:Das Virus als Wahlhelfer

Diese Kommunalwahl ist eine besondere und dürfte Überraschungen bereithalten. Doch es gibt auch klare Favoriten

Wenn Christoph Göbel auch die kommenden sechs Jahre Landrat bleibt, dann hat er das auch dem Coronavirus zu verdanken. Ohne die Pandemie gäbe es keine Briefwahl und bekäme nicht jeder Wähler seinen Stimmzettel ins Haus geschickt. Damit dürfte die Wahlbeteiligung am Sonntag in allen 29 Landkreiskommunen in etwa gleich hoch sein. In normalen Zeiten wären dagegen vor allem in jenen Städten und Gemeinden besonders viele Wähler zu den Urnen gegangen, in denen auch über die Bürgermeister in Stichwahlen entschieden wird. Und das sind dieses Mal in erster Linie Kommunen mit einer großen linken Wählerschaft, in denen Kandidaten von SPD und Grünen zur Wahl stehen. Entsprechend hoch dürfte hier die Wahlbeteiligung werden. Dagegen ist in eher schwarzen Gemeinden die Entscheidung bereits vor zwei Wochen gefallen, sind Platzhirsche wie Oberhachings Stefan Schelle und Grünwalds Jan Neusiedl auf Anhieb durchgegangen. Das war vor sechs Jahren ähnlich, weshalb es sogar der als eher schwach eingestuften SPD-Gegenkandidatin Annette Ganssmüller-Maluche in der Stichwahl gelang, Göbel auf wenige Prozente nahezukommen.

Wären die Zeiten normal, müsste CSU-Mann Göbel also durchaus fürchten, dass sein Kontrahent Christoph Nadler von den Grünen mehr Wähler am Sonntag mobilisiert. Wegen Corona und der Briefwahl aber dürfte sich die Mobilisierung der jeweiligen Anhängerschaft nivellieren. Hinzu kommt: In Krisenzeiten wie diesen neigen die Wähler dazu, amtierenden, erfahrenen Kräften zu vertrauen. Das macht eine Wiederwahl Göbels mehr als wahrscheinlich. Eine Logik, die auch den meisten der neun Bürgermeister am Sonntag helfen dürfte, die um ihre Wiederwahl kämpfen. Christoph Böck in Unterschleißheim, Dietmar Gruchmann in Garching und Stefan Straßmair in Hohenbrunn gehen allesamt als Favoriten in die zweite Runde. Berechtigte Sorgen machen müssen sich dagegen ob ihr schlechten Ergebnisse im ersten Wahlgang Gabriele Müller in Haar, Thomas Glashauser in Aschheim und besonders Christian Kuchlbauer in Oberschleißheim.

Der Einfluss von Wahlempfehlungen unterlegener Kandidaten und Parteien dürfte dagegen eher gering sein. Die Wähler wollen schon selbst entscheiden, wem sie ihre Stimme geben, und sich das nicht vorschreiben lassen. Trotzdem ist es interessant, welch seltsame, lokal unterschiedliche Bündnisse diese Stichwahl befördert hat. In Hohenbrunn spricht sich die SPD für den CSU-Amtsinhaber aus, in Unterhaching die CSU für den Grünen-Herausforderer und in Garching verkneifen sich die Grünen eine Empfehlung für den SPD-Bürgermeister. Alt-Landrätin Johanna Rumschöttel von der SPD empfiehlt in ihrer Heimatgemeinde Neubiberg CSU-Mann Thomas Pardeller und die abermals unterlegene SPD-Landratskandidatin Ganssmüller-Maluche dessen Parteifreund Göbel. Rot-Grün - das ist im Landkreis München nicht nur arithmetisch keine Option mehr.

© SZ vom 28.03.2020
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