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Kreis und quer:Besser als Berliner Luft

Wenn ein Regisseur auf der Suche nach einem Drehort sein sollte, das Hachinger Tal böte sich an, zumal für Luftgeister

Kolumne von Udo Watter

Für ihre Darstellung der Wassernymphe "Undine" ist Paula Beer bei der Berlinale Ende Februar mit dem Silbernen Bären als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden. Der Start des gleichnamigen Films fiel dann zunächst wegen Corona ins Wasser, aber seit einigen Tagen kann man nach der Öffnung der Kinosäle die moderne, sagenhafte Liebesgeschichte zwischen einem zierlichen weiblichen Elementargeist und einem Industrietaucher auf großer Leinwand sehen. Man braucht weder 3-D- noch Taucherbrille, um den magischen Realismus der Unterwasserszenen zu genießen und dabei zu spüren, dass Netflix in den eigenen vier Wänden niemals den Zauber eines Lichtspieltheaters ersetzen kann.

Dass der Plot mal wieder im ohnehin aufmerksamkeitsverwöhnten Berlin spielt - der großartige Regisseur Christian Petzold scheute sich in einem Interview nicht, dafür den Begriff "Venedig des Nordens" zu gebrauchen - und überdies an einem Stausee im Bergischen Land, ist aus hiesiger Sicht zu verschmerzen. Klar, wir haben die Isar, Ismaning könnte auch als "Venedig der Nordallianz" durchgehen und der Heimstettener See lässt mit seinem Künstlernamen "Fidschi" märchenhafte Bilderwelten vor dem inneren Auge entstehen. Aber hey, der Landkreis hat als Drehregion auch so eine ruhmreiche Geschichte. Hier schufen Stanley Kubrick oder Alain Resnais Meilensteine der internationalen Filmgeschichte und Marcus H. Rosenmüller erfolgreiche deutsche Komödien.

Nun, wie man hört, plant Petzold aber noch zwei weitere Filme über Elementargeister - nach Wasser auch Erde und Luft. Und hier könnte man dem Regisseur, der der Berliner Schule zugerechnet wird, nun doch für den Teil, der den Luftgeist zum Helden hat, ein sehr geeignetes Terrain im Umland als Drehort ans Herz legen. Der Hachinger Bach war vielleicht nicht passend als Filmhabitat einer Nymphe, aber das Hachinger Tal als bedeutende - und in dieser Woche wieder thematisierte - Frischluftschneise für die Stadt München wäre doch eine wunderbare Szenerie für einen modernen Ariel (Luftgeist aus Shakespeares "Der Sturm").

Der könnte, angetrieben vom regionalen Windsystem, dem "Alpinen Pumpen", zwischen Neubiberg und Unterhaching auf den dortigen berühmten regionalen Grünzug hinschweben, wohin ihn das romantischen Zirpe der dort lebenden Zwergfledermaus lockt. Und sich dann von einer in einen Mauersegler verwandelten Frau zart umgarnen lassen.

Selbst wenn sich diese Vorstellung am Ende nur als lokalpatriotisches Luftschloss erweist, bliebe in diesem Zusammenhang eine andere, kaum widerlegbare Theorie übrig, die diese Woche bei der Vorstellung des Bedarfsplans für weiterführende Schulen ebenfalls befeuert wurde: Der Landkreis hat mit mehr als 60 Prozent die höchste Übertrittsquote von Kindern an Gymnasien in Bayern und die Zahl der Geburten steigt hier auch stetig - wahrscheinlich, weil die Region so gut durchlüftet ist.

© SZ vom 11.07.2020
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