Kommentar Selbst verschuldeter Stillstand

Wenn die Infrastruktur der S-Bahn und deren Kapazitäten nicht erweitert werden, hilft auch der Bau der zweiten Stammstrecke wenig

Von Wolfgang Krause

Jahrelang wurde der Ruf nach einem Ausbau des S-Bahn-Systems von der Staatsregierung in schöner Regelmäßigkeit mit dem Verweis auf die geplante zweite Stammstrecke abgeblockt. Erst wenn der neue Tunnel unter der Münchner Innenstadt fertig sei, hieß es immer wieder, könnten im Umland zusätzliche Züge eingesetzt werden. Nun gibt es plötzlich Geld für einen durchgehenden 20-Minuten-Takt auf allen Außenästen. Und siehe da: Er scheitert nicht daran, dass die Erdarbeiten am Marienhof erst ganz am Anfang stehen. Es fehlen nur Fahrzeuge und Fahrer. Das sollte lösbar sein, wenn mehr als drei Milliarden Euro für einen Tunnel da sind.

2001 wurde die zweite Röhre beschlossen, bis zum Baubeginn vergingen 16 Jahre, in denen das Projekt immer wieder verschoben und infrage gestellt wurde. In dieser Zeit wurde nicht nur die dringend nötige Entlastung der bestehenden Stammstrecke verschleppt, auch auf den Außenästen passierte so gut wie nichts. Die Linie S 7 beispielsweise fährt sowohl nach Wolfratshausen als auch nach Kreuzstraße immer noch weitgehend auf einem Gleis. Und es wurde eben nicht einmal das umgesetzt, was - wie sich jetzt zeigt - ohne Baumaßnahmen möglich gewesen wäre.

All das muss jetzt schleunigst nachgeholt werden. Während bei der S-Bahn in den vergangenen Jahren Stillstand herrschte, ist die Bevölkerung im Großraum München rasant gewachsen. Deshalb braucht es schnell zusätzliche Züge, um die steigende Zahl von Pendlern zu transportieren und den Nahverkehr im Vergleich zum Auto attraktiv zu machen. Und es braucht zusätzliche Gleise auf den Außenästen. Denn das Bevölkerungswachstum geht weiter, gerade in der Peripherie. Wenn die Kapazität dort nicht erhöht wird, hilft die zweite Stammstrecke in zehn Jahren wenig - wenn sie dann fertig ist.