bedeckt München 14°

Junge Musiker:Metaphern der Nacht

Die Band: Twice as Mad

Fabian Fremuth und Vitus Lindbüchl treten zwar nur zu zweit auf, dafür spielen sie eine Vielfalt an Instrumenten - und singen können sie beide.

(Foto: Florian Peljak)

Mit "Raucherbereich" hat das Duo "Twice as Mad" aus Taufkirchen einen ersten kleinen Hit gelandet - seither steigt der Zuspruch

Von Christina Hertel, Taufkirchen/Grünwald

Wenn die Sonne die Nacht verdrängt, ist der Ostbahnhof in München für viele junge Menschen ein Reich zwischen Rausch und Kater, Club und Bett, bunten Farben und grauem Alltag. Über das Gefühl, mit durchtanzten Füßen und dem Wummern der Bässe im Kopf über den Bahnsteig zu wanken und der abfahrenden S-Bahn hinterher zu blicken, haben Fabian Fremuth und Vitus Lindbüchl als Duo Twice as Mad einen Song geschrieben. Zum Titel machten sie den Ort, an dem man in solchen Situationen landet: im Raucherbereich. Würde man den Song in den frühen Morgenstunden auf einem verlassenen Bahnhof hören, die Laune wäre wohl schlagartig besser. Denn die beiden schufen mit Gitarre, Ukulele und ihren leicht gelangweilt klingenden Stimmen ein Lied, das im Kopf stecken bleibt.

Vor kurzem traten sie damit bei einem österreichischen Radiosender auf, zwei-, dreimal im Monat spielen sie ihn auf Konzerten. Gerade, sagt Fabian Fremuth, werde alles mehr: Der Zuspruch, die Fans, die Auftritte. Ihren nächsten mussten sie allerdings wegen der Corona-Krise absagen. Statt in einer Kneipe spielen sie deshalb an diesem Donnerstagabend in ihrem Wohnzimmer in Taufkirchen. Zuhören kann man trotzdem: Um 20 Uhr starten sie einen Live-Stream auf ihrem Instagram-Kanal (www.instagram.com/twiceasmadband/.

Als Ausgehen noch erlaubt war, traten Fremuth und Lindbüchl zuletzt in einem zur Kneipe umfunktionierten U-Bahn-Waggon in München auf. Es ist ein Donnerstagabend, der sich nach Freitag anfühlt: Junge Menschen sitzen auf braunen U-Bahn-Bänken, es brennen rote Lichterketten und Fremuth und Lindbüchl stöpseln gerade ihre Instrumente ein. Beide sind 20 Jahre alt und kennen sich von der Realschule. Fremuth lebt in Taufkirchen und möchte im Herbst ein Politikwissenschaftstudium beginnen, Lindbüchl wohnt in Grünwald und arbeitet als Schreiner-Geselle. Sein "Geld-Verdiener-Job" sei das, sagt er. Denn eigentlich wollen die beiden am liebsten nur eines: Musik machen. Vielleicht nicht als Superstars, die einem irgendwann vom Zeitschriften-Cover entgegenlächeln. Eher als zwei Jungs, die mit ihren Gitarren jedes Wochenende in einer anderen Stadt auf einer anderen Bühne stehen. So beschreiben sie ihren Traum, der sich nach großer jugendlicher Freiheit anhört. Und so klingen auch ihre Lieder. Sie handeln vom Wirrwarr, in dem Menschen wohl häufiger stecken, wenn sie kein Kind mehr sind, aber auch noch nicht ganz erwachsen: Da sind Eltern, die einen nicht ernst nehmen. Bekannte, die cooler tun, als sie sind. Frauen, die man gern hat, aber eben nicht auf die Art, dass man mit ihnen gleich in ein Reihenhaus am Stadtrand ziehen wollte. Und vor allem ist da das Gefühl, dass irgendwo da draußen noch mehr sein muss - an Abenteuer, an Leben.

Ihre Texte sollte man dabei wohl nicht immer ganz ernst nehmen. Zwar singen sie "Wenn der Tag den Ostbahnhof erreicht, kotz' ich den Abend in den Raucherbereich", doch auf die Nachfrage, wie oft sie tatsächlich schon ihren Mageninhalt am Bahnsteig entleert haben, wissen sie keine Antwort. Weil man sich Musik ohnehin schlecht durchs Lesen nähert, stellt man beim Zuhören schnell fest: Die beiden können wirklich etwas, sind vielfältig virtuos. Fabian Fremuth und Vitus Lindbüchl spielen Gitarre, Ukulele, Bass, Piano, Schlagzeug. Zwischen Songs wechseln sie die Instrumente hin- und her. Mal singt der eine, mal der andere, mal singen beide zusammen. Gesangsunterricht hatte keiner von beiden, die Musikschule begrenzte sich bei Fabian Fremuth auf den Blockflötenunterricht in der Grundschule. Vitus Lindbüchl spielte als Kind Waldhorn, Trompete und Posaune - bis er mit 15 bei sich zu Hause eine Gitarre fand und plötzlich so viel übte wie nie zuvor. Der Musiklehrer war das Internet - so wie bei Fabian Fremuth. Zuerst bastelte er mit Computer-Programmen elektronische Musik zusammen, später brachte er sich mit Youtube-Videos das Gitarrespielen bei. Damals kannten sich die beiden vom Sehen aus der Schule.

Dann packte Vitus Lindbüchl auf einer Party seine Gitarre aus, spielte "wahrscheinlich irgendwas mit Liebe", wie er sagt, und Fabian Fremuth sprach ihn an. Etwa drei Jahre ist das her. Inzwischen machen sie mindestens dreimal die Woche zusammen Musik. Ein paar hundert Fans haben sie sich mittlerweile erspielt. Seit sie vor kurzem bei einem österreichischen Radiosender auftraten, würden es immer mehr, sagt Fabian Fremuth. Der Sender suchte neue Musiker, sie schickten ein Video ein und wurden ausgewählt, ihr wohl aufregendster Auftritt bislang. Früher sangen Fabian Fremuth und Vitus Lindbüchl auf Englisch, jetzt singen sie auf Deutsch, weil sie sich so besser ausdrücken könnten, wie sie sagen. Tatsächlich klingen die deutschsprachigen Lieder authentischer. Vielleicht weil Fremuth und Lindbüchl bessere Musiker geworden sind.

Wenn man sich durch ihre Youtube-Videos klickt, hört man, dass ihre Stimmen voller sind als vor ein, zwei Jahren. Vielleicht auch weil viele ihrer Texte von persönlichen Erfahrungen handeln, die sie wohl nicht so einfach in eine fremde Sprache übersetzen könnten. Ihr Song "Schwarzlicht" zum Beispiel ist eine Metapher für Nächte, in denen jeder ein wenig cooler rüberkommt als im echten Leben. "Schwarzlicht lässt auch nur bestimmte Bereiche leuchten", sagt Fabian Fremuth. In anderen Liedern steckt Wortwitz. In einen Song, den sie erst zwei Tage vor dem Konzert schrieben und bei dem ein Kumpel noch einen Zettel mit dem Text halten muss, packten sie alle möglichen Sprichwörter von "Scherben bringen Glück" bis "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", lauter Floskeln, mit denen Eltern Probleme abbügeln, während man sich eigentlich einen weisen Rat erhofft. "Scheiße, Wikipedia weiß auch keine Antwort" singen sie da. Doch manchmal kann das ja auch ganz aufregend sein.

© SZ vom 19.03.2020
Zur SZ-Startseite