Junge Künstler:Zwischen Eiszeit und Traumweh

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sophie kompe, autorin, unterschleißheim

Freut sich, dass sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben, Lesen und Sprechen, für die Bühne und kreative Projekte mit jungen Menschen teilen kann: Die Unterschleißheimerin Sophie Kompe.

(Foto: oh)

Die Regenschirmpoeten aus Unterschleißheim zeigen jede Woche am "Dreh-durch-Donnerstag" online den Kurzfilm eines Mitglieds. Den Anfang macht Sophie Kompe, die die Gruppe der jungen Wortakrobaten leitet

Von Udo Watter, Unterschleißheim

Niemand konnte besser im Regen singen und tanzen als Gene Kelly: Ein Mann, der pirouettendrehend die dunklen Wolken anlacht, weil er frisch verliebt auf Wolke sieben schwebt. Ein Mann, der den Regenschirm wieder schließt und als eleganten Spazierstock zweckentfremdet, weil er die Tropfen vor lauter Glück auf sein Gesicht prasseln lassen will - die berühmte Szene aus dem Filmmusical "Singin' in the Rain" von 1952 ist ein großartiger Stimmungsaufheller, immer noch.

Nun kann nicht jeder das Glück haben, frisch verliebt zu sein und eine Begabung fürs Steppen zu haben, um strahlend gegen die Unbill des Daseins anzutanzen - aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten, Larmoyanz und Lockdown-Langeweile zu überwinden. Die Regenschirmpoeten aus Unterschleißheim, zehn junge Autorinnen und Dichter im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, haben ja eher die Leidenschaft, mit Sprache zu jonglieren. Gemäß dem Motto "Bevor sie durchdrehen, drehen sie lieber einen Film", präsentieren sie von diesen Donnerstag, 11. Februar, an in Kurzfilmen ihre dichterischen Erzeugnisse: Die Serie der Poetry-Clips mit einer Länge von drei bis vier Minuten eröffnet die Leiterin der Gruppe, Sophie Kompe, mit ihrem Text "Eiszeit". Beginn ist um 21 Uhr - gleichzeitig mit der Ausgangssperre. In dem Filmchen präsentiert sie ihren persönlichen Durchdreh-Moment im Lockdown. "In verrückten Zeiten muss man verrückte Sachen machen", sagt sie. Nur so viel sei verraten: Ihre Kamerafrau ging für den Clip mit ihr in den Unterschleißheimer See.

Der Name "Regenschirmpoeten" ist übrigens nicht so sehr von Gene Kellys Tanzszene inspiriert, sondern vielmehr von Carl Spitzwegs berühmten Bild "Der arme Poet": Der hat in seiner Dachstube über der Schlafstelle einen Schirm hängen, zum Schutz vor der Feuchtigkeit, die durchs marode Dach dringt. Der Akt der Namensfindung war notwendig geworden, weil die zunächst als "Junior-Wortakrobaten" firmierende Gruppe, die 2018 aus einem Workshop mit Kompe heraus entstand, diese Bezeichnung bald als unpassend empfand. Die war angelehnt an die etablierte Unterschleißheim Autorengruppe "Die Wortakrobaten", in der die Mitglieder älter sind. Die Regenschirmpoeten entfalten ihre Lust an der Sprache und ihre Kreativität dagegen mehr in der "Performance" auf der Bühne, wie Kompe betont. Eine ihrer Übungen mündete in jene Assoziationskette: "Poeten, Pommes, kein Geld für Pommes, arm, arme Poeten, armer Poet von Spitzweg, Regenschirm, Regenschirmpoeten."

Kompe unterrichtet die Teenager normalerweise ehrenamtlich im Jugendkulturhaus Gleis 1 - derzeit freilich per Videokonferenz. Die Jungautoren bilden jetzt eben auf virtueller Ebene Assoziationsketten, reihen Satzgefüge spielerisch aneinander, toben sich in Rhythmus und Reim aus. "Für die ist das total normal", sagt Kompe. Die 1986 geborene Unterschleißheimerin hat Germanistik, Psychologie und Soziologie studiert und selbst schon Kinderbücher verfasst. Sie hat auch Erfahrungen als Poetry-Slammerin (unter anderem ist sie bei den "Lichblicke"-Konzerten in Unterschleißheim aufgetreten) und schreibt für die Detektivbuchreihe "Pepe und Max". Zum Schreiben gebracht hat sie ihr Großvater, der in Wismar lebt. "Er hat Theaterstücke auf Plattdeutsch geschrieben, selbst geschauspielert, stand mit eigenen Texten auf der Bühne und wollte, dass ich ihm Geschichten und Briefe schreibe, als ich gerade in der ersten Klasse war", erzählt sie. "Er hat meine ganzen Kindergeschichten in einem Buch zusammengefasst."

Sie sei dankbar, dass sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben und Sprechen, für die Bühne und für künstlerische Projekte mit jungen Menschen teilen kann. "Die Inspiration ist gegenseitig. Ich lerne auch so viel von ihnen." So gut der wöchentliche Poetry-Diskurs freilich derzeit auch digital funktioniert, ganz kann er den wirklichen Kontakt nicht ersetzen geschweige denn die charakteristischen Pommes, die bei den Treffen regelmäßig verköstigt wurden. Und bei aller Akzeptanz der aktuellen Situation spüren die Jugendlichen doch das Gefühl, "eingesperrt zu sein", wie Kompe sagt. Sich jetzt in einem kurzen Online-Format zu präsentieren, sei auch der Motivation geschuldet, am Beginn eines neuen Jahres, auch etwas Neues zu machen.

Nach Kompes Einstieg an diesem Donnerstag wird eine Woche später Quirin Weber, 19, seinen Clip zeigen. "Ein krasser Typ", wie Kompe lachend sagt. "Er ist unser ,Master of Metrik'. Sein Text lautet "Traumweh". In weniger als einer Minute präsentiert er die Welten seines Wortschatzes und Versmaß-Verständnisses - ein dreistrophiges Gedicht in daktylischen Tetrametern. "Man muss es sich sicher drei Mal anhören, um es zu verstehen", so Kompe. Am dritten Donnerstag wird Bianca Schüssler, Sängerin und Gitarristin der Unterschleißheimer Band Petrichor, in einem Clip zu sehen sein. Die 18-Jährige dichtet und gastiert bei Auftritten der Regenschirmpoeten oft mit ihrer Band. "Dann haben wir die musikalische Abwechslung", sagt Kompe. Ihr Text "Morgenchaos" wird am 25. Februar veröffentlicht.

Emotionen in Worte kleiden, Gedanken durch Sprache ordnen, frei erzählen, aus dem Alltag schweifen, rappen, reimen und performen - die Regenschirmpoeten sind Mitglieder einer speziellen Gruppe. "Das ist schon besonders, dass sich junge Menschen so für Sprache interessieren und dann auch dran bleiben", sagt Kompe. Keine schlechte Idee also, die Poeten auf dem Schirm haben, besonders jeden Donnerstag, wenn ein neuer, kleiner Beitrag gestreamt wird (auf Youtube, bei Facebook, Instagram und unter www.diewortakrobaten.com, zu finden über den Suchbegriff "Regenschirmpoeten").

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