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Islam-Debatte:Auf dem Weg zur Annäherung

Freitagsgebet Merkez Moschee Duisburg

Der Islam gehört zu Deutschland. Das sagte schon Christian Wulff. Doch diese Überzeugung ist nach wie vor nicht überall verbreitet.

(Foto: dpa)

Gehört der Islam zu uns? Die Jesuskirche Haar sucht die Antwort auf eine Frage, die sich gar nicht stellt.

Es ist eine Frage, die spaltet und zurzeit Tausende Menschen auf die Straßen treibt: Gehört der Islam zu Deutschland? In Dresden, Leipzig und anderen Städten sah es eine Zeit so aus, als würde eine große Masse darauf mit Nein antworten. In München dagegen haben viele tausend Menschen in den vergangenen Wochen in Gegendemonstrationen und mit Lichterketten ihre Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen deutlich gemacht. Und wie ist die Stimmungs- und Meinungslage am Stadtrand?

"Gehört der Islam zu uns?", fragt die evangelische Jesuskirche in Haar diese Woche. Und ist nicht allein schon die Tatsache, dass diese Frage sich überhaupt stellt, Ausdruck einer verbreiteten Skepsis oder Ablehnung? Wie auch immer. Sie trifft jedenfalls einen Nerv. Denn auch in Haar ist das Interesse groß. Die Stühle stehen dicht gedrängt bis auf den Gang, das Licht ist gedämpft, die Luft schwer im Gemeindesaal der Jesuskirche. Etwa hundert Zuhörer lauschen aufmerksam, manche schreiben mit, andere nicken wohlwissend, während Andreas Renz seinen Vortrag hält. Der ist - dies übrigens ein Zeichen der gelebten Ökumene in Haar - Leiter des Fachbereichs Dialog der Religionen im Erzbischöflichen Ordinariat München und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Und die Frage, die als Motto seinem Vortrag und der anschließenden Diskussion vorangestellt war, wird zumindest in Haar - wenn man von der Resonanz des Publikums ausgeht - an diesem Abend mehrheitlich bejaht.

Doch bisweilen ist auch starke Skepsis herauszuhören. "Da waren schon Positionen dabei, die würde ich als islamfeindlich einstufen", bilanziert Renz nach dem Vortrag. Ein Gast etwa zitiert Koran-Suren, um eine Neigung des Islam zur Gewalt nachzuweisen. "Es ist legitim, darauf aufmerksam zu machen", sagt Renz, "aber dann zu suggerieren, dass der Islam grundsätzlich gewaltbereit sei, ist problematisch. Die große Mehrheit der Muslime ist nicht gewaltbereit."

Eines der Hauptprobleme bei der Beurteilung des Islam ist laut Renz, dass kaum bis gar nicht zwischen sozialen Milieus und Organisationen differenziert werde. "Wir können nicht von den Muslimen in Deutschland sprechen, es gibt sehr große Unterschiede." So gibt es keinen Muslimverband, der alle Muslime in Deutschland vertritt. "Die Mehrzahl der Muslime in Deutschland ist nicht organisiert."

Reden über den Islam: Andreas Renz (rechts) im Gespräch mit Pfarrer Klaus Rückert.

(Foto: Claus Schunk)

Es gebe viele Menschen, die sich sehr intensiv, aber einseitig mit dem Islam beschäftigten, erklärt Renz. Und es herrsche ein großes Informationsdefizit. Zum Beispiel, was die Anzahl der hier lebenden Muslime betrifft. "Die Zahlen werden weit überschätzt", weiß Renz. "Oft wird der Anteil auf 20 Prozent oder mehr geschätzt. Das ist aber eine Fehlwahrnehmung. Es sind gerade einmal fünf Prozent." Die Reaktionen im Publikum: Gemurmel, Gelächter. Ein Hinweis auf Zustimmung oder Nachdenklichkeit? Oder artikulieren sich da Besserwisserei und tief sitzende, vernünftigen Argumenten nicht zugängliche Vorurteile? Vermutlich beides.

"Allah und der christliche Gott können unmöglich derselbe sein", wirft ein Zuhörer in der anschließenden Diskussion ein, die Altpfarrer Klaus Rückert moderiert. "Der eine sagt, er habe einen Sohn, der andere hat keinen." Oder eine Zuhörerin: "In manchen Städten bekommt man etwas zu viel Islam zu sehen, an der Landwehrstraße in München etwa kommen mir Muslime unhöflich entgegen." Eine andere: "Was man der islamischen Religion vorwirft, habe ich auch mit dem katholischen Glauben erlebt - die Einstellung: Nur wir haben den richtigen Glauben."

Der Verlauf des Abends zeigt: Die Menschen bewegt das Thema, sie wollen diskutieren, informiert werden. Sie fragen nach Inhalten der Religion, möglichen Widersprüchen, Zusammenhängen. Doch letztlich möchten sie auch eine Antwort auf die im Veranstaltungstitel gestellte Frage. Theologe Renz gibt sie, eindeutig, unmissverständlich: "Der Islam ist bereits Teil Deutschlands geworden. Wir können das nicht mehr rückgängig machen. Unsere Aufgabe ist es, damit zurechtzukommen und ein friedliches Zusammenleben zu versuchen. Wir haben keine Alternative, als uns in unseren jeweiligen Überzeugungen anzuerkennen." Wichtig dafür ist nach den Worten von Renz der Dialog. Man müsse miteinander in Verbindung treten, das sei das beste Mittel. Denn Muslimfeindlichkeit entstehe vor allem, wenn man Muslime nicht kenne und sich einen imaginären Feind im Kopf konstruiere.

In Taufkirchen funktionieren das Zusammenleben und der Kontakt schon ganz gut. Die Moscheegemeinde hat sich dort etabliert und steht im Austausch mit den Kirchen. Aber passiert das auch in Haar - vor allem von Seiten der Kirchengemeinden? Am Abend der Veranstaltung ist der Dialog zwischen Muslimen und Menschen anderer Religionen jedenfalls rar. Nur ein Muslim hat sich eingefunden: Ugur Kör von der Alevitischen Gemeinde München. Die Muslime müssten in die Debatte über den Islam in Deutschland miteinbezogen werden, fordert er.

Doch der Weg dahin ist offenbar noch weit. "Wir haben eine sehr aktive ökumenische Bewegung in Haar", sagt Hermann-Josef Becker. Er gehört dem "Treffpunkt Waldluststraße" an, einer Gruppe der evangelischen Jesuskirche, die regelmäßig Veranstaltungen organisiert, so auch diesen Vortrag. "Aber die Muslime sind bisher nicht eingebunden." Ob sich das bald ändert, sei fraglich. "Wir haben noch nicht darüber diskutiert", so Becker.

Erst stehe die Einbindung der griechisch-orthodoxen Kirche an, dann könne er sich vorstellen, dass das Judentum eher angesprochen werde. Aber der Islam? "Eine Annäherung an den Islam ist eine diffizile Sache, ich sehe ein Problem im konservativen Denken vieler Mitglieder des ökumenischen Kreises", schränkt Becker ein. "Im Moment ist die Zeit noch nicht reif dafür." Immerhin öffne man sich aber vorsichtig. "Die Differenz zum Islam zu überwinden, das muss uns irgendwann gelingen."

Dazu kann die Veranstaltung der Jesuskirche beigetragen haben. Das glaubt auch Ugur Kör. "Ich habe die Hoffnung, dass durch jede dieser Veranstaltungen die Menschen noch einmal nachdenken und selbstkritisch reflektieren", sagt der Vertreter der Alevitischen Gemeinde in München. Er ist es auch, der gegen Ende der Veranstaltung aufsteht und einen Satz spricht, der in seiner Klarheit die entwaffnende Antwort auf die Hauptfrage des gibt: "Wenn der Islam nicht dazugehört, was macht man denn dann mit uns?"

© SZ vom 14.02.2015
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