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Existenznot:Der Lohn reicht zum Wohnen nicht

2534 Menschen drohte 2020 im Landkreis Obdachlosigkeit, die Krise verstärkt die Misere

Von Oktavia Skorupa, Landkreis

Niedrige Löhne bei gleichzeitig hohen Mieten bringen im Großraum München weiterhin viele Menschen in eine Existenzkrise: 2534 Menschen sind allein im vergangenen Jahr im Landkreis München von Obdachlosigkeit bedroht gewesen, unter ihnen 552 Kinder. Das geht aus dem aktuellen Jahresbericht hervor, den die Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo) jetzt vorgelegt hat. In fast 90 Prozent aller Fälle konnten die Mitarbeiter der Awo helfen und eine Wohnungslosigkeit ihrer Klienten verhindern. Die Awo hilft seit 2009 Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Mittlerweile übernimmt sie in 21 der 29 Städte und Gemeinden diese kommunale Aufgabe.

Konkret haben sich im vergangenen Jahr 1535 Haushalte bei der Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) hilfesuchend gemeldet, für 1367 fand man eine Lösung. Bei einem Großteil konnte die Wohnung erhalten bleiben, durch eine Absicherung der Miete, die Regulierung von Schulden - zum Beispiel durch ein Darlehen über das Landratsamt - oder eine Vermittlung zwischen Vermieter und Mieter. In fast der Hälfte aller Fälle ließ sich der Wohnraum bereits vor einer Kündigung retten.

In jedem fünften Fall half die Fachstelle, eine andere Bleibe zu finden. Der präventive Erhalt des Wohnraums habe jedoch immer Vorrang, erklärt Fachbereichsleiter Stefan Wallner. Und im äußersten Fall gebe es immer auch Notunterkünfte. "Niemand muss im Landkreis obdachlos sein", so Wallner. Für den seltenen Fall sei aber auch die Obdachlosenberatung mittlerweile sehr gut ausgebaut, mit Angeboten in 21 von 29 Gemeinden.

Der Hauptgrund für Kündigungen waren 2020 in mehr als zwei Drittel der Fälle Mietschulden. Fast zwei Drittel der Betroffenen verfüge zwar über ein eigenes Einkommen, mit den Löhnen der zum Teil mehreren kleineren Jobs lasse sich die Miete aber häufig nicht decken. Rückläufig waren hingegen Kündigungen wegen Eigenbedarfs.

Insgesamt gab es im vorigen Jahr etwa 60 Obdachlosenmeldungen weniger als ein Jahr zuvor, für dieses und kommendes Jahr stellt sich die FOL aber auf mehr Fälle ein. Finanzielle Engpässe und die Auswirkungen der sozialen Isolation durch den Lockdown könnten sich erst verzögert bemerkbar machen. "Die Corona-Pandemie wird ihr Gesicht noch zeigen", sagt Wallner.

Nach seiner Einschätzung hat sich der Wohnungsmarkt im Landkreis auch im vergangenen Jahr nicht entspannt. Eine eigene Koordinationsstelle hilft seit Oktober 2018 gezielt bei Wohnungsanträgen, der Suche nach alternativen Wohnungsformen und Wohnlagen sowie Bewerbungsunterlagen. Ende 2020 startete die Arbeiterwohlfahrt zudem ihr Projekt "Gerechtere Wohnungssuche für Alle". Per spezieller Tabletcomputer, finanziert durch die Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern, können Betroffene nach einer geeigneten Bleibe suchen. Alle Anträge, Immobilienanträge und Kontakte seien dort gebündelt. So könne jeder, unabhängig von seiner technischen Ausstattung, auf nötige Informationen zugreifen.

© SZ vom 16.04.2021
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